#kannnichtjederrein In Åre, dem skandinavischen Wintersport-Mekka gut 600 Kilometer nördlich von Stockholm, gibt es zahlreiche gemütliche Kneipen und Bars, die nach einem anstrengenden Skitag zum Entspannen und gemütlichen Beisammensitzen einladen. Und es gibt den Svartklubben – ein Restaurant, das es eigentlich gar nicht gibt. Und in dem sich Freunde treffen, die gar keine Freunde sind. Wir sind Åres Unterwelt eingetaucht – und waren durchaus froh, als wir wieder rauskamen // Restaurant

   Åre/Schweden. Ort des dubiosen Geschehens ist ein kleiner, ehemaliger Kiosk, nur wenige Schritte entfernt von Åres Hauptplatz, in einer Seitengasse. Das Gebäude ist unscheinbar, der Vorbesitzer hat sein Ladenschild an der Fassade gelassen, die Schaufenster sind verdunkelt. Eine kleine Kerze zeigt denen, die es wissen, dass sie hier richtig sind, und statt einer Klingel gibt es nur ein Tastenfeld. Wer den richtigen Code nicht kennt, kommt nicht rein.

   Wer die geheime Zahlenkombination alles weiß, weiß man nicht so genau. Der Betreiber des Svartklubben, also Schwarzklub – der übrigens hauptberuflich das nördlichste Sterne-Restaurant sein Eigen nennt – macht aus der Gästeliste genauso ein Geheimnis wie aus dem Klub selbst. Per Einladung wurden Freunde des Hauses über die Existenz der dunklen Dependance in Kenntnis gesetzt, munkelt man, mit der Bitte um Verschwiegenheit.

Gehört man einmal zu Kreis der Erlauchten, ist es wohl nicht mehr schwer einen Platz zu ergattern; sich ein paar Tage vorher anzumelden reicht, erklärt der Haus-Chef im groß karierten, dafür aber zu eng geschnittenen Sakko, der uns persönlich begrüßt. Natürlich gehören wir nicht zu Åres Geldadel, doch mit Hilfe von Volvo konnten wir die Einlass-Parole ausfindig machen; Nationalstolz scheint auch hier über Geheimniskrämerei zu gehen, und es fand sich in dem nur wenig über einhundert Quadratmeter großen Raum noch ein Tisch für uns.

Maximal zweiundzwanzig Gäste hätten hier Platz, erzählt die sowohl Ober- als auch einzige Kellnerin; wir tippten eher auf fünfzehn. Bevor die alle da sind, gibt’s nichts zu essen. Man steht also zwanglos mit einem der vier angebotenen Cocktails in der Hand um einen Bartisch, knabbert Rohkost-Sticks, lässt sich hauchdünn aufgeschnittenen Schweinenackenschinken auf der Zunge zergehen oder tunkt frittierte Anchovis in fettige Mayo. Und wartet, bis das Publikum komplett ist.

Es treten auf (nach uns, da wir pünktlich waren): Eine junge Dreier-Clique, vermutlich ein Paar, mit ihrem Bruder im Schlepptau; ein Mittdreißiger, mit wenig Haaren, dafür aber viel Bart (Typ gutverdienender Ölplattform-Arbeiter) nebst bestem Kumpel; ein Vater mit seinen zwei Töchtern, wobei die eine auch die neue Liebe sein könnte; zwei Amerikaner, die den Hausherrn zu kennen scheinen; ein junger Schwede, der problemlos als Zwilling des Schlagerbardens Mans Zelmerlöw durchgehen würde, in Begleitung zweier junger Damen, von denen mindestens eine seine Freundin zu seien scheint; und ein spanisches Touristenpaar, beide gekleidet wie für einen Besuch in der Hofreitschule. Wie letztere es auf die Gästeliste geschafft haben, bleibt wohl für immer ihr Geheimnis. Vielleicht sind sie auch mit Volvo da?

Nachdem sich alle begrüßt und geherzt haben und die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht wurden – wir sollen uns schließlich fühlen wie bei Freunden, erklärt der Garçon! – wird jedem sein Platz zu gewiesen. Den älteren Herren mit den vermeintlichen Töchtern sowie die spanische Delegation führt man zu den beiden, kleinen Rundtischen, an die lange Tafel, die eigentlich nur Platz für acht hat, müssen sich die zehn anderen quetschen. Nur wir werden etwas abseits, an dem eben noch als Empfangstisch dienenden Hochsitz platziert. Hat der Chef etwa gemerkt, dass uns das Ambiente ein wenig befremdlich anmutet?

Aber gut, wir sitzen erhöht, haben alle im Blick und können uns gemütlich im Raum umsehen. Viel zu entdecken gibt es allerdings nicht, die Wände sind dunkel vertäfelt, die Decke weiß gestrichen, und außer ein paar Wirtshauspflanzen, die bei uns ihr Dasein in verruchten Eckkneipen fristen würden, hat man auf Dekoration verzichtet. Gleich bei der Tür ist eine kleine Bar, an der vorbei geht es in die Küche. Daneben ein gläsernes Regal, in dem, zusammen mit ein paar Töpfen eingelegter Stachelbeeren, eine teure Weinflasche neben einer noch teureren steht. Dazwischen ein paar Dekantier-Karaffen, in die gerade so 0,7 Liter reinpassen, und die wir selbst erst kürzlich im Finnair-Shop für 17.000 Meilen erstanden haben (die nie und nimmer für einen Inlands-Flug gereicht hätten).

