#kannmannichtsfalschmachen Der neue 5er BMW hat eine große Aufgabe: Mercedes hat mit der E-Klasse neue Maßstäbe in der oberen Mittelklasse gesetzt, und die Münchner dürfen den Anschluss nicht verlieren. Das vermag die neue Limousine ganz sicher zu verhindern. Außergewöhnlich ist sie aber nicht, wie unser Erstkontakt zeigt. 

   Lissabon. Ganz ehrlich: Wenn ich das Wort Athlet höre, dann denke ich an Olympia-Turner, Schwimmweltmeister oder Profi-Kicker. Fabian Hambüchen, Michael Phelbs, von mir aus auch Christiano Ronaldo. An Kerle mit Muskeln, soweit das Auge reicht; an Alabasterkörper, bei denen man selbst durch die dicke Wellensteyn-Winterjacke das Sixpack sieht. An kraftstrotzende Energiebündel eben. Aber doch nicht an eine Fast-Fünf-Meter-Limousine – von deren Länge man innen und im Kofferraum übrigens nicht allzu viel merkt – mit rund 1,6 Tonnen Leergewicht auf den Rippen!

   Nein, liebe BMW-Designer. Der neue 5er ist kein Business-Athlet, wie ihr in gerne nennt. Er ist eine große, standesgemäße Limousine. Von mir aus auch eine sportliche Limousine; Thomas Hitzelsperger ist ja auch noch sportlich – ein Athlet ist er aber sicher nicht. Und auch der 5er ist nicht der Ronaldo der oberen Mittelklasse. Daran ändern auch die rund 100 Kilogramm, die er gegenüber dem Vorgänger abgespeckt hat, nicht viel.

   Dass die Diät der Baureihe gut getan hat, steht freilich außer Frage. Schließlich sorgt jedes Gramm weniger Gewicht auch für weniger Verbrauch: 5,5 Liter Benzin gönnt sich der kleinste Otto (530i) im Schnitt, 4,1 Liter Diesel der sparsamste Selbstzünder. Wobei letztgenannter Wert wiederum eher für die Behörden denn für die Kunden von Interesse ist. Oder glauben sie wirklich, irgendjemand kauft den 520d mit Schaltgetriebe?

   Das Auto folgt im Stau ganz alleine seinem Vordermann und führt auf Anweisung selbstständig den Spurwechsel durch; das Head-up-Display hält mehr Infos bereit als in einem Kampfjet, und der digitale Schlüssel hat fast so viele Funktionen wie ein iPhone; per Fernbedienung fährt der BMW wie von Geisterhand in die Garage rein und wieder raus, und um die Lautstärke zu ändern, reicht es, mit dem Finger locker-flockig in der Luft zu kreiseln.

  High-Tech vom Feinsten, also. Und dann soll ich selber die Gänge wechseln? Niemals. Zumal die bei allen anderen Motoren serienmäßige Achtgang-Automatik das sowieso viel flotter und geschmeidiger macht als ich. Halten wir also fest: Der sparsamste Automatik-Diesel braucht 4,2 Liter – was aber ja auch nicht wirklich viel mehr ist.

   Kommen wir nochmal zurück zu den Assistenten: Wie es der Zufall so will, konnte ich auf meiner Testfahrt rund um Lissabon den Stauassistent auf Herz und Nieren prüfen. Gut eine Stunde lang zuckelte ich im Schritttempo vor der Ponte de 25 Abril dahin; das ist die, die aussieht wie die kleine Schwester der Golden-Gate-Bridge.

   Artig folgte der 5er seinem Vordermann, lenkte, gab Gas und bremste. Wenn der Stillstand nicht zu lange dauerte, rollte er sogar von selbst wieder an. Andernfalls genügt das kurze Antippen des Fahrpedals. Nur zwei, drei Mal musste ich während der Staupassage ins Lenkrad greifen. Mir blieb also viel Zeit, eines der Wahrzeichen der Stadt, die überdimensionale Christus-Statue, aus allen Perspektiven zu studieren. Und ganz ehrlich: Es gibt schlimmeres im Stop-and-Go-Verkehr.

   Auch der schönste Stau findet irgendwann sein Ende, und entlang der Atlantikküste und in den Wäldern rund um Sintra konnte ich den 5er schließlich auch noch bei flotterer Fahrt erleben. Was soll man sagen: tadellos. Dass es dem 265 PS starken Reihensechszylinder-Diesel im 530d nicht an Kraft fehlt, hätte ich aber auch ohne Testfahrt unterschrieben.

   620 Newtonmeter stehen im Buche, die die Limousine mit Leichtigkeit bewegen und vor allem in Kombination mit Allradantrieb große Spaßpotenzial bieten. Dass auch Lenkung und Fahrwerk keine Kritik hervorrufen, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt; alles andere hätte mich in einem mindestens 47.000 Euro teuren Auto – das aber wahrscheinlich nur selten für unter 70’ das Werk verlässt – auch stark gewundert.

   Was mich allerdings überrascht hat: Der 5er hat kaum etwas Herausragendes. Keine Frage, die Münchner Limousine ist in fast allen Punkt gut, wenn nicht sehr gut. Und jeder, der den Fünfer kauft, macht garantiert nichts falsch. Aber das „one more thing“, über das am Tag nach einer Apple-Keynote alle sprechen, das fehlt. Klar, die ganzen Assistenzsysteme sind toll und funktionieren prima. Hat man aber schon gesehen. Die Gestensteuerung ist eine schöne Spielerei, gibt’s aber auch im 7er. Die Motoren – sind super, aber das war zu erwarten. Online-Zugang? Ja, hat der 5er auch.

   Natürlich wird es für die Autoindustrie immer schwieriger, wieder und immer wieder etwas Neues zu bringen. Aber Mercedes hat’s bei der E-Klasse zum Beispiel geschafft: Mit einem Display von noch nie dagewesener Größe, das gefühlt das gesamte Armaturenbrett einnimmt. Das kann man mögen, oder nicht. Aber es ist einmalig. Zumindest für den One-more-Thing-Moment.

Fotos: BMW / Video: BMW, Holger Preiss