#kannauchdreckigwerden Der Bentley Bentayga ist das Luxus-SUV par excellence. Doch das Dickschiff für Reiche hat auch keine Hemmungen, sich abseits der Straße den schicken Anzug nach Herzenslust dreckig zu machen. Die Ausfahrt

   München, Wien. Die englische Königin ist bekannt dafür, dass sie selten Gefühle zeigt. Doch als ihr Lieblings-Schiff Britannia damals außer Dienst gestellt wurde, rollte ihr schon eine Kullerträne über die herrschaftliche Wange. Aber Rettung naht: Das neue Dickschiff von Bentley könnte ein Trostpflaster für die Themsen-Lisbeth sein! Zwar kann der Bentayga nicht so schön schwimmen, ist aber ähnlich klobig – und die deutlich komfortablere Alternative für Ausflüge ins Gelände, die die Queen auf Schloss Balmoral bisweilen mit einem alten Land Rover Defender unternimmt. Dass man für den mindestens 208.488 Euro teuren Bentley ein königliches Portemonnaie braucht, sollte Lissi selbst angesichts leerer Staatskassen nicht wirklich zu Tränen rühren.

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   Aber: Wieso eigentlich ein SUV von Bentley? Der britische Hersteller ist für seine hochklassigen Luxus-Limousinen bekannt, mit altehrwürdigen Formen und immer noch zeitlosem Erscheinungsbild. Auch die die schnittigen Zweisitzer haben Historie, schließlich hat die Marke eine ruhmreiche Motorsport-Vergangenheit. Aber ein Kraxler? Ganz abwegig ist die Entscheidung nicht. Zwar mag das britische Volk nicht genau durchdacht haben, was es mit dem Brexit-Votum angerichtet hat und sind die Konsequenzen noch nicht abzusehen. Doch zumindest Bentley weiß, dass man mit der Zeit gehen muss, sonst muss man bekanntlich mit der Zeit gehen. Und wie bei allen anderen Marken darf eben auch beim Hoflieferanten des britischen Königshauses ein Hochbeiner nicht im Programm fehlen. Schließlich gilt es zu vermeiden, dass der Adel zur Konkurrenz überläuft. Die schläft nicht, und auch Rolls-Royce arbeitet schon mit Hochdruck an seinem ersten SUV – das man ja nie bauen wollte…

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   Wie es sich für ein königliches SUV gehört, ist das äußere Erscheinungsbild des Bentayga voluminös, und flößt einem schon im Rückspiegel eine gehörige Portion Ehrfurcht ein. Zaghaft öffnen wir die schweren Türen dieser Trutzburg und lümmeln uns in die bequemen Sessel – ja, so sitzt der Adel gern: Hoch auf dem Thron, alles überblickend. Damit die Türen nicht laut zugeknallt werden müssen, reicht es sie heranzuziehen, den Rest übernimmt selbstredend die Servoschließung. Schließlich wollen ja auch die royalen Ohren geschont werden. Also bloß keinen Stress aufkommen lassen! Unser Blick schweift über das großzügige Cockpit: Edelste Materialien verschmelzen zu einem harmonischen Bild aus luxuriös und sportlich-robust. Die Engländer verstehen ihr Handwerk, und für die wählerische Kundschaft muss ja schließlich auch alles stimmen.

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   Das gilt natürlich auch für den Motor. Wir starten das Triebwerk per Knopfdruck und 608 Pferde erwachen in einem leicht anachronistisch wirkenden Sechs-Liter-Zwölfzylinder zum Leben. Sanft auf das Gaspedal gedrückt, schon sprintet der Bentayga leichtfüßig los, als ob nichts einfacher wäre, als zweieinhalb Tonnen in Bewegung zu setzen. Diese Nonchalance kommt nicht von ungefähr: 900 Newtonmeter Drehmoment packen beeindruckend zwischen 1.350 und 4.500 Umdrehungen zu. In nur 4,1 Sekunden ist das Dickschiff auf Landstraßentempo gebracht und gibt einem dabei stets das Gefühl, dass es noch mehr Power in Reserve hat. Erst bei 301 km/h geht dem SUV die Puste aus – solche Breath-Control-Spiele sollte man allerdings nur dann ausprobieren, wenn mehr als reichlich Platz zum Bremsen vorhanden. Die Stopper müssen schließlich jede Menge Energie vernichten, um diesen Klotz wieder zum Stehen zu bringen.

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   Das Verzögern wirkt deutlich angestrengter, als das Beschleunigen. Wer überholen möchte, braucht das rechte Pedal nur leicht mit den Ledersohlen der rahmengenähten Schühchen streicheln, schon lässt man fast alle anderen Verkehrsteilnehmer hinter sich – eines Kick-Downs bedarf es im Bentley-SUV nur sehr, sehr selten. So kräftig der Bentayga nach vorne prescht, so durstig ist er dabei: Selbst wer nicht die Sau raus lässt, kann der Tanknadel beim Wandern zusehen. Den Durchschnittsverbrauch von 13,6 Liter kann man auch bei gemäßigter Gangart nicht realisieren. Rund 15 Prozent muss man, ähnlich wie auf Online-Dating-Plattformen bei der Gewichtsangabe, aufschlagen, und das sogar bei gemütlicher Fahrt. Aber wer sich den Bentayga leisten kann, wird sich wohl kaum am hohen Spritverbrauch stören. Aber vielleicht an den häufigen Stopps an der Tankstelle. Wen das zu sehr nervt, der kann zukünftig auch einen Diesel ordern. Aber: Ein Selbstzünder im Bentley? Das ist in etwa so, als würde die Queen fortan Kaffee trinken.

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   Selbstredend ist der Bentley höchst komfortabel gefedert und schluckt alle Bodenunebenheiten einfach so weg. Eine gute Figur macht er aber auch abseits des glatten Asphalts: Ob auf Schotterpisten, im Schlamm oder durch kleinere Bäche, der Bentayga macht vor nichts Halt und stört sich auch nicht daran, den edlen Smoking mal ordentlich einzusauen. Zwar werden die meisten Käufer der galanten Pummelfee die verschiedene Offroad-Fahrmodi nicht unbedingt brauchen, doch wenn man mal kräftig rumsauen möchte, ist es doch immer gut, wenn man sagen kann: Ich könnte, wenn ich wollte.

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   Aber gibt es auch etwas, was der Bentley nicht kann? Ja! Zum einen geht er nicht gerne auf Parkplatzsuche, was in Anbetracht der Länge von 5,14 Meter verständlich ist. Und auch ausgiebige Kurvenjagden zählen nicht zu seinen besonderen Vorlieben. Denn so schnippisch er die Physik bei der Längsbeschleunigung mit seinem durchtrainierten Unterbau im Fat-Suit austrickst, so schlagfertig kontert diese bei jeder Biegung mit der Fliehkraft, die den Koloss unnachlässig nach außen drängt. Zum Glück lässt sich die Federung etwas straffen, dann können Biegungen einen Tick flotter durcheilt werden.