#kannbaldstromern Mercedes und Audi arbeiten mit Hochdruck am Elektro-SUV. Schließlich wollen sie das lukrative Geschäft nicht allein dem Tesla Model X überlassen. Doch während die deutschen Premium-Autobauer große Pläne schmieden, schleicht sich auf der Los Angeles Auto Show der Jaguar auf Samtpfoten an – und fährt ihnen mit dem quasi serienreifen I-Pace in die Parade.

   Los Angeles. Was haben wir gestaunt, als Mercedes auf dem Pariser Auto Salon mit einem Elektro-SUV ums Eck kam. Klar, dass man auch Hochbeiner unter Strom setzen kann, ist spätestens seit dem Tesla Model X kein Geheimnis mehr. Und dass die E-Mobilität ohne die ach so beliebten Großstadt-Kraxler nicht in Schwung kommen wird, kann man sich denken. BMW i3, Elektro-Smart oder Nissan Leaf sind schön und gut, aber das Gros der Autofahrer will dieser Tage nun mal SUV fahren. Und wenn es das nicht mit Stromantrieb gibt, dann steht halt weiterhin ein Benziner oder Diesel in der Garage.

   Auf jeden Fall hat Mercedes an der Seine ganz schön für Aufregung gesorgt. Nicht nur, weil die Studie Generation EQ einen recht konkreten Ausblick auf den EQC gegeben hat, sondern weil damit gleich der Grundstein für eine ganz neue Sub-Marke gelegt werden soll. Mercedes-EQ reiht sich als hauseigene Öko-Sparte neben der Performance-Brand Mercedes-AMG und der Luxusmarke Mercedes-Maybach ein. Los gehen soll es „noch vor 2020“, was in der Marketingsprache so viel heißt wie Ende 2019.

   Der Mercedes käme, wenn alle Pläne sich erfüllten, ein Jahr nach dem Audi Q6 e-tron. In Anbetracht Audis zuletzt zahlreich verschlissener Entwicklungsvorstände und verschobener Premieren dürfte der Starttermin des Ingolstädters aber zumindest wackeln. Sehr zur Freude von Tesla: Noch zwei, drei Jahre, in denen sie mit dem Model X ganz allein den E-SUV-Markt abgrasen können. Doch der Autopionier aus Kalifornien hat die Rechnung ohne Jaguar gemacht. Ausgerechnet in Teslas Heimat, auf der Los Angeles Motorshow, verkündeten die Briten jüngst, so ganz nebenbei, dass sie auch einen strombetriebenen Softroader in der Pipeline haben.

   Das allein erstaunt schon, war das Thema Elektrifizierung bei Jaguar bislang doch eher stiefkindlich behandelt worden. Der eigentliche Paukenschlag aber ist der Zeitplan. Schon Ende 2017 will Jaguar den I-Pace enthüllen und nur wenige Monate später soll er bereits in den Schauräumen der Händler stehen; vorbestellen kann man den Stromer sogar schon jetzt. Rums, das hat gesessen.

   Das Jaguar an seiner Agenda festhalten kann, daran bestehen nach der ersten Inaugenscheinnahme des I-Pace keine Zweifel. Offiziell als Studie deklariert, sieht das 4,68 Meter lange SUV doch schon sehr nach Serie aus. Gut, die 23 Zoll großen Räder werden sicher einer Tauglichkeitsprüfung zum Opfer fallen, und das ein oder andere Detail im Innenraum werden die Controller wohl auch noch mit dem Rotstift streichen. In Summe aber werden wir das Concept Car schon in gut einem Jahr auf der Straße sehen.

   Dann muss sich das Tesla Model X warm anziehen: Vergleichbare 500 Kilometer Reichweite verspricht Jaguar, gepaart mit standesgemäßer Leistung; schließlich müssen vor allem wegen der 90-kWh-Batterie über zwei Tonnen Leergewicht bewegt werden. Zwei E-Motoren, an jeder Achse einer, sorgen deshalb gemeinsam  für 400 PS und Allradantrieb. Auf Tempo 100 soll der Stromer, der in Österreich bei Magna-Steyr gefertigt wird, in rund 4 Sekunden sprinten. Genau so schnell wie ein F-Type R.

Punkten will der Britzel-Jag aber nicht nur mit sportlicher Leistung, sondern auch mit jeder Menge Platz. Schließlich sind weder Verbrennungsmotor noch Kardantunnel im Weg. „Durch den Elektroantrieb und das Cab-forward-Layout rückt die Sitzposition nach vorn. Dabei nimmt die Bewegungsfreiheit für die Fondpassagiere zu. Dazu kommt noch ein 530 Liter großer Kofferraum, ohne dass darunter die dramatische Silhouette leiden würde”, so Design-Direktor Ian Callum

   Ob die Silhouette nun wirklich dramatisch ist, darüber lässt sich streiten. Fakt ist: Der I-Pace ist ein typischer Jaguar. Frisch interpretiert, aber eindeutig zu erkennen. Und deutlich schicker als das etwas pummelige Model X ist er obendrein. Zwar fehlt der Wow-Faktor der aufschwingenden Türen, doch wird der Jaguar solche Spielereien mit Leichtigkeit wett machen. Zum Beispiel durch Qualität. Wer einmal im Tesla Platz nimmt, merkt schnell: Hier sind Enthusiasten am Werk, mit Strom im Blut und dem Mut, etwas Neues zu wagen. Dafür über 100.000 Euro zu verlangen, zeugt aber ebenfalls von Chuzpe. Jaguar dürfte sich nämlich mit gut 20.000 Euro weniger zufrieden geben.

Fotos: Jaguar