#kannnichtsbesser Ich mag keine Kopien. Genau deswegen hab ich keine nachgemachte Louis-Vuitton-Tasche vom Strandverkäufer. Und keine gefälschte Rolex aus Asien. Wenn ich mir das Original nicht leisten kann, will ich auch keinen billigeren Abklatsch – so einfach ist das. Und noch einfacher wird es, wenn die Kopie dazu noch deutlich teurer ist. Gibt’s nicht? Gibt’s doch! Fast 5000 Euro mehr ruft Renault für den Alaskan auf als Nissan für den Navara. // Ausfahrt

München/Ljublijana, Slowenien. So sehr, wie ich Kopien nicht leiden kann, mag ich Pick-ups. Auch wenn die großen Ungetüme mit Ladefläche so ziemlich das unpraktischste sind, was unsereins Großstädter fahren kann! 17 Mal um den Block kreisen, bis sich endlich eine Parklücke für den 5,30-Meter-Navara auftut, gehört zum Alltag – und die Ladefläche des Nissans bleibt in der Regel leer. Natürlich packt niemand seinen Mantel, seine Aktentasche, seine Aldi-Tüte hinten auf die Pritsche. Bei Regen werden die Sachen nass, die Einkäufe verrutschen und verteilen sich auf fast zweieinhalb Quadratmetern, und jeder der will, kann sich an der roten Ampel bedienen. Schließlich ist das Gepäckabteil offen, und, ganz ehrlich, so einen geschlossenen Kasten braucht man sich da wirklich nicht drauf bauen. Dann könnte man ja gleich ein SUV kaufen….

Nein, die Ladefläche muss offen sein und da hinten gehören Gartenabfälle drauf. Oder die neue Waschmaschine, oder das Sofa, das man schon bei den letzten zwei Umzügen kaum in einen Kombi reingebracht hat. Kurzum Dinge, die man ein, zwei Mal im Jahr transportiert. Dass man sich beim Einsteigen gern das Hosenbein am Schweller schmutzig macht, geschenkt! Sobald ich auf dem großen, weichen Fahrersessel sitzt, fühl ich mich wie J.R., und der enge Großstadt-Dschungel wird zur weitläufigen Southfork Ranch. Der Alltagsstress weicht einer molligen Gelassenheit, gemütlich lümmelt man hinter dem großen, Lenkrad, ärgert sich vielleicht kurz, dass das beim Navara nicht in der Länge verstellbar ist. Solche Gedanken wischt man aber beim Blick nach unten, auf all die in ihren Kleinwagen eingequetschen Verkehrs-Mitstreiter, gleich wieder beiseite. Warum soll man sich denn Aufregen, man ist doch schließlich der King of the Road!

Dass es im Navara auch eng zu gehen kann, merkt man, wenn man hinten einsteigt. Selbst als Doppelkabine bietet der Nissan nur ein überschaubares Platzangebot. Aber hey, die Rückbank ist doch im Grunde eh nur der Kofferraumersatz und dafür bestens geeignet.

Natürlich kann, wer will, noch viele weitere Kritikpunkte finden. Das verbaute Plastik ist nicht wirklich hochwertig; das Nissan-Infotainment-System ein wenig fummelig; die Schaltung ruppig. Letzteres kann man dadurch ausmerzen, dass man nicht zum 163-PS-Basisdiesel greift, sondern zur Top-Version mit 190 PS. Nur für die gibt’s eine standesgemäße Automatik. Mehr Vorteile bietet der starke Selbstzünder aber nicht, von überragenden Fahrwerten ist er genauso weit entfernt wie sein schwächerer Bruder.

Das alles aber verzeih ich dem deutlich über zwei Tonnen schweren Pick-up genauso gern wie seinen kräftigen Durst und alle anderen Macken. Warum ich beim Navara viel nachsichtiger bin, als beim Audi Q5, wo mich schon das kleine Hartplastikteil in der Mittelkonsole stört? Vielleicht, weil Pick-ups nie perfekt sein wollen, nie vorgeben, das Beste oder nichts zu sein. Sie sind Arbeitstiere, treue Begleiter, gute Kumpels. Und die haben nunmal Ecken und Kanten. Wenn mein bester Freund unrasiert zum Tee vorbei kommt, macht das nichts. Aber wehe, mein Banker hat einen Fleck auf der Krawatte!

So einen Fleck hat auch der neue Renault Alaskan. Klar, die Franzosen sind Nissans Kooperationspartner, dass sie die gleiche Technik nutzen, versteht sich von selbst. Dass man sich aber nicht mal die Mühe macht, dem Pick-up einen eigenständigen Anstrich zu verleihen, ist nicht schön.

Neue Scheinwerfer, ein Knick in der Heckklappe und ein großer Marken-Rhombus vorne und hinten, das war’s. Das Cockpit ist eins zu eins vom Navara übernommen, die Antriebe, das Fahrwerk, die Lenkung – alles identisch. So weit, so gut. Dass man dafür aber an die 5000 Euro mehr verlangt, ist schon ziemlich dreist. Sicher, man könnte diesen Aufschlag mit etwas mehr Lifestyle-Chichi rechtfertigen. So macht es Mercedes, deren neue X-Klasse ebenfalls auf dem Navara aufbaut.

Der X  zeigt sich von vorne selbstbewusst individuell, und kommt dazu mit einer komplett eigenständigen, höherwertigen Inneneinrichtung. Dafür verlangen die Stuttgarter allerdings kaum mehr als Renault! Und zugegeben: Mit Stern auf der Schnauze sieht der Navara schon ziemlich schick aus. Wer weiß, vielleicht ist die X-Klasse ja die erste Kopie, die mich schwach werden lässt. Bis der Benz das geschafft hat, bleib ich aber dabei: Kauft das Original!

Fotos: Nissan, Mercedes, Michael Gebhardt