#straffergehtsnicht Die Affalterbacher Mercedes-Veredler von AMG sind bekannt dafür, dass sie eine besonders weite Spreizung zwischen Komfort und Sportlichkeit hinbekommen – eigentlich. Beim neuen GLC 63 ist ihnen dieses Kunststück allerdings nicht gelungen. Dafür blubbert der V8 auch trotz zweier Turbos so herzlich wie eh und je // Ausfahrt

   Stuttgart. „Schalt’ doch mal in den Komfortmodus“, fordert mich mein Beifahrer, schon nach wenigen Metern merklich genervt von diesem Gehoppel, auf. Dem Gefallen würde ich ihm, und meinem Rücken, gerne tun, allein: der GLC rollt schon im Komfortbetrieb dahin. Gerecht wird der Modus seinem Namen sicher nicht, selbst in der Alltagsstellung spürt der Benz jede noch so kleine Unebenheit auf und reicht gefühlt jedes Staubkörnchen, das auf dem Asphalt liegt, an die Insassen weiter. Zumindest die, die er nicht zuvor mit seinen weit geöffneten Lufteinlässen einsaugt.

Dass die Sportinsignien bei einem AMG ein Muss sind, ist klar. Und dass er auch eine straffere Abstimmung braucht, als das Kompakt-SUV, mit dem Lieschen Müller werktags zum Einkaufen und Feiertags zum Familienbesuch schaukelt, versteht sich ebenfalls von selbst. Aber, ganz ehrlich: Man kann’s auch übertreiben. Zumal der Fahrmodusschalter noch bis zu drei noch schärfere, noch härtere Einstellungen bereit hält. Sport und Sport-Plus ist beim GLC 63 Serie, wer sich für’s S-Modell entscheidet, bekommt zusätzlich einen Race-Modus, der den Hochbeiner auf den Rennstrecken-Einsatz einnorden soll.

 

Umso erstaunlicher, dass den Affalterbacher Ingenieuren in diesem Fall bei der Grundabstimmung die Pferde durchgegangen sind. Von mir aus soll der Benz in der Renneinstellung gern knochentrocken sein. Wer unbedingt meint, mit einem gut und gern zwei Tonnen schweren Hochbeiner mit 200 und mehr Sachen durch den Pflanzgarten oder das Kesselchen rauschen zu müssen, braucht schließlich einen verdammt verbindlichen Unterbau, um der Physik einigermaßen trotzen zu können. Aber der Komfortmodus soll bitte schön straff sein, aber nicht unbequem!

Diesen Spagat, die breite Spreizung zwischen hart und weich, hat AMG bislang immer grandios gemeistert. Denken wir nur an den E63: Im Dynamikmodus läuft die Limousine zu Hochtouren auf und lässt so manchen Sportwagen neben sich verblassen. Gleichzeitig aber kann man mit dem Benz auch bedenkenlos an der Oper vorfahren oder die Oma zum Arzt kutschieren, ohne dass der gleich noch die Bandscheiben oder den Hörapparat mitbehandeln muss. Anders als der GLC, hielten sich AMG-Modelle bislang im Normalbetrieb nämlich auch akustisch zurück. Das SUV aber knurrt und grummelt selbst wenn die Klappen der Hochleistungsabgasanlage geschlossen sind kernig vor sich hin.

 

Das mag natürlich Kalkül sein: Kein echter Autofan kann sich des herzhaften V8-Blubbern schließlich verwehren und sich weiterhin ernsthaft über die grenzwertig harte Abstimmung beschweren, wenn der Benz das ganz große Orchester im Forte aufspielen lässt. Zwar darf das Vierliter-Aggregat heutzutage natürlich nicht mehr frei atmen; stattdessen pumpen zwei Turbos Luft in die Brennkammern und sorgen wenigstens auf dem Prüfstand für eine niedrigeren Verbrauchswert. Dem Klang aber tut die Aufladung keinen Abbruch – und auf den Realverbrauch hat sie auch keine Auswirkung.

Egal, ob man die 476 PS starke Normalversion für gut 83.000 Euro bestellt, oder das 510-PS-S-Modell – zwischen denen man, abgesehen von 8.000 Euro mehr auf der Rechnung, auf der Straße wahrlich keinen Unterschied merkt –, beide sollen nur 10,7 Liter schlucken und nehmen sich doch weit über 15, ja problemlos sogar 20. Niemand streichelt schließlich das Gaspedal nur sanft, wenn er weiß, dass damit bis zu 700 Newtonmeter abgerufen werden können, die wie ein Gardesoldat Gewehr bei Fuß stehen und den Boliden in nur 3,8 Sekunden auf Tempo 100 schubsen. Die einen ein ums andere Mal wieder tief in die straffen Sitze drücken. Und die es immer wieder schaffen, dieses Kribbeln im Bauch zu erzeugen.

 

Ganz ehrlich, ich steh drauf und ich gebe zu: Auch wenn die rote Ampel schon in Sicht ist, kann ich mich manchmal nicht zurückhalten und geb nochmal kurz Gas. Nur, um den Benz nochmal zackig nach vorne schnellen zu lassen, nur um das neckisch Frotzeln zu hören, wenn die Neungang-Automatik – im Komfortmodus nach einer winzigen, aber spürbaren Gedenksekunde – runterschaltet. Den Spaß sollte man sich allerdings nur auf strohtrockener Straße erlauben, denn schon ein Millimeter zuviel Bewegung im Gaspedal sorgt dafür, dass der Benz sich selbst vergisst und er seine Kraft derart ruppig an die vier Räder entlässt, dass die hinteren Reifen trotz Allrad den Halt verlieren und das ESP auf den Plan rufen.

Dass sich das alles nicht gerade positiv auf den Verbrauch auswirkt, ist klar. Und natürlich könnte man mit dem GLC auch ganz ökologisch korrekt Segeln: Zwischen 60 und 160 km/h koppelt der Benz, wenn genügend Schwung zum Dahinrollen vorhanden ist, den Motor ab. Dass das am Ende aber nur Augenwischerei ist, sollte ebenso klar sein. Und ich bin mir sicher: Mercedes verkauft keinen 63er mehr, nur weil der AMG so schön Segeln kann. Aber vielleicht den ein oder anderen weniger, weil er so unnachgiebig straff ist.

Fotos: Mercedes, Michael Gebhardt