#endlichohnesuv Detroit, Genf, Shanghai, Frankfurt, Paris – die großen Automessen dieser Welt kannten in den vergangenen Jahren vor allem ein Thema: SUV. In allen Farben und Größen stand der Autokäufer liebstes Kind im Rampenlicht, und kurz darauf schon in der heimischen Auffahrt. Auch wenn ein Ende der Leidensphase all’ derer, die den hochbauenden Hausfrauenpanzern nichts abgewinnen können, nicht in Sicht ist, durften auf der Los Angeles Auto Show 2o17 die Limousinen-Coupé-und-Sportwagen-Jünger zumindest einmal tief durchatmen // Messe

Los Angeles, USA. Ganz ohne SUV kommt die Westküsten-Messe freilich nicht aus, schließlich steht man auch in Los Angeles gerne ein wenig über den anderen im Stau auf dem Sunset Boulevard, und die heimischen Hersteller haben ihre großen Fords, Chevrolets, Buicks und Cadillacs auf der Messe selbstverständlich rausgeputzt wie eh und eh. In Sachen Autogeschmack ticken die Kalifornier aber trotzdem ein bisschen anders, als der Rest des Landes. Hier verkaufen sich auch Hybrid-Modelle wie geschnitten Brot – selbst der Toyota Prius ist ein Kassenschlager! – und schicke Coupés und Cabrios gehören genauso zum Stadtbild, wie die Luxus-Villen in Beverly Hills oder die regenbogenfarbenen Zebrastreifen in West Hollywood.

So verwundert es auch nicht, dass in den überschaubaren Messehallen in Downtown Los Angeles, wo sich das Leben tagsüber in Banken und Büros, und abends höchstens noch in den bis zu 70 Stockwerke hohen Fünfsterne-Hotels abspielt, selbst die US-Autobauer kaum SUV-Neuheiten vermelden hatten – und das, was ein wenig aufgefrischt debütierte, musste mit verdammt harten Konkurrenten um die Bewunderer buhlen. Schließlich stand am Chevrolet-Stand, zwar in der hintersten Ecken, aber dennoch alles überstrahlend, nicht weniger als die 765 PS starke Top-Ausbaustufe der Corvette.

 

Von Elektrifizierung, Hybrid-Antrieb oder Downsizing will man bei der ZR1 nichts wissen: ein 6,2-Liter-V8 steckt unter der Haube und als ob mehr als sechs VW-Up-Motoren in einem Block vereint nicht ausreichen würden, helfen die Motorenbauer auch noch mit einem Kompressor nach, der unnachgibig Sauerstoff in die Brennkammern presst. Nur so schafft es die ZR1 in unter drei Sekunden auf Tempo 100 zu eilen und unwirkliche 341 km/h schnell zu werden. Und das auf Wunsch auch ohne Dach, und zum Fast-schon-Schnäppchenpreis von 120.000 Euro.

Nicht ganz so schnell, dafür aber um einiges teuer – und keinen Deut weniger spektakulär – ging es gleich daneben am BMW-Stand weiter. Endlich haben die Bayern den i8 Roadster enthüllt, der auf den Pacific Coast Highway in Santa Monica passt, wie die Faust aufs Auge. Jetzt können die Schönen und Reichen Los-Angeles-Hipster mit gleichermaßen ausgeprägtem grünen Gewissen und Selbstdarstellungsdrang den Man-Bun-Knoten lösen, und sich den Pazifik-Wind durch die Mähne wehen lassen, wenn sie vom harten Training am Muscle Beach in Venice zum Strand-Dinner nach Malibu rauschen.

 

Rein theoretisch geht das bis zu 53 Kilometer weit auch rein elektrisch, in der Praxis springt der Dreizylinder-Stromerzeuger im Heck aber wahrscheinlich deutlich früher an. Problemlos von LA nach San Francisco käme der neue Tesla Roadster: 1000 Kilometer Reichweite, bis zu 400 km/h schnell – und nicht zusehen. Weder der offene Flitzer noch der ebenfalls kürzlich enthüllte Elektro-Truck haben sich auf die Messe verirrt und selbst das verloren auf dem kleinen Tesla-Stand rumstehende Model 3 blieb abgeschlossen. Vielleicht wollte Elon Musk den einen der wenigen gebauten Kompakten schonen, bis die Produktion irgendwann doch hochgefahren werden kann.

 

Anfassen erlaubt war dagegen bei Porsche: Die aufgefahrenen Sportwagen waren zwar allesamt nicht brandneu und zumindest auf Fotos oder ersten Testfahrten schon erlebbar. Die Herzen derer, die mit Hybrid-Sportlern à la BMW i8 nicht viel Anfangen können, dürften sie aber trotzdem erreicht haben: Der 911 Carrera T richtet sich an Puristen, die ein bisschen weniger Gewicht zu schätzen wissen und wenn das Leistungsgewicht am Ende nur um ein Zehntel sinkt, kauft man mit dem Touring-Zusatz ja auch ein bisschen Historie ein. Schon in den 60er Jahren hat Porsche spezielle Leichtbau-Varianten aufgelegt.

