#GinDesLebensNo.3 Kürzlich ist es eskaliert. Im Büro. Zwischen einem Kollegen und mir. Das passiert nicht oft, aber es passiert. Ganz besonders dann, wenn man die Punkte Autoverkehr und Sicherheit anspricht. Da gehen mit mir die Pferde durch – oder eben die Bremse, wie mein Kollege meint.

   Es geschah an einem Montag: Ein Kollege erreicht, leicht gehetzt und leicht verspätet, seinen Arbeitsplatz. Nicht, dass man das von ihm nicht sowieso gewohnt wäre, aber auch an eben diesem grauen, verregneten ersten Herbsttag 2016 war der Grund für die Verspätung natürlich wieder einmal jemand anderes. In diesem Fall: der Stau. Natürlich nicht so direkt, sondern vielmehr die, die ihn verursachen. Die Schleicher, die Angsthasen, die Übervorsichtigen, also all jene, Achtung: Die auf der Straße höchstens dann etwas verloren hätten, wenn sie im öffentlichen Verkehr sicher verwahrt den Arbeitsplatz ansteuern würden. Und nicht etwa im eigenen Auto, wo sie doch nur eines verursachen: einen Stau. Den Stau, der offensichtlich die Halsschlagader meines Kollegen zum Pochen gebracht hatte.

   Doch: Meine schlägt bei diesem Thema mindestens genauso stark und laut und heftig. Denn all das, was der Kollege in seinem Anfall hervorgewürgt hatte, ist natürlich nicht nur absoluter Unsinn, sondern auch bar jeder Vernunft – sage ich.

   Ich zitiere weiter: „Gefahren werde in dem Tempo, das die Schilder vorgäben, gerne etwas schneller, langsamer aber keineswegs. Und würden ebendas alle machen, gäbe es auch keine Staus.“ Die würden verursacht durch all jene Schleicher, die übervorsichtig, zu langsam und damit vollkommen unpassend über den Asphalt tuckern würden, weit unter vorgegebener Mindestgeschwindigkeit, weil irgendein kleiner Ball gekullert kommen könnte, ein Radfahrer ohne Gleichgewicht stürzen oder das Gerüst am Straßenrand in sich zusammenknicken könne.

   Ja, meine Herrschaften: Das alles ist möglich. Und noch viel mehr. Plötzliche Windhosen, umkippende Tomatentransporter und unangekündigtes Auftauchen von Unbekannten Flugobjekten. Muldenabgänge sind auch in städtischen Gebiet möglich, Verfolgungsfahrten zwischen angefeindeten Clans sind heute keine Seltenheit mehr, und über die Sintflut möchte ich erst gar nicht sprechen. So wahr ich hier sitze: Manche der aufgezählten Möglichkeiten habe ich für meinen Teil bereits erlebt.

   Also darf ich wohl mit meinen geliebten 40 (Kilometern UND Jahren) durch die 50er-Zone fahren? Mit maximal 120 von Wien nach München und zurück – und das an einem Tag!? Bei 60 statt 100 den Duft der Kühe am Straßenrand geniessen?

   Ich darf. Und zwar ganz besonders dann, wenn die Verkehrssituation es verlangt. Und, ich wage mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich Ihnen sage: Die Verkehrssituation verlangt das immer.

   Das Führen eines Automobils ist kein einfaches Unterfangen. Schauen Sie doch nur, wie oft so mancher im Graben landet oder einen Baum umarmt, wie oft hier und da überholt wird, als gäbe es kein Morgen, wie häufig so manche dunkelrote Ampel mit einer Geschwindigkeit überquert wird, bei der man eigentlich den Knall vom Durchbrechen der Schallmauer erwarten darf. Die Straßen sind voll von jenen, die sich in Ihrem oft genug nur armselig abgesicherten Vehikel fühlen wie am Controller Ihrer PS4.

   Da wird man als vernünftiger Gutmensch doch einmal Vorsicht walten lassen und bewusst entschleunigen dürfen. Vom Gas gehen, statt der vorgeschlagenen, jawohl: vorgeschlagenen 50 km/h nur 40 km/h fahren, auf die Autofahrer vor und hinter einem beruhigend wirken dürfen.

   Abgesehen von dieser allgemeinen Sicherheitsvorkehrung, der bewussten Drosselung des Fahrens auf der Fast Lane, macht langsam fahren auch so richtig Spaß. Und das ganz besonders in Automobilen, die auf den ersten Blick auf Geschwindigkeit ausgelegt sind. Etwa im R8, den ich ungefähr so sehr vergöttere wie die zeitgenössischen Kunstwerke einen Jonathan Meese oder – mit einigen Ausnahmen – eines Jeff Koons.

   Dementsprechend würde ich, hätte ich auch nur einen dieser drei Kunstschätze, ihn auch entsprechend mit Respekt, Würde, Hochachtung und Genugtuung behandeln und, nun gut, der Vergleich hinkt vielleicht, durch die Gegend bewegen. Zumindest aber würde ich alle drei präsentieren. Ein R8 muss, so wird es vielleicht deutlicher, voller Grazie gefahren werden und nicht voller Hass und Wut und Suizidwunsch. Eben nicht rasant. Oder können Sie bei über 300 Kilometern pro Stunde auf der A8 Richtung Salzburg noch irgendetwas genießen? Nein. Weder das Soundsystem, noch den böllernden Motorklang, noch die Begleiter auf der A8 um sie herum, die wohlwollend das Kunstwerk zur Kenntnis nehmen. Ihnen entgeht also der Spaß Ihres automobilen Gesamtkunstwerks, dass Sie gerade fahren – und mit gar nicht mal so geringer Wahrscheinlichkeit an den nächsten Betonpfeiler setzen.

   Die Halsschlagader des Kollegen war nach meiner Kampfrede wider die Raserei dem Ende nahe, ich weiß nicht, welche Bezeichnung ich seiner Gesichtsfarbe hätte geben können, es muss ein leuchtender Farbton zwischen Purpur und Dunkelblau gewesen sein. Auf jeden Fall hatte das gesessen. Denn der Kollege war schlicht und ergreifend sprachlos. Ausgebremst halt.

   Ich hingegen habe mich in solchen Situation ja wesentlich besser im Griff. Vielleicht mag ich innerlich kochen, wenn man meine Meinung zur Verkehrssicherheit nicht versteht, geschweige denn akzeptiert. Aber ich habe dann ein sehr gutes „Rezept“, um schnell – Verzeihung – langsam wieder runterzukommen. Raus und ab in mein Auto, um mich bei gediegenen 20 Kilometern pro Stunde in der 50er-Zone abzureagieren. Zwei Mal um den Block, das hilft wirklich, um Dampf abzulassen.