#kannzuvielsein Geradlinigkeit und klare Kante sind sicherlich wünschenswerte Eigenschaften für eine Spitzenposition. Angesichts dessen kann der neue A8 in Audis Flotte mit seinem scharfen Profil punkten. Schwierig wird es allerdings, wenn ein allzu scharfes Profil sich als eiskalte Übertreibung herausstellt // Erster Blick

München/Barcelona. Mit großem Tamtam wurde der neue Audi A8 von seinem Schöpfer, Chef-Designer Marc Lichte, in Barcelona enthüllt, und nicht wenige sahen darin die Fortsetzung der 2014 auf der Los Angeles Auto Show gezeigte Prologue-Studie; Lichtes Erstlingswerk bei Audi. Und richtig: die Ähnlichkeiten bestimmter Themen sind augenfällig. Zum Beispiel das breite, deutlicher gezeichnete Trapez des Singleframe-Grills. Dieser darf nun fast mehr als zwei Drittel des gesamten Gesichts einnehmen. Und auch das über die ganze Breite durchlaufendes LED-Band am Heck haben wir in Los Angeles – und übrigens auch bei Lincoln – schonmal gesehen. Offensichtlich vorhanden, um das Bremsen äußerst deutlich zu indizieren, ist dieses Leuchtenband über seine funktionale Natur hinaus vor allem ein guter Grund für ein Spiel mit Chromleisten. Im Prologue jedoch, naturgemäß für Konzeptfahrzeuge, finden wir dieses deutlich dramatischer und kalligraphischer ausgeführt als im Serien A8.

 

Fangen wir aber vorne an: Schaut man dem Audi genauer aufs Maul, nimmt man die frische und ausgeklügelt ausgearbeitete, skulpturale Tiefe wahr. Hier wächst der untere Grillrahmen tief hinein in die Dunkelzonen der Karosserie. Er schwebt, mit Verzicht auf die bisher typischen Flügelflächen und ganz ohne Kontakt mit der Frontlippe, in einem die volle Breite der Front aushöhlenden Lufteinlass und verschwindet auf präzise ausgearbeiteten Rahmenflächen im Schatten. So bleibt nur eine genüssliche Vermutung, wie tief sich dieser Lufteinlass noch in die Karosserie hinein entwickeln darf. Der Singleframe, vielleicht die Ikone des modernen Audi-Designs, darf sich also endlich vollends zur Eigenständigkeit entwickeln.

 

Auch die Schulterlinie darf zukünftig wieder direkt in die Spoilerkontur des Kofferraumdeckels laufen. Audi lässt diese Linie im neuen A8, wie schon beim Prologue, in einem dramatisch schnellen Schlag ums Heck gleiten, ohne sie, wie noch im Vorgängermodell, in eine geradewegs vertikale Konturlinie Richtung Stoßfänger abzufangen. Doch was im Prologue mit Raffinesse gelingt; eine Verschärfung vertrauter Audi Konturen, die Dramatisierung des Ausdrucks, maßgeschneidert gezeichnet in eine voluminöse, sinnliche und dynamische Karosserie, das kippt im neuen A8 zu Ungunsten einer starren Architektonik. Was ist passiert?

 

Hier ist eine durchgängig horizontale Gliederung der Skulptur verantwortlich, das gesamte Auto lang und breit auftreten zu lassen, solide gleitend auf der Straße liegend. Das ist sicherlich das richtig Schnittmuster für einen staatstragenden Anzug. Und es ist auch nicht dieses Schnittmuster als solches, an dem letztendlich die leidenschaftliche Freude beim Anblick des neuen A8 leidet. Es ist eher die Art und Weise, die Masche, mit der dieses Schnittmuster auf die Karosserie aufgedrückt wurde.

Das Drama beginnt am Heck! Audi pflegt auch hier seine Tradition der konsekutiven Linie: Schwellerkonturen, Chromleisten und Schulterlinien tauchen durch das Radhaus hindurch und laufen fort ins Heck. Soweit so gut. Aus früheren Audi-Modellen sehen wir, welche Anzahl dieser Linien durchaus komfortabel ausreichen würde, um das Heck in ein reizvolles und schlüssiges Relief von Licht- und Schattenflächen zu gliedern. Im neuen A8 wird diese Lineatur aber deutlich aufgedreht!