 

Nicht leichter, aber dafür stärker sind die GTS-Versionen von 718 Cayman und Boxster, die jetzt 365 PS entwicklen, und das Wortmonster Panamera Turbo S E-Hybrid Sport Turismo ist ohnehin über jedes Gewicht erhaben. Mit 680 PS avanciert der Kombi mit Ladeanschluss zum Top-Modell der Baureihe, demonstriert, dass Elektrifizierung und Sportlichkeit ganz ausgezeichnet zusammen passen, und macht Lust auf den Mission E, auf den sich nicht nur Porsche-Chef Oliver Blume schon tierisch freuen wird.

Um auch alle Nicht-Kalifornier glücklich zu machen, haben die Suttgarter fairerweise auch den neuen Cayenne nochmal ins Rampenlicht gerückt, und ja, auch Lexus wartete mit einem neuen SUV auf. Wobei: Neu ist der RX 350L nicht, nur länger. Elf Zentimeter mehr Abstand zwischen Frontschürze und Heckklappe schaffen Platz für eine dritte Sitzreihe. Von der kann man im neuen Mercedes CLS nur träumen, wird es im voraussichtlich letzten E-Klasse-Ableger doch schon in Reihe zwei verdammt eng. Mehr noch: auch vorne sitzen Großgewachsene nicht wirklich bequem.

 

Den Platz für die Gäste hat Chef-Designer Gorden Wagener kurzerhand der viel zitierten „coupéhaften Silhouette“ geopfert. Auch die übrigen Federstriche des Esseners – oder besser seines Teams – darf man hinterfragen: Sind die vom AMG GT entliehenen Scheinwerfer nicht ein bisschen zu klein für diese bullige Front? Und hätte das Heck nicht ein bisschen auffälliger sein dürfen. Vor allem im Vergleich zum erwähnten Audi A7, der sich das durchgehende Leuchtenband vom A8, gemopst hat, wirkt der Suttgarter ein bisschen einfallslos.

Apropos einfallslos: Scheinbar hatte man in Wolfsburg keine rechte Idee, was man in Los Angeles zeigen könnte, also hat man – neben dem etwas aufgefrischten US-Passat – kurzerhand nochmal die drei I.D.-Studien rausgeholt und den normalen Kompakten, den Buzz, und den Crozz nebeneinander aufgereiht. So soll auch der letzte US-Bürger endlich verstehen: VW tut was. Und wer weiß: Wenn Tesla weiterhin nicht mit dem Model 3 in die Puschen kommt und das Model S nicht bald einen Nachfolger bekommt, könnten die Wolfsburger in zwei, drei Jahren vielleicht wirklich zum Big-Player im Elektro-Business werden.

 

Nicht in die Quere kommt ihnen dabei auf jeden Fall Mazda. Die Japaner tun seit Jahren so, als ginge sie das Thema Elektrifzierung gar nichts an und verbauen weiterhin ihre Sky-Active-Motoren – die immerhin als eine der wenigen die Abgasnormen noch ohne Downsizing und Turbo-Aufladung einhalten. Selbst die Verbrenner traten in LA aber in den Hintergrund, am Mazda Stand ging’s vor allem um eins: Das überarbeitete Cockpit des Mazda6. Innen wurde die Limousine ordentlich aufgefrischt, außen braucht man schon den Kennerblick, um das Facelift-Modell zu erkennen.

 

Das gilt auch noch für einen weiteren Japaner, den Infiniti QX50, der äußerlich nahezu unverändert, aber mit revolutionärer Motorentechnik nach Los Angeles rollte; erstmals haben Ingenieure ein Aggregat mit variabler Verdichtung realisiert, dass den leidigen Kompromiss zwischen niedrigem Verbrauch und knackiger Kraftentfaltung Geschichte werden lassen soll. Und auch beim neuen Jeep Wrangler muss man zwei Mal hinschauen, um die komplett neue Generation als solche auszumachen.

 

Die Designer wären aber auch schön blöd gewesen, den kultigen Look mit Kulleraugen und Längsschlitzen im Kühlergrill irgendeiner Mode zu opfern. Vom unbequemen Fahrverhalten und der spärlichen Innenausstattung haben sich sich dagegen sicher leicht getrennt: Der neue Wrangler soll deutlich komfortabler sein und sogar über ein Infotainment-System mit Apple CarPlay verfügen. Das verdient in Zeiten, in denen andere Hersteller von der Level-3-Autonomie reden, fast schon Respekt!

Fotos: Michael Gebhardt, Porsche