#nahamoriginal Am Anfang der GTI-Bewegung bei VW stand – lang, lang ist’s her – ein Golf. 3,71 Meter kurz, ein Winzling verglichen mit dem gleichnamigen Modell anno 2018. Näher am Original, obwohl auch schon eine Nummer größer, ist der neue Polo GTI // Ausfahrt

Palma de Mallorca, Spanien. Der knapp über vier Meter lange Viertürer wird es dennoch schaffen, die Tradition der legendären Straßenfeger aus den 1970er Jahren fortzusetzen. Dass das Kürzel GTI nichts an Strahlkraft verloren hat, ist eigentlich verwunderlich, denn GTs – Grand Tourisme – gibt es sonder Zahl, und das Injection-I ist heutzutage erst recht nichts mehr Besonderes: Der Kraftstoff wird mittlerweile selbst bei Allerweltsmotoren in die Brennräume gespritzt, und nicht mehr durch einen Vergaser geschickt.

Als VW 1976 den Golf GTI ins Rennen schickte, beherrschte die Einspritzanlage nur die mechanische Grob-, nicht die elektronische Feindosierung. Was nach heutigen Maßstäben ziemlich primitiv erscheint, war damals indessen ein Riesen-Fortschritt. Dass sich dieser Quantensprung in einem Kompaktwagen gut verkaufen würde, glaubten bei VW jedoch nur wenige: Das mit I-Hilfe zum Sportgerät umfunkionierte Allerweltsauto galt als derart exotisch, dass man in Wolfsburg zunächst nur eine Sonderserie mit 5000 Exemplaren einplante.

Die Skeptiker wurden jedoch schnell eines Besseren belehrt, denn die Fahrzeuge mit GTI-Logo samt der für diese Linie typischen, leuchtend roten Accessoires fanden reißenden Absatz. Kurze Zeit später waren die drei Buchstaben ein bestens bekanntes Synonym für VW-Modelle mit ausgeprägt sportlichem Charakter und der stärksten in einer Baureihe verfügbaren Motorisierung – und der automobile Wunschtraum vorwiegend männlicher (Jung-)Führerscheinbesitzer.

Das mit der stärksten Motorisierung traf in den folgenden Jahren nicht immer zu, stimmt inzwischen aber wieder: Der Polo GTI-Jahrgang 2017 liefert Dynamik-Spitzenwerte, denn er ist mit 200 PS und satten 320 Newtonmeter ausstaffiert, und sowohl Topleistung wie auch Zugkraftmaximum sind schon bei niedrigen Drehzahlen abrufbar. Der Viertürer entwickelt damit, obwohl 500 Kilogramm schwerer, erheblich mehr Dynamik als ein Golf GTI der ersten Stunde, dessen 1,6-Liter-Vierzylinder bei 6100 Kurbelwellenumdrehungen pro Minute maximal 110 PS und bei 5000/min gerade mal 137 Newtonmeter freisetzte.

Damit war der erste Golf GTI immerhin 182 km/h schnell, wobei 9,2 Sekunden vergingen, wenn der Fahrer die Tachonadel schnellstmöglich von 0 auf 100 jagte. In den 1970er Jahren garantierten diese Werte, die in der heutigen Zeit niemanden mehr vom Hocker reißen, rasantes Fahrvergnügen und beeindruckten die motorisierten Zeitgenossen zweifellos stärker, als es die 237 km/h und 6,7-Sekunden-Sprints des neuen Polo GTI heute tun.

Deswegen bietet das jüngste Mitglied der VW-Spitzensportler-Abteilung der Kundschaft über beste Fahrleistungen hinaus vor allem das, was man heutzutage vom Topmodell einer neu aufgelegten Baureihe erwartet: Ein Höchstmaß an Alltagstauglichkeit. Dafür ist der auf 245er Reifen daherkommende Polo ab Werk mit jeder Menge elektronischer Helfer ausgerüstet, unter anderem ein Front Assist inklusive City-Notbremsfunktion, Fußgängererkennung und Multifunktionsbremse. Ebenso sind alle heute erwartbaren Kommunikations- und Infotainmentsysteme an Bord. In puncto Fahrsicherheit und -komfort liegen sinnvollerweise Welten zwischen dem 1976er GTI und seinen gut 40 Jahre jüngeren Nachfolgern.

Genug der Vergleiche: Für sich betrachtet ist das neue Modell außer absolut alltags- auch lustvoll rennstreckentauglich. Dort erzielt es, wie ein Spezialist für Gegenverkehr-freien Asphalt berichtet, aufgrund des geringeren Gewichts und der handlicheren Abmessungen sogar schnellere Rundenzeiten als der PS-stärkere Golf. Um eine derart stabile Straßenlage sicherzustellen, hat VW die Batterie beim Polo GTI in den Kofferraum verschoben und dem Wagen serienmäßig ein Sportfahrwerk (gegen Aufpreis verstellbar) spendiert.

Mit dem Sportgerät von früher – Grundpreis: 13.850 Mark (was Experten zufolge nach heutiger Kaufkraft und inflationsbereinigt immerhin 17.200 Euro wären) – hat der mit erheblich mehr Muskeln bepackte, um Längen sicherere, viel besser ausgestattete Polo GTI (ab 23.950 Euro) in erster Linie Sichtbares gemeinsam; Die konsequente Verwendung der Farben Rot und Schwarz im Innenraum beispielsweise. Sie finden sich – gemischt mit Hell- und Dunkelgrau – sogar in den karierten Sportsitzbezügen. Deren Clark-Muster ist GTI-typisch; es genießt VW zufolge „Kultstatus“.

Auch die Bremssättel und ein Streifen im Kühlergrill spinnen den roten Faden weiter, der den GTI-Mythos speist. Erstaunt dürften für Traditionalisten der ersten Stunde dagegen darüber sein, dass der 2,0-Liter-Turbobenziner anfangs nur mit einem Doppelkupplungsgetriebe antritt – einer Gangwechsel-Technik, die vor vier Jahrzehnten schlechthin unvorstellbar war. All die Puristen müssen sich aber nicht lange grämen, denn sie bekommen demnächst, was sie wollen: Einen echten Schalthebel und sechs von Hand wechselbare Gänge.

Fotos: VW