#schlussmitmäusekino VW bringt mit dem Touareg sein neues Markenflaggschiff und setzt beim Infotainment neue Standards: Fette 15 Zoll misst das Touch-Display in der Mittelkonsole  und wer will, kann sich die Menüs jeden Tag neu anordnen // Toys

Sie waren sperrig. Ihr Bild war klein. Und sie waren schwer. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Computer-Monitor und Fernsehbildschirme Staub magisch anziehende Kisten, die eigentlich immer im Weg und weit davon entfernt waren, ein Hingucker am Schreibtisch oder im Raum zu sein. Nicht umsonst haben unsere Großeltern die TV-Kiste in der Eichenschrandwank hinter Türen versteckt, und erst zur Tagesschau wurde der Fernseher aufgemacht.

Wer in den 90er Jahren einen 13-Zoll-Monitor an seinen 486er-Rechner anschloss, war up-to-date, und durfte sich das Windows-95-Logo sogar auf 15 Zoll erstrecken, galt man zurecht als das, was damals noch keinen Namen hatte und heute Early Adopter heißt. Die Frage, wer den Größten hat, ist inzwischen obsolet: 27-Zoll-iMacs gehören zum guten Ton in jedem Büro, wo sich die Angestellten auch nur halbwegs hip geben wollen, und selbst in der Hosentasche moderner Skinny Jeans finden Smartphones mit zehn Zoll Bildschirmdiagonale problemlos Platz.

Allein, im Auto gab’s bis vor kurzem immer noch Mäusekino statt Großbildleinwand. Tesla war der erste, der einen iPad großen Bildschirm in die Mittelkonsole gepresst hat, Volvo hat nachgezogen – und jetzt kommt Volkswagen und stellt alles andere in den Schatten. Heftige 15 Zoll misst das Display im Innovision Cockpit des neuen Touaregs, und degradiert damit nicht nur die hochgelobte Mercedes-Multimedia-Welt mit gerade mal 10,irgendwas Zoll Breite oder neue Audi-System mit den beiden übereinander angeordneten Touch-Flächen, sondern lässt auch das größte aller großen Apple-Tablets alt aussehen: Das iPad Pro kommt auch nur auf 12,9 Zoll!

Mit dem neuen Display, das wie die digitalen Instrumente unter einer Glasabdeckung verschwindet und mit diesen – abgesehen von einer etwas störenden Fuge – zu einer Einheit verschmilzt, stößt VW aber nicht nur in bisher unbekannte Dimensionen vor, sondern revolutioniert in seinem neuen Markenflaggschiff auch das Bedienkonzept. Der Weg, den die Wolfsburger einschlagen liegt auf der Hand, es geht noch mehr in Richtung Smartphone. Jeder, der ein modernes Handy bedienen kann, findet sich auch im Touareg-Infotainment-System schnell zu recht, und im Zweifelsfall reicht ein Druck auf den ebenfalls virtuellen Homebutton, der einen wieder zurück auf Los bringt.

Viel Verwirrung wird es allerdings nicht geben, schließlich lässt sich das System mehr als alle bisher dagewesenen Lösungen ganz nach belieben anpassen und die einzelnen Funktionen können auf dem 1.920 mal 1.020 Pixel großen Display per Drag-and-Drop mehr oder weniger frei verschoben, angeordnet und sortiert werden. Die Nummer des Liebsten links oben, darunter die beliebtesten Navi-Ziele und natürlich das aktuelle Wetter. Oder doch lieber eine schicke Uhr und, ganz wichtig, der Schnellzugriff auf die Klangeinstellung, weil man heute Rock und morgen Klassik hören will?

Ob die Kunden von den mannigfaltigen Individiualisierungsmöglichkeiten, die ihnen Statusleiste, Funktionskacheln und Favoritentasten bieten, Gebrauch machen? Klar! Einmal mit dem Verkäufer, der den Wagen übergibt, und dann vielleicht noch ein paar mal in den ersten Wochen. Danach dürften die einzelnen Schaltflächen so fest auf ihrem Platz sitzen, wie einst die CDs im Wechsler, die man kurz nach dem Kauf eingelegt und erst beim Wiederverkauf wieder herausgenommen hat.

Macht aber nichts: Es geht schließlich gar nicht darum, dass man jeden Morgen ein lustiges Memory mit den einzelnen Bedienelementen spielt. Es geht darum, das VW nicht mehr hinterherhinkt, und alle anderen Hersteller erst mal machen lässt. Es geht darum, dass die Wolfsburger Trends erkennen. Darum, dass sie den Mut haben, Vorreiter zu sein. Und darum, dem Kunden Möglichkeiten zu bieten – ganz egal, ob und wie oft er diese nutzt. Wie häufig sortiert man schließlich die Apps auf dem Smartphone um? Sehr selten. Und wie oft fährt man mit dem Porsche 911 Turbo 300 und mehr Kilometer pro Stunde? Auch sehr selten. Aber man könnte, wenn man wollte.

Fotos: VW