#GinDesLebensNo.2 Philipp Waldeck, der Protagonist in Helmut Gansterers allmonatlicher Autmobil-Kolumne, ist öfter mal Gedankenverloren auf der Straße unterwegs. „Wenn ich so lenk und denk an nichts,“ fangen die meisten seiner Wanderbriefe in der Automobilrevue an. Doch Waldeck ist nicht der einzige, der sich mit der Gelassenheit des Hans-Guck-in-die-Luft hinters Steuer setzt. Als passionierter Fahrradfahrer weiß ich, wovon ich spreche.

   Wien. Ganz ehrlich. Ich bin viel und gern mit meinem Drahtesel unterwegs. Zumindest beim Thema Verkehr, also dem auf der Straße, reiht sich die beschauliche Donau-Metropole Wien gefühlt direkt hinter London, Rom und Paris ein. Ein Auto ist hier vor allem eins: hinderlich. Und ehe ich alternativ in die U6 steige, die mancher aus der Feder Stephen Kings entsprungen glaubt, schwinge ich mich auch im Winter lieber auf mein Bike, und lebe tagtäglich das Leben eines Stuntman. Und das nicht nur wegen lenkender, aber nicht denkender Automobilisiten.

   Ein bisschen Brad Pitt, ein bisschen Batman, ein bisschen Wally Rose. Multitasking und übersinnliche Kräfte sind als Radler im Straßenalltag gefragt: Hier ein Autofahrer, der nicht blinkt, und doch den Esprit eines spontanen Linksabbiegers versprüht. Dort sitzt eine in ihrem Wagen, schmiert den Lippenstift noch zurecht und öffnet gleich ausladend die Fahrertür. Manche glauben an das Vorrecht des Kinderwagens und stupsen diesen voller Elan gleich auf die Straße, woanders spielen auf der Gasse ein paar tollkühne Jungs in sommerlich kurzen Shorts noch eine Runde Fussball, ohne es zu können… Gefahren für Radler lauern überall!

   Ganz ehrlich, oft wünsch ich mir auch als Biker einfach mal einen Teil des Denkens an die Technik abgeben zu können. Bei den großen, rollenden Blechhaufen übernehmen immer mehr Assistenzsysteme das angestrengte Beobachten des Verkehrs. Warum kann das dann nicht auch das Radl? Schließlich arbeiten ja sogar Autobauer wie Mercedes-Benz oder BMW an High-Tech Drahteseln! Ganz einfach: Weil kein Algorithmus der Welt all diese Unwägbarkeiten, denen man auf dem Zweirad ohne die sichere Knautschzone eines Automobils um sich herum ausgesetzt ist, vorausahnen kann!

    Und selbst wenn, so scheiterte das selbstlenkende und selbstbremsende Fahrrad wohl ganz einfach an der Umsetzung. Denken wir nur an eine so fantastische Erfindung wie das ruckelnde Auto-Lenkrad, das einen aufmerksam macht, wenn man auch nur ein bisschen über die Fahrbahn-Markierung driftet. Wie wäre das auf dem Fahrrad? Der ganze Lenker vibriert, vielleicht so wie die Gerätschaften von Frau Uhse? Oder gleich der Sattel? Keine Frage, es dürfte Fahrradfahrer geben, die sich das wünschen…

   Schon solche Kleinigkeiten aber würde das Fahrrad regelmäßig an seine Grenzen bringen. Und wie sähe es denn erst mit autonomen Fahren aus? Nicht nur Tesla gibt auf dem Gebiet gerade mächtig Gas. Aber stellen wir uns mal vor, das Fahrrad übernimmt selbst das Steuer und die von Google Maps errechnete Route führt über die Autobahn? Ich freue mich schon, wenn Sie auf Ihrem alten Drahtesel, der den Anweisungen automatisch folgt, auf der Autobahn eben nicht links an mir vorbeidüsen.

   Ach, was da noch alles an Problemen auf uns zu kommen würde. Wenn der Benz erstmal selber fährt, werden ihn die Ingenieure hoffentlich so programmiert haben, dass er auch anständig blinkt, wenn er abbiegen will. Aber wie haben wir uns das auf dem Fahrrad vorzustellen? Stromstöße sorgen dafür, dass sich der rechte Arm vom Lenker entfernt und in die Höhe katapultiert wird? Nein, nein, am Ende wird so ein Mechanismus noch von der Norbert-Hofer-Partei missbraucht…

    Aber auch die heute schon erdachte Technik gerät auf dem Zweirad schnell in die Bredouille. Natürlich spielen Sie, brav wie Sie sind, während der Fahrt nicht mit dem Smartphone, sondern lassen sich neue Nachrichten von ihrem High-End-Infotainment-System vorlesen. Und jetzt machen Sie das mal auf dem Fahrrad, wo die Handynutzung zu Recht auch verboten ist: Aber bitte in einer Lautstärke, bei der Sie zwischen Zwölf-Tonner und Elektro-Smart auch alles verstehen. Wenn dann die Affäre, die Sie seit drei Monaten haben, darüber schreibt, wie wunderbar die letzte Nacht gewesen ist, möchte ich ein Foto von, genau, Ihrem Gesicht.

   Nein, nein, dieses ganze moderne Technik will nicht so recht zum Fahrrad passen. Radeln wird immer oldschool bleiben. Keine selbstaufblasenden Reifen, keine selbstaufladende Kraft in Ihren Waden, auch keine Sitzheizung – etwas, was mir persönlich manchmal wirklich fehlt. Fahrradfahren ist eben authentisch. Es verlangt Ihnen alles ab. Alle Sinne, alle Konzentration, alle Muskeln. Sie reagieren auf Gerüche, Geräusche, Rufe, Schreie, Bewegungen. Besser als jeder Computer. Riskanter als jeder Stuntman. Fahrradfahren ist gefährlich, vor allem wegen denen, die lenken und nichts denken.

   Doch es gibt eine Lösung: Machen Sie es wie ich, fahren Sie mit Vernunft. Ich radle langsam, gemütlich in Sonntags-Manier, bedacht und immer bremsbereit. Zumindest meistens: Wenn es allerdings mal schnell gehen muss, mach ich es auch wie die anderen: Zwischen zwei Autos durch, gerade noch an der weißen, schick lackierten Tesla Stoßstange vorbei, zwischen Oma und Kindergartengruppe hindurch, die wienerischen Fluch-Worte nicht verstehend, das Gehupe überhörend und schließlich den rechten Arm nicht ausgestreckt und abgebogen. Genau deshalb sei an dieser Stelle auch erwähnt: Es gibt mittlerweile wirklich schicke Helme, die schöne Stuntman-Köpfe noch viel schöner machen. Das betrifft im übrigen auch die Fahrradmode, sei aber an anderer Stelle präziser diskutiert.