#kannmanimmernochfahren Der Jaguar E-Type bricht die Herzen, der stolzesten Herren und lässt mit seinen sinnlichen Form auch harte Männer weich werden. Heute wie damals!

   Zwickau, Chemnitz. Sicher, die Automobilgeschichte hat schon viele Schönheiten hervorgebracht: Mercedes 300 SL, Porsche G-Modell, Citroën SM oder Aston Martin DB5 sind nur ein paar in Blech gepresste Träume. Doch alle haben sie eins mit Borussia Dortmund gemeinsam: Die Ruhrgebiet-Kicker können, zumindest am Anfang der Saison, auch noch aus eigener Kraft zweiter zu werden. Der erste Platz der Tabelle scheint dagegen auf immer und ewig von den Bayern-Jungs gepachtet zu sein. So ist es auch mit den Automobile-Legenden-, Sexiest-Car- oder Auto-des-Jahrhunderts-Listen. Sobald der E-Type bei den Nominierungen auftaucht, kriegen die Juroren feuchte Augen und die anderen Wettbewerber werden zu Statisten, die sich um die Plätze prügeln dürfen. Ganz oben auf dem Treppchen thront mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks immer die britische Raubkatze, die mit ihrer Aufnahme in die Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art 1996 sozusagen den Ritterschlag in Sachen Design erhalten hat.

car-men-magazin-jaguar-e-typ-02

   Ruhm und Ehre, die den Jaguar nicht erst im hohen Alter ereilte: Anders als viele heutige Klassiker, die zu ihrer Zeit einfach nur ein Auto waren, musste sich der E-Type seinen Nimbus nicht mühsam erarbeiten. Sprichwörtlich vom Stand weg eroberte er 1961 auf der Messe in Genf Männerherzen und -portemonnaies und so konnten die Briten direkt bei der Premiere rund 500 Exemplare verkaufen. Zugegeben, damals war nicht nur die Schönheit, sondern auch der Preis ein gewichtiges Argument, war der E-Type mit rund 25.000 Dollar doch deutlich günstiger als Aston Martin DB4,  Ferrari 250 GT und Co. Tarife, von denen Liebhaber heute nur träumen können. Wer sich durch das begrenzte Angebot der Gebrauchtwagen-Börsen klickt, landet oft schon auf der ersten Seite bei über 100.000 Euro!

car-men-magazin-jaguar-e-typ-14

   Doch zurück nach Genf. Bis die Autoschau ihre Pforten öffnete und das Publikum den Jaguar-Stand förmlich überrannte, rechneten nicht mal die Engländer selbst mit einem derart großen Erfolg – und hatten deshalb nur zwei Coupés mit an den Lac Léman gebracht. Eins zum Anschauen, eins zum Probefahren. Die Nachfrage aber war so groß, dass der damalige Jaguar-Boss und Firmengründer Sir William Lyons seinen daheim gebliebenen Chef-Testfahrer Norman Dewis über Nacht mit einem dritten Wagen nach Genf beorderte. Der war gerade zu letzten Abstimmungsfahrten und ändert kurzerhand gegen 19.45 Uhr seine Route, so dass er gerade noch die 22-Uhr-Fähre in Dover erreichte und nach einer Nacht-und-Nebel-Fahrt durch Frankreich knapp 20 Minuten vor der vereinbarten Zeit in Genf aufschlug. Das Dewis nicht mit dem auf dem Salon enthüllten Coupé, sondern dem Roadster unterwegs war, der eigentlich erst ein paar Monate später in New York seine Premiere feiern sollte, wäre aus heutiger Sicht ein Marketing-Gau. Damals aber zählte nur, ein weiteres Auto auf der Messe zu haben. 

car-men-magazin-jaguar-e-typ-22
 
  Der unerwartete Erfolg überrannte Jaguar nicht nur auf der Autoshow, sondern brachte auch die Produktion in die Bredouille: Die Briten hatten gar keine teuren Pressen für die riesigen Karosserieteile gekauft. Geplantwar, sie aus Einzelteilen zusammenzusetzen. Schnell entschied man sich allerdings, zumindest das größte Bauteil, die Motorhaube, maschinell fertigen zu lassen. Eine Entscheidung, die jeder nachvollziehen kann, der schon einmal im E-Type gesessen und zu erahnen versucht hat, wo die Schnauze enden können. Fast das halbe Auto besteht aus Motorhaube und so viel Blech von Hand in eine derart sinnliche Form zu biegen, das kostet ordentlich Geld.

car-men-magazin-jaguar-e-typ-12

   Doch natürlich ist es nicht nur die Motorabdeckung, die dem Jaguar eins um andere Mal die Spitzenposition in den Top-Ten-Rankings sichert und ihn zu einem der Publikumsmagneten bei Oldtimer-Rallyes macht. Das schlank zulaufende Heck mit dem kecken Hüftschwung, die in der ersten Serie noch unter Glas versteckten Scheinwerfer, die weit zurück gesetzte Fahrgastzelle, die filigrane Windschutzscheibe, die niedlichen Stoßfänger, und, und, und. Ja, der E-Type ist so eine Art George Cloony auf Rädern. Ein Traumkerl, bei dem von vorne bis hinten alles stimmt.

