#nichtszuspüren Es geht aufwärts, sagen sie. Seit Jahren beschwören unerbittlich optimistische Geister den Aufschwung Detroits herauf, der einst so glänzenden Metropole zwischen Eriesee und Lake St. Clair. Der einzigen Stadt der USA, die von Norden an Kanada grenzt. Auf der North American International Auto Show (NAIAS) ist von diesem Aufschwung – wieder einmal – nicht viel zu spüren // Messe

   Detroit, USA. Der Niedergang Detroits begann in den 1970er Jahren, als die Autoindustrie, die Detroit als Motor-City groß gemacht hat, ihre ortsansässigen Produktionsstätten sukzessive aufgab, und endete 2013 schließlich in der Insolvenz. Seitdem ist die Stadt Leerstand und Verfall ausgesetzt, ehemals repräsentative Wolkenkratzer werden zu Mahnmalen des wirtschaftlichen Abstiegs, einst schillernde Theater wurden kurzerhand zur Parkhäusern umfunktioniert. Aber: Es geht aufwärts, sagen sie.

Sie, die Hipster und finanzkräftigen Investoren, die mit reichlich Idealismus vegane Bistros und Kleinst-Kafferöstereien, coole Ausstellungsräume und schicke Bars nach Downtown Detroit zurück brachten. Für einen symbolischen Preis wurden ganze Hochhäuser verkauft, in der Hoffnung, Startups anzulocken, die nicht nur die Gebäude wieder beleben, sondern auch die Innenstadt. Allein, die zarten Pflanzen des Aufschwungs wollen nicht alle aufgehen und die eben noch als Symbol des Wiedererwachens gefeierte Kneipe im Retro-Motown-Stil hat zwölf Monate später schon wieder dicht gemacht.

Zwölf Monate. Das ist der übliche Zyklus, in dem das pralle Leben zurück nach Detroit kehrt. Jedes Jahr Anfang Januar gibt sich die Autoindustrie ein Stelldichein im eiskalten Michigan und eröffnet mit der North American International Autoshow (NAIAS) die neue Messesaison. Glaubt man einschlägigen Lexika, ist die NAIAS immer noch die wichtigste Autoshow des Kontinents; sieht man sich in den Messhallen der direkt am Detroit River gelegenen Cobo Hall um, bekommt man einen anderen Eindruck. Spannende Weltpremieren muss man suchen, einzig Mercedes-Benz scheint noch so richtig an die NAIAS zu glauben. Vielleicht, weil die Stuttgarter gerade einen Lauf haben, und jede Gelegenheit nutzen wollen, ihre zahlreichen Neuheiten dem Volk feil zu bieten; vielleicht aber auch nur, weil Konzernchef Dieter Zetsche die Stadt einfach mag.

So oder so: Die Schwaben sind aktuell einer der wenigen Hersteller, der der Detroit Auto Show ein wenig Ruhm verleiht. Zur diesjährigen Ausstellung haben sie einen Klassiker mitgebracht, der anders als Detroit noch kein bisschen seines Charmes einbüßen musste: die G-Klasse. Seit 1979 läuft die Gelände-Legende vom Band und wurde seither mehrmals aufgefrischt, nie aber rund um erneuert. Bis jetzt im ehemaligen Michigan Theater mit einer fulminanten Show die Neuauflage enthüllt wurde. Technisch präsentiert sich der Kastenwagen komplett überarbeitet, in Länge und Breite ist er gewachsen und das etwas angestaubte Cockpit ist einer Hightech-Welt à la S-Klasse gewichen. Nur eins ist geblieben: Die klassische Optik, mit steilstehender Windschutzscheibe, aufgesetzter Motorhaube und Blinker, den außenliegenden Türscharnieren und dem Reserverad an der Hecktür.

Während Mercedes mit dem neuen G die Tradition bewahrt, schlagen die ebenfalls in Detroit enthüllten 53er-Modelle von AMG neue Pfade ein und die Affalterbacher machen den ersten Schritt in Richtung Hybridisierung. Zwischen Reihensechszylinder und Getriebe sitzt im E-Klasse Coupé, Cabriolet und CLS 53 ein E-Motor, der Anlasser und Lichtmaschine vereint, und nicht nur selbst Kraft auf die Kurbelwelle wuppt, sondern dank 48-Volt-Technik auch noch einen elektrischen Zusatzverdichter antreibt. Der presst dem ohnehin turbogeladenen Benziner noch ein wenig mehr Luft in die Brennkammern und entlockt ihm in Summe nicht weniger als 435 PS – mehr als der Vierliter-V8 im neuen G 500 bereitstellt.

