Nun als auch der Genfer Autosalon. Die wichtigste Frühjahrsmesse der Automobilbranche sollte am kommenden Dienstag ihre Pforten für Journalisten öffnen, ab Donnerstag wurden dann mehr als 600.000 Besucher in zehn Tagen erwartet. Doch daraus wird nichts, die Angst vor dem sich auch in Europa weiter ausbreitenden Corona-Virus führte am Freitagmittag zur Absage der Autoschau. 

Die allerdings kam reichlich spät: Noch am Mittwochabend verlautbarten die Veranstalter, die Messe finde wie geplant statt. Auch die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, gab sich zuversichtlich und beteuerte ihre Pläne, am Montag nach Genf zu reisen. In den vergangenen 48 Stunden allerdings überschlugen sich die Ereignisse: Mehrere Aussteller, darunter auch Toyota, entschieden, keine Vertreter an den Lac Léman zu schicken und sagten alle eigenen Veranstaltungen ab; der Messe-Stand sollte nur mit einer Minimal-Besatzung aufwarten. Auch der chinesische Autobauer Byton gab seine Absage bekannt, ebenso der Soundanlagen Hersteller Harman-Kardon und auch zahlreiche Vorstände und Unternehmenslenker, unter anderem auch der Ferrari-Chef und der oberste Manager des Bremsenherstellers Brembo.

Dazu kamen zahlreiche Absagen von Journalisten, die entweder nicht nach Genf reisen wollten oder aufgrund interner Sicherheitsmaßnahmen ihrer Redaktionen nicht durften. Nachvollziehbar: Schließlich will, abgesehen von der Gefahr sich selbst mit dem Corona-Virus zu infizieren, niemand das Risiko eingehen, in einem Genfer Hotel wochenlang unter Quarantäne gestellt zu werden, oder – noch schlimmer – den Erreger unbemerkt nach Hause zu verschleppen und dort Familie, Freunde oder Kollegen anzustecken. Man stelle sich nur vor, die Mitarbeiter eines Autobauer brächten das Virus ins Werk und in Folge dessen käme die gesamte Produktion zum Erliegen.

Donnerstagabend schließlich war bereits  aus Branchen-Kreisen zu hören, dass auch die großen deutschen Autobauer, der VW-Konzern, Mercedes und BMW, ihre Absage vorbereiteten. Zudem wurden in den sozialen Medien immer mehr Stimmen laut, die eine Streichung des Autosalons forderten. Vereinzelt wurde sogar aufgerufen, einen Petition zur Absage des Salons zu unterzeichnen. Befeuert wurden die Forderungen durch weitere Stornierungen: Der Genfer Uhrensalon etwa, der erst im April stattfinden sollte, wurde bereits am Donnerstagvormittag abgeblasen. Außerdem wurden vor einiger Zeit bereits die Automesse in China auf einen noch unbestimmten Termin verschoben. 

Dass die Veranstalter sich bis zuletzt entschlossen zeigten, die Show statt finden zu lassen und mit teils skurrilen Sicherheitshinweisen versuchten, die potentiellen Besucher zu beruhigen – man teilte mit, ab einer gewissen Besucherzahl sei ein Arzt vor Ort und empfahl, jedem, der huste, sich maximal auf einen Meter zu nähern – ist verständlich. Schließlich steckt die Traditionsmesse, wie viele andere Autoschauen, ohnehin in der Krise: Mehr als ein Dutzend Marken hatte sich gar nicht erst für die Show angemeldet, darunter Schwergewichte wie Ford, Opel, Citroën, Peugeot, Jaguar, Land Rover, Volvo, Nissan und Mitsubishi. Viele Hersteller hinterfragen inzwischen die hohen Kosten für einen Messeauftritt gründlich und bevorzugen häufig eigene Veranstaltungen, um ihre Neuheiten zu präsentieren, bei denen Ihnen die volle mediale Aufmerksamkeit gewiss ist. Zudem lassen sich Messen schlecht in Zahlen pressen: Keiner kann sagen, wieviele Autos man mehr verkauft, wenn man seine Fahrzeuge auf dem Genfer Salon, der IAA in Frankfurt oder der Auto China ausstellt. 

Die Befürchtung der Genfer Verantwortlichen liegt also auf der Hand: Eine Absage der 2020er-Auflage, die noch dazu das 90-jährige Jubiläum des Autosalons hätte feiern sollen, könnte das endgültige Aus für die Autoshow bedeuten. Denn: Anders als Deutschland, Frankreich, China oder die USA gibt es in der Schweiz keine Hersteller-Lobby, die sich im kommenden Jahr für eine weitere Auflage stark machen könnten. 

Immerhin hat die Messe nun einen Schuldigen gefunden: Die Schweizer Regierung hat am Freitagmorgen ein Verbot für Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern erlassen und damit dem Autosalon den Garaus gemacht. Die Veranstalter können so zumindest weiterhin guten Willen demonstrieren und sich auf höhere Gewalt berufen. An der Situation ändert das freilich nichts, und noch sind die Konsequenzen nicht absehbar. Leidtragende dürften unter anderem die Genfer Taxifahrer sein, deren Gebührenzähler in der Stau-geplagten Stadt zur Messezeit heißgelaufen sind, und die Restaurants, die nun auf großen Mengen Käsenfondue und Rinderfilet, die traditionell nach einen anstrengenden Messetag verdrückt wurden, sitzen bleiben.

Und natürlich müssen auch die Autobauer große, finanzielle Verluste hinnehmen, schließlich sind die Standgebühren bereits bezahlt, die Messestände komplett aufgebaut und Hotelzimmer gebucht. Immerhin: Mit etwas Glück könnten findige Advokaten den ein oder anderen Vertrag aufgrund der höheren Gewalt vielleicht noch auflösen und anders als bei einem kleinen Bistro in der Genfer Innenstadt, das nun mit leeren Tischen dasteht, sind diese Ausgaben sicher nicht existenzbedrohend. 

Daran, dass die Autobauer ihre Neuheiten veröffentlichen und verbreiten können, wird sich dagegen nichts ändern: Die meisten Informationen wurden bereits vor Tagen oder Wochen preis gegeben oder den Journalisten zumindest vorab zur Verfügung gestellt. Exklusive Messe-Überraschungen wurden schon in den vergangenen Jahren immer seltener. Und selbst die lassen sich heutzutage problemlos kurzfristig in Online-Live-Shows enthüllen.

So steht am Ende also wahrscheinlich die Erkenntnis, dass sich die Automobil-Welt auch ohne das Stelldichein am Genfer See wie gehabt weiter dreht. Und die Vorzeichen für den Auto Salon 2021 sind damit nicht besonders gut. Den großen Autobauern dürfte das gelegen kommen. Schade ist es allerdings um die vielen kleinen Exoten, die fest zum Rahmenprogramm der Genfer Show gehörten. Einen Hispano Suiza, Eadon Green, Koenigsegg oder Touring Superleggera werden viele Auto-Fans zukünftig vielleicht nie wieder live zu Gesicht bekommen.