#kannemotionalwerden Es blubbert, es grummelt, und schon taucht sie hinter der Kurve auf. Die sportliche Limousine mit tiefer Schnauze, scharfem Blick und Proportionen, die durchaus die Chance auf ein Foto von Heidi Klum hätten. Ein BMW, ein Jaguar, ein Maserati? Nein, was da in den mallorquinischen Bergen ums Eck kommt, ist ein Kia! Mit dem neuen Stinger beweisen die Koreaner endlich, dass sie nicht nur praktische Kleinwagen und solide SUV bauen können, sondern auch zu echten Gefühlen in der Lage sind // Ausfahrt

   Palma de Mallorca/Spanien. Peter Schreyer, kreativer Vater des ersten Audi TT, musste lange auf die oberste Führungsriege in Seoul einwirken, ehe er das Placet für eine sportliche Limousine wie den Stinger erhalten hat. Vor mehr als zehn Jahren wechselte der Bayer nach Asien und zeigte schon 2011 auf der IAA mit der GT-Studie, was ihm vorschwebt. Richtig loslegen durfte er aber erst, als er Kias gesamte Modellpalette auf Vordermann gebracht hat.

Dass der Stinger mehr als eine Fingerübung Schreyers ist, wird deutlich, wenn man sich Kias weg in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren anschaut. In den 90er Jahren lockte Kia zusammen mit seiner großen Schwester Hyundai die europäische Kundschaft mit günstigen Preisen zu den Händlern; seit der Jahrtausendwende verbesserte sich die Qualität zusehends – was selbst den Ex-VW-Chef Winterkorn einst überraschte. Seit Schreyers Wirken Früchte treten Picanto und Rio, Sorento und Sportage schließlich auch mit einem solide geschneiderten Blechkleid auf, unspektakulär, aber ansehnlich. Nun ist es also an der Zeit für den nächsten Schritt: Emotionen. Die Transportiert der Stinger wie kein anderer Kia zuvor.

Wenn überhaupt, könnte man Schreyer vorwerfen, seine Innenraumdesigner nicht genug gefordert zu haben. Verglichen mit dem aufregenden Äußeren kommt das Cockpit relativ zurückhaltend, ja fast schon schlicht daher. Überbordendes Alu- oder Carbon-Dekor, High-End-Instrumente, auffällige Kontrastnähte? Darauf verzichtet Kia. Dafür aber gibt’s feine Materialien, vorbildliche Verarbeitung und einfache Bedienung, die oft mehr Wert ist, als all der Zierrat. Und: Erstaunlich viel Platz. Selbst mit meinen fast zwei Metern kann ich auf der Rückbank bequem Lümmeln und rein theoretisch könnte man mit dem Stinge sogar zu viert verreisen. Wäre da nicht der recht übersichtliche, flache Kofferraum, der gerade mal knapp über 400 Liter schluckt.

Den Stinger kauft man aber schließlich auch nicht, weil man in erster Linie eine komfortable Reiselimousine braucht, sondern weil man Spaß haben will. Folglich überblättert man in der Preisliste am besten direkt die ersten beiden Seiten wo es um den 200-PS-Diesel und den Vierzylinder-Turbo-Benziner mit 255 PS geht und beschäftigt sich gleich mit dem eigentlichen Leckerbissen: einem frei atmenden, 3,3 Liter großen Sechszylinder. Stattliche 370 PS lassen sich bei 6.000 Touren aus dem Triebwerk herausquetschen, womit der Stinger sogar einen Audi S4 alt aussehen lässt.

Zumindest im Autoquartett fährt der Kia den Stich ein, auf der Straße dagegen dürfte der Ingolstädter die Single-Frame-Nase allerdings ein Stück vorne haben. Denn: So sportlich der Kia aussieht und so kräftig die technischen Daten klingen, so erstaunlich unaufgeregt fährt sich der Koreaner. Statt einen rüpelhaften Kavalierstart hinzulegen, nach dem man den Dackel auf der Rückbank in den Polsterritzen wieder findet, nimmt der Stinger Fahrt auf, wie ein Gentleman: Bestimmt, aber unauffällig. Ganz gleichmäßig gibt der Sechszylinder seine bei niedrigen 1.300 Umdrehungen anliegenden 510 Newtonmeter ab, die ohne einem ins Kreuz zu treten für Vorwärtsdrang sorgen. Gut, die Achtgang-Automatik dürfte vielleicht ein Tick flotter arbeiten Aber dass sie bei aller Entspanntheit einen ziemlich guten Job macht, zeigt der Blick auf die Stoppuhr. Nichtmal fünf Sekunden vergehen, bis das serienmäßige Head-up-Display Tempo 100 anzeigt. Dass ihm der Audi um ein paar Zehntel zuvor kommt, geschenkt. Das macht der Kia außerdem am Ende der Skala wieder wett. Denn anders als der deutsche Premium-Sportler, dem bei 250 Sachen der elektronische Begrenzer einen Strich durch die Rechnung macht, darf der Stinger bis auf 270 km/h auslaufen.

So unprätentiös sich der Antrieb präsentiert, verhält sich auch das Fahrwerk. Feinfühlig wird der Untergrund abgetastet und auch grobe Schnitzer bringen den Kia nicht aus der Facon. Das Zusammenspiel aus gut austariertem Unterbau, Allradantrieb und der dem vorbehaltenen V6, variabel übersetzten Lenkung sorgt zudem für eine gefühlte Leichtigkeit, die man dem 1,8 Tonner gar nicht zutrauen würde. Präzise und ohne Zicken zirkelt der Stinger ums Eck und darf bei einem beherzten Tritt aufs Gas sogar ganz kur mal mit dem Hintern wackeln.

Freilich, es wäre vermessen zu vergessen, dass sich ein Audi S4 bestimmt noch mit einem Hauch mehr Verve ums Eck jagen lässt, und auf der letzten Rille sicher noch ein gutes Stück präziser zu dirigieren ist. Aber: Der Bayer kostet auch deutlich mehr. Der Kia steht schließlich für knapp 55.000 Euro beim Händler – und viel teurer kann er auch gar nicht werden: Vom Abstands-Tempomat bis zum LED-Licht, vom Harmann-Kardon-Soundsystem bis zur induktiven Ladeschale, von der Lenkradheizung bis zu den belüfteten Sitzen ist fast alles an Bord. Das Geld, das man üblicherweise teuer zu bezahlender Extra-Ausstattung spart, kann man also direkt in Treibstoff investieren: Vom feinen Benzin nimmt sich der Stinger nämlich schon auf dem Papier fast elf Liter.

Zuviel? Vielleicht für die Energie-Effizienzklassen-Behörde, die ihm lediglich ein F-Zertifikat ausstellt. Bei artgerechter Bewegung dürfte sich der Aufschlag auf den Normwert allerdings im Rahmen halten, und am Ende ist der V6-Sauger dann auch nicht wirklich durstiger als all die hochgezüchteten Turbos, die mit niedrigen Prospektwerten wuchern und dafür auf der Straße heftig Draufpacken. Und schließlich will Kia mit dem Stinger ja auch das Herz der Käufer ansprechen, und nicht den Kopf. Autos zum Spritsparen haben die Koreaner schließlich schon genug im Angebot.

Fotos: Michael Gebhardt, Kia