#kannvorkraftkaumgehen Wer schon mal in einem Fitnesstudio war, kennt sie, die beiden Sportler-Typen. Da sind einmal die eher drahtigen, schmächtig wirkenden, denen man nicht mal drei Kniebeugen zutraut, und die einen dann doch rechts auf dem Laufband überholen und wie ein Duracell-Hase mehrmals wöchentlich ihr Trainingsprogramm abspulen können ohne auch nur ins Schwitzen zu kommen. Ein bisschen so, wie der Porsche 911, der gefühlt jede Turnübung bravourös meistert und trotzdem noch genug Luft zum atmen hat. Und es gibt die muskelbebackten Hünen, häufig vom Schlage Teddybär, die schwer-schnaubend Gewichte stemmen und Kraft ohne Ende aufbauen, ohne so recht zu wissen, wohin damit. So geht’s auch dem Ford Mustang // Ausfahrt

   München. Um eins klar zustellen: Wir reden hier vom “richtigen” Mustang. Schließlich gibt es inzwischen sogar einen, der noch nie ein Fitnessstudio von innen gesehen hat. Was anfangs wie ein amerikanischer Aprilscherz klang, wurde schnell Realität: Ford bietet das aktuelle Ponycar auch mit einem 2,3-Liter-Turbovierzylinder an. Ich wiederhole, mit Vierzylinder. Das ist in etwa so, als würde der Gewichtheber aus der Muckibude offenbaren, dass er abends zu seinem Hafermilch-Macchiato gern ein paar geröstete Tofu-Würfel mit Quinoa-Garnitur isst.

Nein, bei aller Liebe, eines der coolsten Autos überhaupt so zu sabotieren, das muss doch nicht sein! Zum Glück sehen das die Kunden auch so, und wollen weiterhin ihr T-Bone-Steak auf dem Teller: Drei von vier greifen zum einzig wahren Motor, dem 421 PS starken Fünf-Liter-Achtzylinder. Zumal der mit knapp 50.000 Euro nur unwesentlich teurer ist als der kleine Turbo. Wer so einem fast schon unmoralischen Angebot widerstehen kann, ist nicht von dieser Welt.

 

Völlig ohne Sauerstoffgerät darf der V8 genussvoll frei durchatmen. Und wie er das tut! Beim Gasgeben holt er ganz tief Luft, saugt sich dazu eine ordentliche Menge Benzin aus dem Tank, und fängt genüsslich schmatzend an, den Treibstoff zu verdauen. Durst und Klang lassen sich mit dem rechten Fuß dirigieren. Wer dem Mustang etwas mehr Sprit gönnt – bis zu 15 Liter verträgt er schon –, wird mit einem basslastigen Konzert aus den Endrohren belohnt und drückt man das Gaspedal forsch durch, scheint aus dem automobilen Orchestergraben schlagartig die Staatsphilharmonie aufzutauchen um mit gewaltigem, Wagnerschen Donnergrollen das ganze Auto erbeben zu lassen. Kleine Vorstellungshilfe? Treten Sie das nächste mal im Fitnesstudio einem der Tanzbären in der Freihantel-Abteilung auf dem Fuß…

Weil es viel zu schade wäre, würde der spektakuläre Klang nur filtriert an die Ohren der Insassen dringen, steht auch das zweite Kreuzchen bei der Bestellung gleich fest: Nicht nur der V8 muss es sein, sondern auch das Cabriolet. Mit einem Handgriff verschwindet die auch für deutsche Winder ausreichend stabile Stoffmütze hinter den Sitzen, und Sound und Sonne können sich ungehemmt im Innenraum breit machen. Etwas, was für Fahrer und Beifahrer nur bedingt gilt, denn Platz ist wie bei den meisten Ami-Autos eher rar. Allerdings ist die Verlockung des offenen Mustang-Genusses größer, als die Angst vor einem Bandscheibenvorfall, und quetsch’ auch ich mich auch mit fast zwei Metern immer wieder gern in das nicht gerade mit Liebe zum Detail gestaltete Cockpit.

 

Direkt nach dem Einsteigen sollte man also das Triebwerk unter der aus Fahrersicht schier unendlichen Motorhaube anwerfen, um sich von dessen Wohlklang von Anfang an einlulleln zu lassen. Ohne diese Ablenkung könnte man durchaus auf die Idee kommen, sich über das billige Hartplastik, die wackeligen Schalter oder die fummelige Bedienung aufzuregen. Liebhaber nennen das zärtlich Nostalgie, Kritiker würden sagen “einfach nicht zeitgemäß”. Aber ganz ehrlich, wer so an die Sache ran geht, sitzt sowieso im falschen Auto. Und mit dem sirenengleichen Aufschnauben des Achtenders werden die Sinne ohnehin vernebelt, wird man blind für solche Kleinigkeiten, rücken all diese Schönheitsfehler in den Hintergrund.

 

So schnell der Mustang Herzen für sich erobern kann, so schnell offenbart er sich auch als eben jener Typ mit überdimensionalem Bizeps, baumstammdicken Oberschenkeln und einem Händedruck, der kleinen Kindern durchaus bleibende Schäden zufügen kann. Einer eben, der vor lauter Kraft nicht gehen kann: Drückt man das Gaspedal im Stand etwas zu forsch durch, braust der Ami auf und poltert unbeholfen los. Ein Großteil der von einer etwas trägen Sechsgang-Automatik verwalteten Kraft verwandelt sich erstmal in Rauch und Reifenspuren und das Cabrio wackelt lustvoll mit dem Hintern, ehe es Fahrt auf nimmt. Erst wenn das Showprogramm abegespult ist und das Stabilitätsprogramm sich gesammelt hat, geht es richtig vorwärts. Aber selbst bei so manchem Zwischensprint gehen die Pferde mit dem Mustang durch, und er scharrt ungeduldig mit den Hinterrädern.

 

Diese herrliche Unvernunft, sei ihm gegönnt, schließlich steckt unter der harten Schale, die sich nach einigen Fehltritten in den 80er und 90er Jahren inzwischen endlich wieder am Original aus den Sechzigern orientiert und mit neuzeitlichen Spielereien wie animierten Blinkern aufgeppept wurde, am Ende doch ein weicher Kern. Eigentlich ist er nämlich gar nicht so ein Rüpel, wie er manchmal tut. Hat man sich aneinander gewöhnt, und reguliert man den Kraftstoffzufluss gefühlvoll, zeigt sich der Ford von seiner sanften Seite. Gemütlich gleitet er mit seiner für ambitionierte Kurvenräubereien ohnehin viel zu unverbindlichem Lenkung durchs Land und lässt mich als Fahrer von kalifornischen Sonnenuntergänge und unendlich weiten Highways träumen. Per Tastendruck lässt sich zwar ein Sportmodus aktivieren, der aber überspielt fehlendes Dynamik-Feingefühl vor allem mit übertriebener Härte und zum athletischen Sportler wird der Mustang damit noch lange nicht. Muss er aber auch nicht: Den Hantelstemmer aus dem Fitness-Center steckt man ja auch nicht ins Ballettkleidchen.

 

Fotos: Ford