Zukunft und Vergangenheit will auf der NAIAS nicht nur Mercedes unter einen Hut bringen, sondern auch BMW – die Bayern verpacken beides aber in ein einziges neues Modell. Als kompaktes SUV-Coupé reitet der X2 auf der aktuellen Trendwelle, und es müsste mit dem Teufel zu gehen, wenn die Kundschaft BMW den lifestyligen X1-Bruder nicht aus den Händen reißen wird. Und dass die Bayern beim Brückenschlag zur Historie kein glückliches Händchen bewiesen haben, dürfte wohl nur die wenigsten Käufer interessieren.

Worum es geht? Um das deplatzierte BMW-Logo an der C-Säule, dass eine feine Reminiszenz an so große Coupés wie den 2000 CS sein soll – nur dass der X2 eben leider kein großartiges Coupé ist, sondern nur ein weiteres SUV. Liebe Designer, hätte man damit nicht bis zum 8er warten können, der ebenfalls noch dieses Jahr auf die Straße kommen soll? Dem schicken Zweitürer oberhalb des 7ers hätten wir die geschichtsträchtigen Insignien deutlich mehr gegönnt.

Vergönnt bleiben uns wiederum die beiden VW-Neuheiten: Die Wolfsburger haben die Neuauflage des Jetta und den sportlich angehauchten Passat GT in die Cobo Hall gestellt, doch beide sollen nur die US-Kunden wohlgesinnt stimmen. Dabei hätte vor allem der Stufenheck-Golf Jetta mit seinem endlich schicken, sicken-reichen Blechkleid erstmals durchaus Chancen, auch auf dem Heimatmarkt Freunde zu finden; vor allem, wenn er bei uns zum USA-Tarif zu haben wäre. Dort kostet der VW nämlich keine 20.000 Dollar. Eher das vierfache muss man für die einzige Audi-Neuheit auf den Tisch legen: den A7. Den haben die Ingolstädter zwar schon vor einiger Zeit enthüllt, aber den ersten Messeauftritt feiert der Coupé-verschnitt des A8 nunmal in Detroit und das Publikum kann sich in nur wenigen Metern Abstand davon überzeugen, dass der A7 die deutlich schickere Alternative zum neuen Mercedes CLS ist.

Apropos Alternativen: Davon gibt es auf der NAIAS durchaus einige attraktive, die aber leider – bis auf den etwas überarbeiteten Jeep Cherokee – alle nicht über den großen Teich schwappen. Zum Beispiel der Lincoln Continental, der, zugegeben nicht mehr ganz neu, mit seinen in die Chrom-Zierleiste integrierten Türgriffen immer wieder ein Hingucker ist und mit Luxus vom Feinsten gegen 7er, A8 und Co. antritt.

Mindestens genauso begehrenswert ist die neue Sonderedition des Ford Mustang zum 50jährigen Jubiläum des Bullitt-Films. Wie einst das – kürzlich wieder aufgetauchte – Original mit Steve McQueen am Steuer, kommt der neue Bullitt in dunkelgrün und mit nur wenig Chromdekor. Direkt neben dem Ponycar steht ein weitere alter Bekannter, der bislang seinen Weg zu uns nur auf verschlungenen Grauimport-Pfaden findet. Auf der NAIAS debütiert der große Pick-up F-150 leicht überarbeitet und zum ersten mal seit 70 Jahren mit einem Diesel unter der Haube – und könnte damit, VW-Skandal hin oder her, tatsächlich auch für den europäischen Markt interessante werden.

Ob Ford den Import bei uns selbst übernimmt, ist allerdings genauso fraglich, wie die Zukunft des im vergangenen Sommer neu eröffneten Apparatus Room in der ehemaligen Feuerwache, gleich gegenüber der Cobo Hall. Gerade steht das coole Restaurant für den Neuanfang der Stadt. Mal schauen, ob es in zwölf Monaten noch offen hat.

Fotos: Hersteller, Michael Gebhardt