#kannmannurgenießen Frankreich ist ein Land, so reich an Geschichten, Mythen und Reiselegenden, dass es ziemlich hoffnungslos scheinen mag, das man gar nicht weiß, wo man mit dem entdecken anfangen soll. Wir haben uns deshalb einfach treiben lassen, vom Pariser Großstadtdschungel, über kleine Sträßelchen entlang der Loire bis in die Bretagne. Mit dabei auf dieser Reise: ein Faible für alte Schlösser, eine Vorliebe für die französische Küche, und ein knallroter Renault Kadjar // Reise

   Frankreich. Ich geb’s ja zu: Kaum einer der üblichen Sehnsuchtsorte hat mich bisher weniger gereizt als Paris. Ich hatte ein Bild im Kopf, überladen von albernen Klischees, und Angst vor Taschendieben. Das Bild ist unfair. Und nicht wahr, wie ich gleich zu Beginn unserer Reise gelernt habe. Wir starten unsere Tour mit ein paar Tagen in einer Dachgeschosswohnung im Quartier Latin, unweit der alten Arene de Lutece. Erste Abende mit selbstgekauftem Baguette, Käse und trockenem Rotwein. Der Blick aus dem Fenster, die Straße hinunter, auf ein Eckbistro, malerisch wie ein Toulouse-Lautrec. Zwischen dieser phänomenalen Dichte an Kunst, an Architektur, blühen das verklärte Savoir-Vivre Frankreichs, aber auch die ganz alltägliche, nicht immer ganz so pastellbunte Fin-de-Siecle-Welt der Bewohner von heute – und nehmen mich gefangen, in ihren Bann.

 

Über den Arc de Triomphe, Sacre Coeur und das Moulin Rouge wurde in unzähligen Geschichten schon ausreichend berichtet. Paris hat aber auch Ecken, die nicht in jedem Reiseführer mit einem Sternchen markiert sind – auch für Automobolisten. Zum Beispiel die DS World: Ein Abstecher, in die Rue Francois 1er, führt uns zu einem silbernen DS Cabriolet aus den 60er Jahren mit Luxus-Sonderausstattung, und gleich dabenen tut sich die Glitzerwelt der aktuelle DS-Kreationen auf. Leuchten, strahlend wie Edelsteine, zieren die neuzeitlichen Modelle und wir merken uns, dass wir demnächst mal einen genaueren Blick auf die noble Citroën-Tochter werfen wollen. Erst mal aber wandern wir weiter, nur ein paar Schritte, direkt auf die Champs-Élysées, wo wir große Spielzeuge bewundern können: Zum Beispiel Peugeots 3008 DKR für die Rally Paris Dakar, der, mit massiven Stollenreifen und bunt bestickert, wie ein übergroßes Matchbox-Auto vor uns steht.

 

Abends gehen wir aus auf ein Bier im Marais, besuchen die Bars der Szene und treffen uns mit jungen Franzosen, die ihr Leben zwischen mäßig bezahlten Jobs und horrend steigenden Mieten jonglieren. Bei alle dem Charme, den die französische Hauptstadt versprüht, fühlen wir uns hier nicht weit weg von München, Mailand, oder irgendeiner anderen Kapitale. Paris ist einzigartig, und lehrt uns doch neu, dass es in Europa keine fremden Städte gibt. „Wenn wir das nächste Jahr wiederkommen“, so hören wir, „wird es im Marais nur noch Einkaufszentren geben, und wir sind dann nebenan und machen unsere Bars im Qinze-Vings auf“. Wir sind froh, dass wir das kleinteilige, gotische Paris, im Sumpf zwischen Rathaus und Centre Pompidou vorerst noch einmal so bunt und quirlig erleben dürfen.

Jetzt aber genug Paris, und ab ins Auto: Unser Begleiter auf diesem Roadtriptrip ist ein kirschrotmetallic-farbener Renault Kadjar, mit fein gezeichneten 19-Zoll-Alurädern (fürs Auge) und Bose-Soundsystem (für die Ohren). Früh morgens lassen wir die Metropole hinter uns, oder versuchen es zumindest. Aber: Paris – Versailles ist eine Qual. Das Navi unseres Kadjars kapituliert vor den vielen Baustellen am Quai d’Austerlitz (übrigens nicht das letztes Mal auf diesem Trip) und endlich auf der Peripherique angekommen, stehen wir bis Saint Cloud im stockenden Stadtverkehr. Dafür kann der rote Kadjar aber nun wirklich nichts, und er erträgt das ständige Stop-and-Go mit seiner zuverlässig und angenehm dezent arbeitenden Stopp-Start-Automatik um einiges sanftmütiger als wir. Zumindest wenn man von den etwas zu übermütig arbeitenden Parksensoren absieht, die im Pariser Fahrstil überall Gefahr lauern.

