#kannmankritischsehen Der Suzuki Ignis war schon immer ein Mikro-SUV – hieß aber nicht so. Zum einen, weil er früher mit unter vier Metern einfach nur ein Kleinwagen war und noch kein Mikro-Auto. Zum anderen, weil SUV seinerzeit noch kein Verkaufsargument war. Inzwischen aber läuft alles, was sich so nennt, wie geschnitten Brot. Nur: Beliebig schrumpfen lässt sich das Format nicht // Designkritik

   Dublin/Irland. Hochgeschossen stehen sie da, die vielen Ignis, die am Flughafen von Dublin zu einer Ausfahrt durch Schlamm und Matsch auf uns warten. Doch bevor wir uns ins Abenteuer stürzen, müssen wir uns einfach mit der kruden Optik des Mikro-SUVs auseinander setzen. Schließlich wirkt der ganze Aufbau, wie einer diese Hunde, die wir alle aus dem Park kennen. Die, wo die Beine einfach zu lang sind. Und das nicht nur wegen der veritablen 18 Zentimeter Bodenfreiheit!

   Anders als die eindrucksvollen flachen und langen Silhouetten von Sportwagen und Luxuslimousinen, die auch dem abgekühltesten Automobilkaltblut ein leises schön entlocken können, zeigt sich in den deutlich runtergeschliffenen Längen- und Breitenmaßen der winzigsten SUV vor allem eins: Dass wir entweder kürzere Menschen bräuchten, um der Höhe entgegen wirken zu können – oder akzeptieren müssen, dass die kleinen Kraxler eher halbstarke, schlaksige Teenager statt gestandene Geländegänger sind.

Da nun aber immer mehr Leute die Kombination aus bequem hohen Ein- und Ausstieg sowie einem kompakten Fußabdruck für die engen Stadtparkplätze nicht mehr missen wollen, werden wir in Zukunft immer häufiger diese Spargeltarzane auf der Straße antreffen – und die Automobildesigner müssen mehr und mehr das Kunststück vollbringen, den Kompromiss aus Raum und Dynamik ansprechend zu gestalten. Die Ignis-Designer, ganz ehrlich, sind noch nicht so weit.

   In Japan hat man sich dafür entschieden, dem uneleganten Grundgerüst aus kurz und hoch mit scharfen Pinselstrichen zu begegnen. Wir kennen das vom eigenen Spiegelbild: Wer mit der Masse hadert, der sucht Definition. Also hat Suzuki tief ins Definitionskapitel des Designhandbuches geschaut: Was dabei herauskommt, sieht man zum Beispiel an der Seitenwand des Ignis, mit ihrer straff geführten Scheibengrafik und ordentlich parallel abgestimmten Winkeln.

Die zackigen, straffen Ecken wollen sagen: ich gleite nicht, ich springe nach vorne. Eine Designlinie, die also den wendigen Charakter des Ignis unterstreichen soll – mit Fokus auf die Qualitäten, die er in der Stadtlandschaft zeigt, ist das nur recht. Außerdem sieht man deutlich, wie die Schulterlinie zum Heck hinführend zu einer kräftigen Phase um die C-Säule wird. Die Botschaft: Hier will jemand starke Beine zeigen! Das spricht für das SUV, immerhin sorgt der per Visko-Kupplung zuschaltbare Allrad dafür, dass dieses Designstatement kein ganz leeres Versprechen bleibt.

   Prägnante Sicken um die inneren Radläufe und schwarze Plastikkappen auf den Radspiegeln sorgen dafür, dass die Kotflügel breiter daherkommen, als sie in diesem Segment seien können – das passt! Leider führen diese Maßnahmen aber auch zu Nachteilen: Gerade in Front- und Heckansicht wirken die schmalen 15-Zoll-Reifen dadurch verloren im Radhaus.

Darunter leidet besonders das Heck: Hier versinken die Reifen optisch fast vollständig unter dem allzu wuchtigen Stoßfänger. Das wirkt altmodisch und erinnert an die Zeiten der Pontonkarosserien. Die Breite, die der Ignis auf den Radhäusern in der Seite aufbaut, muss außerdem um die Ecke herum und sorgt so für einen aus dem gesunden Maß ausbrechenden Hintern.

   Abgekapselt vom Restfahrzeug, und wie von einem fremden Auto aufgesetzt wirkend, leidet auch die Heckklappe an einer nicht bis zum Ende gezogenen Schulterlinie: Schmerzlich vermisst wird diese wegen der dadurch entstehenden Stufe zwischen Seitenwand und Wagenkanzel, die den überbreiten Stoßfänger optisch abfangen und abmildern könnte.

Das zieht auch die Binnenkonturen in Mitleidenschaft, wie die Form der Heckscheinwerfer oder die Kennzeicheneinprägung, die sich, viel zu groß angelegt und gedankenverloren unkoordiniert, auf dem Heckklappenblech verteilen. Dieser Proportionsverlust wird im Detail noch betont durch die schwarze Plastikblende auf dem Stoßfänger, die – mit sicherlich gut gemeinten Hintergedanken – vollends diese unglückliche Gewichtsverteilung noch betont und Erinnerungen an diverse Oscarverleihungen, Grammy-Awards oder Wagner-Festspiele mit missglückten Abendkleidern wach werden lässt.

   Richtig Spaß macht es dagegen, den Suzuki von vorne anzusehen. Ein Chromstreifen fasst, herrlich sparsam eingesetzt, dezent aber deutlich die Scheinwerfer mit dem Grill zusammen. Dabei können die LED-Bänder mit Chrom-Akzenten und Logo im Kühler ausgewogen glänzen. Die Scheinwerfer des Ignis integrieren sich geschickt, das macht die gesamte Vorderansicht klar und aufgeräumt und verleiht ein sympathisches Gesicht, das Spielfreude und Vorwärtsdrang ausdrückt.

Und genau darum geht es ja auch. Nach vorne, weiter, immer weiter. Schließlich, wir erinnern uns, ist der Ignis ein SUV. Und das gehört in die Pampa und nicht auf den Boulevard. Wir fahren also bei gutmütigem Wetter und grandiosem Blick auf die irische See raus aufs Land und nur kurz jenseits der Stadtgrenzen verlocken schon unsanfte, irische Hügel, viel Rollsplit und matschnasse Pfade zum Spielen im Dreck.

   Keine Frage, hier kann der Ignis zwei Trümpfe ausspielen: Seine Bodenfreiheit und die 4×4-Technik. Letztere greift nur bei Bedarf ein, was auf der trockenen Straße für weniger Spritverbrauch und im leichten Gelände durchaus für stetes Vorankommen sorgt. Wobei „leichtes Gelände“ eher für die Vertikale als die Horizontale gilt. Kieswege, Buckelpisten oder rutschiger Untergrund – also Wege, an deren Ende noch Leute wohnen oder man eine Eintrittskarte oder einen Skipass kaufen kann – sind für den Ignis kein Problem. Steigung allerdings mag er nicht sonderlich.

   Zur Geländegängigkeit gehören schließlich nicht nur reichlich Luft unterm Boden und ein patenter Allrad, sondern auch ein Motor, der der die nötige Kraft aufbringt – und den hat der Ignis nicht: Das 90 PS starke 1,2-Liter-Benziner fängt schon bei mäßiger Steigung allzu schnell an, erschöpft zu hecheln und fordert den Fahrer zum Schalten auf. Macht aber nichts: Denn auch wenn er sich SUV nennt – wirklich ins Gelände will mit dem Ignis ja doch keiner. Wenngleich einsame Waldwege zumindest dem Heck-Design durchaus entgegen kommen…

Fotos: Suzuki