#selbstbewusstaufgedreht Es gibt sie, diese Autos, die jeder mag, und die mich irgendwie an die selbstgemalten Bilder meiner Kindheit erinnern. Autos, knallbunt und niedlich, mit großen Scheinwerfern, prallrunden Formen, klein genug um praktisch zu sein, und groß und vor allem dynamisch genug, um als richtiges Auto durchzugehen. Der neue Suzuki Swift ist genau so einer // Ausfahrt

   München. Es ist amüsant, sich die Reaktionen meiner Stadt-Mitbewohner auf neue Autos zu Gemüte zu führen. Was nahe liegt: Alle schätzen den praktischen Wert von Kleinwagen. Was überraschen mag: Es gibt nicht nur eine richtige, es gibt nach allgemeiner Auffassung tatsächlich so etwas wie eine gute Form für die urbanen Cruiser. Das Ideal der momentan vielleicht am schwierigsten zu erreichenden Klientel – die durchdigitalisierten Metropolästheten – liegt in einem engen Spielfeld zwischen ironiebefreiter Lächerlichkeit und farblos-langweiliger Sachlichkeit, und nur wer diesen Sweetspot trifft, hat überhaupt eine Chance, die Yuppies und Dinkies ins Autohaus zu locken.

 

Bisher wurde diese Liga vor allem von so ikonischen Modellen wie dem Fiat 500, dem New Beetle oder dem Mini bespielt. Modellen also, die aus dem vollen Fundus der traditionsbeladenen (Ur-)Ahnen schöpfen durften. Mit dem neuen Swift steht vor uns jedoch der Beweis, dass Retro nicht die einzige Welle ist, auf der selbstbewusste Städter gerne reiten. Denn so spärlich der Swift ein aus seiner Historie geerbtes Aussehen vermissen lässt, so sehr steht der jüngste Spross der Suzuki-Familie in rundum gut gelungener Erscheinung da.

 

Anders als der Ignis, der Swift-Bruder mit Offroad-Ambitionen, ist der Kleinwagen rundherum formal gelungen. Das heißt jetzt nicht, dass er ein muskelbepakter Schönling ist, sondern eher wie dessen Kleiner-Junge-Version: gesunde Farbe, kräftig proportioniert und selbstbewusst im Auftritt. Was auffällt ist die Gesichtsverwandtschaft zwischen Swift und Ignis. Trägt der Ignis aber noch eine Maske um die LED-Scheinwerfer-Augen, ist das Swift-Gesicht vor allem eines: ausgeprägt. Der breite Grill darf sich wie ein offener Mund mit vollen Lippen schmücken. Tief und sorgfältig sind die frontalen Lufteinlässe und Nebelscheinwerfer modelliert.

 

Diese Fülle in der Form zieht sich über eine schwungvolle Schulter und über die Heckleuchte. Der Swift bekommt dadurch eine kräftige Heckkontur, die dafür sorgt, dass er breitbeinig auf den schmalen 15-Zöllern steht. Geschickt: Die hinteren Türgriffe verstecken sich in der schwarzplastik-abgesetzen C-Säule, so mimt der Swift optisch den sportlichen Dreitürer, ohne dabei den Komfort eines Fünftürers einzubüßen. Darüber, dass der überzeugend große Innenraum leider ohne rechte Qualität gestalteten wurde, wollen wir schnell hinweg sehen – und blicken lieber unter die Motorhaube, wo der sogenannten Boosterjet-Motors für kindlich-ekstatische Fahrfreuden sorgt.

 

Freilich, der Swift ist kein sportlicher Hochleistungsrenner. Aber gerade in seinem Segment, bevölkert von sparsamen, vernünftigen und soliden Zweckautos, kann sich der Swift mit einer selbstbewussten Portion Frechheit herausheben. Für unser Kennenlernen fahren wir den Einliter-Dreizylinder mit 111 PS und – ja, wirklich! – Automatikgetriebe. Eine Kombination, die zwar hohen City-Komfort, aber erstmal keine allzu großartigen Fahrleistungen verspricht. Das weiß auch Suzuki, und stattet den Dreizylinder deshalb mit dem Boosterjet aus: einer überdimensionierten Lichtmaschine, oder, anders ausgedrückt, einen am Verbrenner angeschlossener Elektromotor. Ein Hybrid in Light-Version, also.

Warum Light–Version? Weil der Swift nicht allein elektrisch fahren kann. Der Elektromotor sorgt tatsächlich nur für den nötigen Anschub aus den unteren Drehzahlbereichen und „boostet“ den Verbrenner damit kurzzeitig mit ordentlich Newtonmetern. Die machen sich auch überdeutlich bemerkbar und führen zu unerwartet spritzigen Beschleunigungsspitzen. Mäuschenleise, aber Wieselflink schraubt der Swift so den Tacho auf 50, 60, 80 Km/h. Dann setzt auch bei ihm das bekannte, dröhnende Dreizylinder-Motorschnaufen ein.

 

Auch das Automatikgetriebe fühlt sich in der City am wohlsten. In sechs Abstufungen regelt der Wandler das Stop-and-Go im Stadtverkehr souverän und entspannt. Abseits des urbanen Treibens allerdings ist das Getriebe schnell überfordert, und Überholvorgänge auf der Autobahn sind, schlicht gesagt, nicht ihr Ding. Hier fehlen der 6-Gang Automatik die entscheidenden zwei bis drei Abstufungen, an die wir uns bei den Mitbewerbern inzwischen gewöhnt haben, um eklatante Leistungslöcher während des beherzten Durchziehens auf der linken Spur zu vermeiden.

 

Dass man dem Swift auf der Langstrecke vielleicht ein bisschen zuviel abverlangt, zeigt nicht nur der in die Höhe schnellende Verbrauchswert im Digitaldisplay an, sondern auch eine G-Kräfte-Messer: eine kleine gelbe Kugel, die entsprechend der der dynamischen Kräfte auf einer Zielscheibe umher hüpft – also rein virtuell, auf dem Bildschirm. Ein Ansporn, die Sportlichkeit der eigenen Fahrleistungen im Anschluss zu analysieren, kann das nicht sein, denn aufgezeichnet werden die Daten nicht. Also doch eher eine Mahnung, es nicht zu übertrieben?

Die funktioniert nur bedingt, vielmehr lenkt das Instrument oft einfach nur vom tatsächlichen Kurvenverlauf vor der Windschutzscheibe ab. Automatisch um die Kurve lenken kann der Swift noch nicht, aber immerhin drosselt der dynamische Tempomat die Geschwindigkeit bei Annäherung an vorausfahrende Fahrzeuge und beschleunigt auch selbstständig wieder, wenn das Hindernis weg ist. Ein Oberklasse-Feature, das dem kleinen Swift gerade in Kombination mit Automatik gut zu Gesicht steht – und das hervorragend zu dieser Portion leicht übertriebenen Selbstbewusstseins passt, die den Japaner ausmacht. Und die ihm sicher den ein oder anderen Sympathiepunkt im Wettbewerb mit den üblichen Retro-Kleinwagen bescheren wird.

Fotos: Hendrik Terwort, Suzuki