#VeryBritish Sie sind schon ein lustiges Volk, die Engländer – auch wenn sie in einer Stunde geistiger Umnachtung für den Brexit votierten. Ihre manchmal skurrile, oft schrille, aber immer vornehme Art bleibt dennoch liebenswert, und ihre Royals sorgen weiterhin für Heiterkeit und Schlagzeilen. Und zwar nicht nur die Themsen-Lisbeth im Buckingham-Palast, sondern auch die zahlreichen Earls und Dutches und Lords und Ladys, die mit ihren mal mehr, mal weniger großen Anwesen übers ganze Land verstreut sind. Einer davon ist Henry, Earl of March, Darnley und Kinrara – oder kurz: Lord March – der seinen Herrschaftssitz Goodwood House gerne für das alljährlich im Sommer stattfindende Festival of Speed hergibt // Klassiker

   Westhampnett/England. Festival of Speed klingt nach Leistung, und genau darum geht’s dem Hausherren. Alles was mehr als genug PS unter der Haube hat ist gern gesehen, und darf sich beim traditionellen Hill Climb mit der Konkurrenz messen. Zwar ist der Begriff Bergrennen etwas weit hergeholt, schließlich hält sich die Steigung der 1,6 Meilen langen – und nach Aussagen zahlreicher Rennfahrer furchtbar schlecht asphaltierten – Strecke vor dem Goodwood House in Grenzen. Dem Spaß, den Fahrer und Zuschauer dabei haben, wenn vom Vorkriegs-Bentley, über Gruppe-B-Rallye-Autos bis hin zum aktuellen Elektro-Sportler alles vorbei rauscht, was Power hat, tut das freilich keinen Abbruch.

   Und überhaupt: Zwar ist das Rennen das offizielle Highlight des Festival of Speed. Aber ganz ehrlich: Wie beim Pferderennen in Ascot geht es hier eigentlich mehr ums Sehen und Gesehen werden. Das geht gut im Fahrerlager, wo die Teilnehmerautos auf ihren Start vorbereitet werden, aber noch besser auf den automobilen Jahrmarkt vor dem Goodwood House.

Während Porsche schon am Vorabend den neuen, 700 PS starken 911 GT2 RS enthüllt hat, nutzt Rolls-Royce den Trubel des Festivals und zeigt hier mit dem Dawn Black Badge seine düstere Seite, die sich allerdings abgesehen vom schwarzen Maßanzug nur in 30 Pferdestärken mehr Leistung ausdrückt. BMW stellt die jüngst enthüllte 8er Studie zur Schau, Maserati rückt das frische geliftete GranCabrio in die Juli-Sonne und auf der von Cartier gesponserten Exklusivitäten-Wiese tummeln sich dieses Mal nicht nur Aston Martin DB1, Pagani Zonda oder McLaren F1, sondern ihnen in Sachen Seltenheit in nichts nachstehende Fiat-500-Raritäten: Der froschgrüne Spaß-Umbau Zanzara von Zagato, der Roadster Gamine von Vignale, der Ghia 500 Jolly für den Strand, das Neckar Weinsberg Coupé von NSU und der knallgelbe Geländewagen Ferves Ranger.

   Mit dem berühmten Galopprennen in der Nähe von Windsor hat das Festival of Speed übrigens noch eine Gemeinsamkeit – und zwar nicht nur die zahlreichen Champagner- und Fish-and-Chips-Bars, wo sich die feine Gesellschaft lukullischen Genüssen hingeben kann. Nein: Beide locken auch zahlreiche Zaungäste an. Während in Ascot sich aber zwangsweise unzählige Schaulustige, die keine Karte haben, die Beine in den Bauch stehen, um einen Blick auf die Queen zu erhaschen, entscheiden sich in Goodwood viele ganz bewusst für einen Tag außerhalb des Festgeländes.

   Denn was auf den Parkflächen rund um Goodwood House abgestellt wird, dürfte für manchen Carspotter dem Paradies recht nahe kommen. Die Fairways des angrenzenden Golfplatzes, der natürlich auch dem Lord March gehört, werden kurzerhand für Bentleys, Rolls-Royce und Bugattis als Stellfläche freigegeben, vor dem Clubhaus richtete man eine Aston-Martin-Parking-Only-Zone ein und auf der Driving Range reihen sich AMG-Modelle, M-Boliden und Porsche-Sportler aneinander wie auf einem automobilen Verladebahnhof. Und wer genau hinschaut, entdeckt dazwischen immer wieder mal Exoten von Pagani, Koenigsegg, Noble oder noch kleineren Edel-Schmieden, die man sonst nur vom Autoquartett kennt.


Galerie

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Fotos: Michael Gebhardt