Auch der schönste Stau findet irgendwann sein Ende, und erstmal an Versailles vorbei, tauchen wir ab Richtung Südwesten, über Chartres nach Blois. Bloß weg von der Autobahn. Die Routes Departmentales im Naturpark Valle de Chevreuse, westlich von Paris, sind wohl schon seit königlichen Zeiten der schönste Weg, die Hauptstadt zu verlassen. Gesäumt von kleinen Bilderbuchdörfern breiten sich sanfte, saftgrün bewaldete Hügel kurz nach der Stadtgrenze aus und lassen uns die letzten staubig schmutzigen Ausfallstraßen vergessen.

 

Wir steuerten den Kadjar mit Verve über die schmalen, eher grob, aber immer zuverlässig asphaltierten Windungen der D91 und D72 und merken schon nach den ersten Stunden, dass sich der französische Autobauer eins bewahrt hat: die weichen, komfortablen Sitze. Das aber ist das einzige Überbleibsel der einst Senften-artigen, französischen Kutschen und mit dem Kadjar darf man sich auch mal schneller ums Eck trauen, ohne Angst haben zu müssen. Eher schon stößt unser 130-PS–Diesel an seine Grenzen, aber: Wir sind hier um zu Genießen, und zum sanften dahingleiten eignet sich der samtweiche Selbstzünder hervorragend. Ich vergesse, dass ich lenke, schalte, Gas gebe – und mache es einfach. Als gehöre er zur Landschaft, rollt der Bonbon-rote Kadjar durch die grüne Weite Zentralfrankreichs. Eine Gegend, die uns in den kommenden Tagen bei jedem Wetter, ob Sonne oder Regen, ein faszinierendes Panorama bieten wird.

 

Abends kommen wir in Blois an. Die Stadt war im ausgehenden Mittelalter Königssitz Frankreichs und in der Epoche der Renaissance eines der Zivilisationszentren Europas. Das Renaissanceschloss stammt von Francois I., einem der bedeutendsten Könige Frankreichs, mit einer eindeutigen Vorliebe für Italien. Schließlich hat er es nicht nur Katharina von Medici zu Frau genommen, sondern auch Leonardo Da Vinci überzeugt, seine letzten Lebensjahre in Amboise, nahe Blois zu verbringen. Für Da Vinci einige der glücklichsten Jahre seines Lebens und der Entwurf für Schloss Chambord soll maßgeblich vom italienischen Großmeister beeinflusst sein; zumindest die doppelläufige Treppe soll von ihm stammen.

 

Chambord befindet sich knappe 40 Kilometer südwestlich von Blois, dem Schloss selbst kann man sich mit dem Auto allerdings kaum nähern. Dafür bleibt uns ein Fußweg von etwa einem Kilometer, der sich auf allemal lohnt. Das Schloss baut sich mit der Anmut und der mystischen Ausstrahlung eines Tadsch-Mahal am Horizont auf, ist die Stein-gewordene platonische Philosophie der Renaissance. Hier wird das Prinzip mathematischer Harmonie über die Bedürfnisse wohnlichen Komforts gestellt.

 

Ganz anders in Chenaunceau, dem Privatschloss von Katharina von Medici. Hier kam es übrigens zu einer der wichtigsten Kulturleistungen Europas, der Verbindung von französischer und italienischer Kochkunst. Überhaupt, die Kochkunst. Es ist nicht zuletzt jener Katharina von Medici zu verdanken, dass wir heute überhaupt von französischer Küche sprechen!