car-men-magazin-jaguar-e-typ-13

   Und zwar damals wie heute! Während menschliche Schönheit peu à peu verblasst und man auch mit den teuersten Cremes oder wahlweise Kaffeekapseln irgendwann den Zeichen der Zeit nicht mehr beikommen kann, scheinen die vergangenen 65 Jahre nahezu spurlos am E-Type vorbeigegangen sein. Frisch und strahlend wie Germanys next Topmodell wartet der Brite bei der Startaufstellung zu einer der beliebtesten Oldtimer-Ausfahrten in Deutschland auf uns und funkelt mit der Sonne um die Wette. Oben rum hat sich der rote Roadster schon frei gemacht, bereit, drei Tage lang mit uns den mittleren Osten der Republik zu erkunden und zwischen Meerane, Bad Elster und Chemnitz den Zuschauern den Kopf zu verdrehen.

car-men-magazin-jaguar-e-typ-06

   Von Altersschwäche kann auch in Sachen Technik keine Rede sein: Der 3,8 Liter große Sechszylinder der ersten Serie schnurrt noch immer – einmal muss das abgedroschene Jaguar-Wortspiel kommen – wie ein Kätzchen und mit 265 PS ist der einst schnellste Serienwagen der Welt auch heute noch weit davon entfernt, untermotorisiert zu sein. Ob er die Vmax von 240 Sachen noch erreicht, haben wir lieber nicht ausprobiert, denn so richtig flotte Passagen mag der alte Herr wegen der hohen Kolbengeschwindigkeiten dann doch nicht mehr und bei höheren Touren meldet sich das Triebwerk zu Wort und bittet um Nachsicht, die im gegönnt sein. Doch bei Landstraßentempo fühlt sich der E-Type pudelwohl – und solange es gerade aus geht, tut das auch der Fahrer.

car-men-magazin-jaguar-e-typ-05

   Kurven nämlich bedeuten Arbeit und man muss sich schon mit reichlich Kraft gegen das dünne Lenkrad aus Holz stemmen, um auf der Ideallinie durch die Kehre zu kommen. Und erst das Bremsen!  Bremskraftverstärker? Klar, hat der E-Type. Heißt Musculus Quadriceps und sitzt im rechten Bein des Fahrers. Falls der allerdings mit ordentlichem Gardemaß antritt, kann er froh sein, wenn er eingeklemmt zwischen Lenkrad, Schalthebel und Pedalerie überhaupt die Möglichkeit findet, den Fuß elegant vom mittleren auf das rechte Pedal zu schwingen – mit einem beherzten Tritt hat das nicht viel zu tun. Doch der ist nötig, um dem E-Type den Haltewunsch nachdrücklich mitzuteilen. Alles andere sieht er nur als Aufforderung zur dezenten Verzögerung; und das obwohl in unserem Wagen schon eine bessere Bremsanlage arbeitet als im Original. Wer sich also fragt, wo viele der 72.500 gebauten E-Types verblieben sind…. Manuelas Freund, der Baum, lässt grüßen!

car-men-magazin-jaguar-e-typ-08

   Was der E-Type an Bremsleistung zu wenig bereitstellt, bietet er dafür an Wärme im Überfluss an: Motor und Getriebe heizen von unten unnachlässig ein und wirken auf die Waden besser als jede Fango-Therapie. An einem kühlen Morgen ist das ganz mollig, doch spätestens wenn die Mittagssonne einen auch noch von oben kräftig grillt, wünscht man sich ein paar Eis-Packs und selbst passionierte Sauna-Gänger möchten sich nicht einmal vorstellen, wie das Klima wohl bei mit geschlossenem Verdeck wäre. Air Condition nämlich steht freilich auf keinem der im Flugzeugcockpit-Stil angeordneten Kippschalter in der Mittelkonsole.

   Die sind übrigens eine der Besonderheiten der Serie I, 1968 mussten sie aufgrund US-amerikanischer Vorschriften schnöden Wippschaltern weichen, die bei weitem nicht mehr so schön Klack machten. Und auch die Glasabdeckungen über den Scheinwerfern sind behördlichem Regulierungswahn zum Opfer gefallen, sehr zum Leidwesen der Jaguar-Designer, die selbst von einem Stilbruch sprachen. Eine Skurirlität aber hat sich der E-Type bis zum Ende seiner Bauzeit 1974 bewahrt: Er ist das einzige Auto, das vorne gleich drei Scheibenwischer hat! Aber am schönsten ist Roadsterfahren ja, wenn die gar nicht erst zum Einsatz kommen…