   Nachdem wir nun schon gut eine Stunde bei den fremden Freunden zu Gast sind, ist die Ouvertüre endlich vorbei, und das gastronomische Orchester setzt an zum ersten Akt: Brot. Leckeres Sauerteigbrot, mit weicher Butter. Dazu ein paar eingelegte Heringsstreifchen und eine Radieschen-Rose, die ihres gleichen sucht. Wer auch immer sich die Mühe gemacht hat, die runde Knolle erst so hauchdünn zu tranchieren und dann zu trappieren, hat sich seinen Lohn redlich verdient. Und schmecken tut’s auch noch.

Gleiches gilt für den einzeln entblätterten Rosenkohl, der, kurz angebraten, seine Heimat auf (vielleicht etwas zu) weich gekochten Zwiebeln fand, und für die Fischkroketten, die das Herz der beiden Iberer sicher haben höher Schlagen lassen. Wir hätten Sie beim Verzehr beobachten sollen, waren aber viel zu sehr damit beschäftigt, die Einzelteile der Brüsseler Sprossen auf die Gabel zu schlichten.

   Kurz scheint es, als wäre der erste Akt schon zu Ende, da setzt die Mannschaft nochmal an und trägt dünn aufgeschnittene Rinderzunge (lauwarm), ziemlich nassen Möhrensalat, und knackig-kross gebratenen Grünkohl herein. Letzterer mag Nordlichtern, die alljährlich mit dem Bollerwagen zur Kohlfahrt aufbrechen, vielleicht nicht zusagen, erweist sich für den süddeutschen Gaumen aber als Hochgenuss. Schön knusprig, und vor allem kräftig im Geschmack. Eine Eigenschaft, die wir uns wenig später lieber nicht gewünscht hätten.

Zweiter Akt: Nach den mehr oder weniger Vorspeisen-ähnlichen Köstlichkeiten geht es weiter mit einer Art Zwischengang. Lauwarmes Schweine-Rillette, zwar reichlich fett, dafür aber auch ziemlich schmackhaft, das wunderbar mit dem stets nachgereichten Brot harmoniert. Darauf hätte man es gut beruhen lassen können, aber nein, die Küche schickt noch ein Tontöpfchen raus, mit einem Inhalt, über den wir uns lieber ausschweigen wollen. Nur so viel: Das dazu gereichte, in sehr salziger Salzlake eingelegte Gemüse war gut, um den Geschmack im Mund wieder zu neutralisieren; aus der Nase verschwand er dagegen erst, als sich die Kellnerin erbarmt und das Näpfchen wieder mitnimmt.

Dritter Akt: Vom kulinarischen Schock des Zwischengangs erholt, steuern wir gespannt auf den Höhepunkt des heutigen Abends zu, den die Bedienung mit zwei frischen Gläsern einleitet, und der Frage, was man denn nun trinken wolle. Da sie aber nicht verrät, was da noch kommt, halten wir uns vorsichtshalber an das, was wir schon kennen und für gut befunden haben; kühlen Chablis und stilles Wasser. Allen anderen schenkt sich reichlich Rotwein aus einer dieser teuren Flaschen ein. Was mag dazu passen, fragen wir uns. Vielleicht ein Elch-Steak, Rentier-Gulasch, Fasanenbrust oder doch eine Rehkeule?

Keine Frage, gepasst hätte das alles hervorragend. Aber es kam: ein Hühnchen. Ein ganzes. So, wie man es in München auf der Wiesn bekommt und beim Broiler-Wagen vor dem Supermarkt kaufen kann. Dazu eine große Schüssel Salat mit wenig Dressing, zwei (!) halbe Kartoffeln, und ein großes Messer, denn zerlegen muss man den Vogel selbst. Klar, bei Freunden macht man das halt so. Hat man einmal herausgefunden, auf welcher Seite das Messer scharf ist, ließ sich das Getier ganz gut zerkleinern, und ja, geschmeckt hat es auch. So, wie ein Brathähnchen eben schmeckt. Aber muss man dafür wirklich in einen Schwarzklub? Und schmeckt es nicht zuhause, mit richtigen Freunden, noch besser?

   Darüber sinnierend – ohne eine Antwort zu finden – verzehren wir das Geflügel und kommen schwuppdiwupp beim Dessert an: ein kleiner, lauwarmer Apfelkuchen mit einem Klecks Sahne und einem großen Becher Eiskrem. Dazu frisch aufgebrühter Kaffe, zwei in Kokosflocken gewälzte Schokokugeln und so langsam die Erkenntnis, dass wir jetzt lange genug bei unsere neuen fremden Freunden waren. Während die erst anfingen, sich mit Whiskey und Rum so richtig kennen zu lernen, baten wir den Hausherrn dezent um unsere Jacken und wurden von ihm diskret zur Tür begleitet – wohlahnend, dass er wahrscheinlich genau so froh ist wie wir, dass dieser Abend für uns nun vorbei ist.