 

Den überzeugendsten Beweis dieser Kunst bekommen wir in Amboise. Im L’Epicerie genießen wir die fantastischste Foie Gras auf unserem gesamten Trip. Das ausgezeichnete französische Menü wird nur noch übertroffen von den wirklich wertvollen Tipps zur Weiterreise, die uns der etwas exaltierte Kellner mit auf dem Weg gibt. Und dank dem wir wissen, welchen Weg wir am nächsten Tag einschlagen werden: Zwischen Amboise und Saumur führt einer der sehenswertesten Abschnitte der Loire. Der Fluss hat inzwischen, gespeist vom Cher bei Tours, eine beachtliche Kraft erreicht, und windet sich in seinem breiten Bett um unzählige Inseln und Sandbänke; eines der wichtigsten Vogelkoloniegebiete Europas.

 

Wir fahren also die D751 und später, nach Tours, die D7. Nicht die vom Navi vorgeschlagene, deutlich flottere Verbindung über die D952. Schnelligkeit wäre hier ein Sakrileg und Zeugnis von stupider Dumpfheit. Die teilweise auf eine Spur beengte D7 gibt dagegen ihre intime Verbindung zur Auenlandschaft der Loire auf ganzer Strecke nicht auf und Dörfer mit Kirch- und Rathausplatz, und manchmal gar einem Bootssteg für die typischen Loire-Holzboote, drängen sich an den Uferdamm. Wir ringen mit uns,wollen am liebsten überall anhalten. Doch der Drang nach einem weiteren, leckeren Abendessen führt uns weiter in Richtung Saumur.

 

Das Schloss von Saumur ist Hotspot und Stilikone des Mittelalters zugleich. Das Bauwerk, erstmals im 9. Jahrhundert errichtet, prägte die Architektur und die französische Profangotik des Mittelalters, schaffte es gar als Symbolbild eines idealen Schlosses in das bedeutendste und kunstvollste Manuskript des 15. Jahrhunderts, dem Stundenbuch des Herzogs von Berry und damit bis heute in unsere Köpfe als Paradebild des Mittelalters von Burgen, Bauern und Rittern.

 

Saumur bietet aber nicht nur kulturellen Hochgenuss, sondern auch Gaumenfreuden. Unweit liegt das bekannteste und wichtigste Weinbaugebiet der Loire. Hier gedeiht der Crémant, der nicht weniger elegante, aber durchaus fruchtigere Bruder des Champagner. An den Kalkhöhlen im Süden Saumurs reifen die feinen Trauben, und die Kellereien drängen sich entlang der Rue Jean Ackermann. Hier reift in großen Fässern aus Chenin Blanc der samtig milden Perlwein heran. Und wir merken erstmals, dass der Kofferraum des Kadjars seltsam verbaut ist. Gerade mal unser Gepäck für zwei Personen geht in das rund 470 Liter große Heckabteil; die Kisten mit Crémant, die wir für die Daheimgebliebenen einpacken, müssen auf dem Rücksitz verstaut werden.

 

Hinter Saumur beginnt bereits unser letzter Loire-Abschnitt. Wir folgen dem Fluss, wieder dicht am Ufer, bis kurz vor Angers. Die Bretagne ist nah, die Mündung der Loire ebenfalls nicht mehr weit. Und wir wollen ans Meer. La Baule-Escoublac ist eines der traditionsreichen Atlantikbäder Frankreichs. Die langgezogene Uferpromenade ist schlichtweg sehenswert, und wer die Feinheiten der Architektur der Klassischen Moderne, mit all ihren Proportionen, dem Spiel mit negativen Geschosshöhen und Kontrasten aus Fenstern, Säulen und weißen Wänden zu schätzen weiß, wird in La Baule eine Architekturensemble vom Format der Villenarchitektur eines Le Corbusier finden.

 

Und natürlich: Das Meer. Endlich. Wir sind noch nicht ganz im Austerngebiet – dazu müssen wir die bretonische Halbinsel queren, bis Saint Malo – und bleiben also bei unserem Stopp am kilometerlangen Sandstrand von La Baule noch ein letztes mal bei Foie Gras. Diesmal mit Meersalz angerichtet, und mit einem trockenen Chardonnay. Der Wind peitscht uns dazu salzige Luft entgegen und macht uns klar, dass wir uns verabschieden müssen, vom milden, sanften Frankreich der Renaissance. Vor uns die rauhe Küsten, das gotische Frankreich. Das Frankreich der phantastischen Kathedralen, von denen hier zu erzählen diesen Rahmen bei weitem sprengen würde. Das heben wir uns lieber für die nächste Geschichte auf…

Fotos: Hendrik Terwort