 

Da sind zum Beispiel die, zugegebenermaßen vorgeschriebenen, Reflektoren im Stoßfänger. Wo der Prologue hier eine saubere, beschleunigt überspannte Fläche zwischen den Stoßfängerkonturen ziehen kann, muss im A8 eine ganze Sicke eingepresst werden. So weit auch noch ein bekanntes Thema. Doch das dann anschließende Spiel von Chromleisten um die Abgasaustritte führt zu einer grafisch überdeutlichen Betonung des Diffusors. Im Ergebnis sehen wir ein komplexes Wechselspiel von disproportioniert langen und schmalen Licht- und Schattenflächen – ein durchgängiges Phänomen am neuen A8, das uns später auch noch bei der Anschauung der Blister beschäftigen soll.

 

Doch zunächst zurück zum Heck. Dort taucht eine weitere Linie auf: Aus dem Versuch, dem Kofferraumdeckel mehr Profil an der unteren Abschlusskante zu verleihen, erwächst eine in die Seitenwand abtauchende Linie. Sie findet ihre Antwort in der hinteren Seitenwandfuge. Das allein funktionierte, würde diese Korrespondenz nicht durch die prägnant ins Licht geneigte Dreiecksfläche durchbrochen. Denn diese Fläche, eigentlich motiviert als Betonung einer durchgängigen, hochziehenden Kontur vom Schweller zum Heck, stört das Ensemble vielmehr, hat es leider in vielen Blickwinkeln die Tendenz, den optischen Anschluss an die Auflichtfläche des Schwellers zu verlieren, und wie ein losgelöstes Element zu wirken.

Man merkt es langsam: es ist etwas zu viel des Guten am neuen A8. Denn viele parallel gezogene Konturen zerschnüren das Volumen des Hecks. In den vielen kleinteiligen Flächenstücken ist keine ausgearbeitete Flächenspannung mehr möglich. Eine Karosserie wird durch das Licht gezeichnet. Und wenn dieses Licht nicht mehr über gespannte, voluminöse Formen in kalligraphischen Bögen wandern kann, dann gibt es nur noch zwei simple Alternativen: Licht oder Schatten. Spätestens dann finden wir uns aber lieber beim Atmosphärenspiel eines Case-Study-Hauses in Palm Springs, als augenschweifend über eine Fahrzeugkarosserie.

 

Schauen wir also auf die Blister; immer noch eine flüchtige Reminiszenz an goldene Quattro-Zeiten. Als die Breitreifen damals tatsächlich noch ordentlich mehr Platz in den schmalen Karossen brauchten, konnten wir wirklich von muskulösen Wölbungen sprechen. Im Falle des A8 bleiben aber kaum mehr als maue Sehnen übrig. Sie sind lang, dabei schüchtern schmal in die Schulter eingezwängt und stören, in ihrer Suche nach einer passenden Position in der Schulterfläche, unvermittelt die ruhige Ausarbeitung eben jener; im Sinne der Binnenproportionen der Seitenwand ein Sakrileg, angesichts der gigantischen Radspiegel und der sich dazwischen aufspannenden hochgestreckten Seitenwand.

 

Ist der ästhetische Weg, den Audi mit dem neuen A8 einschlägt, also eine Sackgasse? Kanten und Linien brauchen einen guten Grund und spätestens, wenn sie sich nicht mehr sinnvoll an funktionale Komponenten wie Leuchten und (Luft-)Öffnungen andocken lassen, dann ist der formale Tod in Richtung willkürlicher Geometrie absehbar. Doch: Der erste, statische Eindruck kann auch täuschen! Denn unter allzu künstlichem Make-Up und inszenierter Lichtkulisse geht schnell mal eine sinnliche Rundung verloren. Bleibt uns also nichts übrig, als abzuwarten, bis der A8 das erste Mal über die Straße rollt. Vielleicht rückt ihn dass ja dann ins rechte Lichte.

Fotos: Audi