#kannnochmehrfarben Über 6.500 Teile haben die Mercedes-Ingenieure beim S-Klasse Facelift angefasst, um ihr Flaggschiff für die kommenden Jahre zu rüsten. Dass dabei nahezu die gesamte Motorenpalette erneuert wurde, ist das eine. Dass das Ambientelicht jetzt in 64 Farben erstrahlt und ein intelligenter Stimmungsmacher an Bord ist, das andere // Ausfahrt

   Zürich, Schweiz. „Das Beste oder nichts“ kaufen Mercedes-Kunden, die dem Werbe-Slogan glauben schenken, und die S-Klasse müsste demnach eigentlich das allerbeste sein. Doch was gestern noch gut war, ist heute vielleicht nur noch Mittelmaß. Und so muss auch das Stuttgarter Flaggschiff alle paar Jahre wieder unters Messer – beziehungsweise die Blechschere. Beim aktuellen Facelift hat Chef-Designer Gordon Wagener damit äußerst großzügig hantiert, aber auch die Ingenieure haben sich mächtig ins Zeug gelegt. Kein Wunder, startet zeitgleich mit der überarbeiteten S-Klasse doch auch der komplett neue Audi A8 ins Rennen um die Premium-Kundschaft.

Die will Mercedes, vor allem in Asien, zukünftig mit einer selbstbewussteren Optik ansprechen. Die etwas zurückhaltenden, nach unten flüchtenden Scheinwerfer sind neuen, deutlich markanteren Leuchten gewichen, die den Ober-Benz mit ihren drei Tagfahrlichtfackeln schon von weitem zu erkennen geben. Auch die Schürze wurde rundumerneuert, für den europäischen Geschmack hat es Wagner dabei aber vielleicht ein wenig übertrieben. Zumindest die Top-Modelle S 65 AMG und die Maybach-Version S 650 sind mit jeder Menge Chrom eindeutig auf die chinesischen Wünsche hin zugeschnitten.

Das gilt auch für das neue Ambientelicht: 64 Farben stehen jetzt zur Wahl, und wer sich nicht für eine entscheiden will, kann verschiedene Bereiche – hinter den beiden großen Bildschirmen, die Zierleiste oder den Fußraum – unterschiedlich beleuchten oder gleich eine animierte Lichtorgel einschalten, die die Farben fortlaufend durchwechselt. Doch damit nicht genug! Über die neue Energizing-Komfortsteuerung lassen sich nicht nur das Ambientelicht, sondern auch Musik, Beduftung, Klimatisierung und die Massagefunktion an verschiedene Stimmungen anpassen. Einmal ausgewählt, sorgt das Wohlfühl-Programm zehn Minuten lang dafür, dass einem mollig-warm wird oder man frische Energie tankt.

Wer will, kann sogar ein Training absolvieren, bei dem einen der Computer diktiert, wie man mit den Schultern zu kreisen oder die Bauchmuskeln anzuspannen hat. Die Bewegung mag auf langen Fahrten tatsächlich hilfreich sein; nicht umsonst empfehlen Ergotherapeuten schon seit langem, auch immer wieder mal die Sitzposition zu ändern. Doch so lange der Benz nicht ganz autonom fährt sollte man die Turnstunde vielleicht besser auf den Parkplatz verlegen.

Allerdings macht die S-Klasse auch noch einen weiteren Schritt in Richtung Selberfahren. Der Abstandstempomat Distronic wurde um eine zusätzliche Funktion erweitert und reagiert jetzt nicht mehr nur auf vorausfahrende Fahrzeuge, sondern auch auf den Streckenverlauf. Sprich: Vor Kurven, Kreisverkehren oder Abbiegungen – die man ihm durch Blinken ankündigt oder in der Naviroute vorgesehen sind – bremst der Luxusliner automatisch so weit ab, dass der Fahrer kommod durch den Kreisel oder um die Ecke fahren kann. Vorausgesetzt, es kommt kein anderes Auto; darauf reagiert der Benz derzeit noch nicht. Dafür aber passt er seine Fahrstil an die gewählte Betriebsart an, im Sportmodus eilt er also deutlich flotter durch die Kurve als im Komfortbetrieb.

Apropos Kurve: Mit dem Facelift hält auch die Curve-Funktion Einzug in der S-Klasse und die Limousine legt sich auf Wunsch sprichwörtlich in die Kurve. Das soll zwar die Querkräfte auf die Passagiere reduzieren – muss man aber mögen. Zumindest we leicht Seekrank wird kann sich das Extra auf jeden Fall sparen. Außerdem ist die Funktion nur für den V8 erhältlich und nicht für die beiden brandneuen Reihensechszylinder im S 450 und S 500. Die nämlich kommen mit 48-Volt-Bordnetz und integriertem Startergenerator (ISG), der den klassischen Riementrieb mit Anlasser ersetzt. Genau diesen Riemen aber braucht die Curve-Funktion…

Der ISG übernimmt nicht nur das Starten des Motors, sondern gibt auch Extra-Drehmoment auf die Kurbewelle. Das war den Technikern aber immer noch nicht genug, also haben sie auch noch einen zusätzlichen elektrischen Verdichter verbaut. Der presst schon Luft in die Brennkammern, wenn der Turbolader noch überlegt, was zu tun ist. Das Ergebnis: Der S 500 geht mit seinen 435 PS und 520 Newtonmetern ab wie Schmidts Katze und zieht lässig am Vorgängermodell mit Achtzylinder vorbei. Weil er sich untenrum allerdings derart ins Zeug legt, hat man bei höherem Tempo mitunter das Gefühl, dass ihm jetzt die Puste ausgeht.

Ein Gedanke, der einem beim ebenfalls neuen V8 im jetzt S 560 getauften 469-PS-Modell nie kommt. Selbst bei über 200 Sachen nimmt der Achtender noch artig Gas an und legt immer nochmal eine Schippe drauf. Besonders eindrucksvoll geschieht das in der AMG-Version S 63, die den gleichen Motor nutzt, allerdings satte 612 PS entwickelt. Und nur das Affalterbacher-Modell profitiert von der Zylinderabschaltung, die den Durst im Idealfall auf 8,9 Liter senkt. AMG-Kunden schauen schließlich immer als erstes auf den Verbrauch…


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Fotos: Mercedes-Benz, Michael Gebhardt