#spieltsichganzschönauf Es fällt mir äußerst schwer, dem Reiz einer frischen, unberührten Schneedecke zu widerstehen. Während die ersten Ski- und Snowboarder dieser Tage schon den Gang auf die Pisten am Sudelfeld wagten, haben wir allerdings ein anderes (Sport-)Gerät die Bergstraßen hochgeschraubt – schließlich sind die Wald- und Wiesenparkplätze noch leer genug, und der Schnee frisch und das Alles viel zu verführerisch, um den BMW X6 M 50d nicht in vorweihnachtlicher Winterfreude im rutschig-matschigen Terrain mal ordentlich durch das Weiß zu jagen //Ausfahrt

   München. Ein Schlittenfahrt ist ein echter Spaß, solange man die Kontrolle über sein Gefährt nicht verliert. Der rutschige Untergrund hat ja bekanntlich die Eigenschaft, Richtungskorrekturen manchmal undankbar zu erwidern. Was schon für die hölzernen Modelle mit zwei Kufen gilt, das kennen wir bei Autos erst recht zur Genüge. Wie gut, dass das BMW-Allradsystem mit den etwa 40 Zentimeter Neuschnee im bayerischen Alpenvorland keinerlei Probleme hatte. Doch bevor es uns auf die winterlichen Bergspielplätze verschlagen hat, mussten wir ein Stück Autobahn erobern und bergauf mäandernde Serpentinen bezwingen. Ersteres zeigte sich am frühen Morgen als eine nicht unkomfortable Pflichtübung, letzteres als das heimliche Highlight unseres Ausflugs mit dem X6.

381 PS, 740 Newtonmeter Drehmoment, knapp drei Litern Hub verteilt auf sechs Zylinder – das sind die harten Fakten des Diesel-Aggregats in der M-angehauchten Version. Fahrwerk und Aggregat lassen sich in vier Stufen justieren, vom Eco-Sparmodus, über den Komfort, bis zum Sport Plus Modus, der die Fahrkünste mit zurückgezogenen Traktions- und Stabilisationskontrollen fordert. Wie der Widerspenstigen Zähmung gebiert sich der Komfort-Modus, der das Drehmoment spürbar herunter regelt. Als wäre das Fahrwerk mit durchgekauten Kaugummis gespickt, versacken darin die ersten paar Hundert Drehzahlen Schub und selbst bei ordentlich Druck auf dem Pedal wird so ein sanftes Anfahren erzwungen.

Hat man diesen zähen Anschub überwunden, läuft der X6 auch im Bequembetrieb agil und antwortet, mit den ersten Stundenkilometern Fahrt auf dem Tacho, befriedigend dynamisch auf Gasdruck. Alles gut genug, meinen Mitfahrern auf der A8 Richtung Chiemsee eine ruhige Frühstücksfahrt mit Coffee to Go zu bereiten und später am Abend mit ausreichender Contenance durch den Stop-and-Go-Verkehr der Großstadt zu manövrieren. Diese Gelassenheit wird in der City auch dringend benötigt, denn die Spurbreite von 1700 Millimeter ist für so manche zugeparkte Nebenstraße eine Herausforderung.

Platz – das ist ohnehin ein gutes Stichwort für ein Auto, dass, schaut man auf die durchaus überdurchschnittlich pointierte Muskulatur der antiken Vorbilder, das Attribut kolossal wohl verdienen würde. Der X6 braucht viel Platz: Vom Parken will ich hier gar nicht sprechen, dafür lieber vom Vorwärtsdrang. Um den Sportmodus voll auszukosten, brauchen wir freie Straßen. Auf den vorrangig kurvenreichen bis serpentinenartigen Pfaden des südlich von München gelegenen Sudelfeldes schiebt sich der BMW mit souveräner Sicherheit hinein ins Klettervergnügen. Satt und sauber bremsen wir auch bei schneekaltem Wetter in unsere Einlenkpunkte, präzise lässt sich der aufgepumpte Bolide in die Kurvenbahn steuern, um dann, erst mit leisem Blubbern, später mit kräftigem Röhren, zu beschleunigen. Das M im 50d macht sich in jeder Kurvenausfahrt allen Sinnen bemerkbar: mit beherztem Gasdruck stoßen wir in Serpentinensteigungen im zweistelligen Bereich, der 2,3 Tonnen BMW reagiert darauf mit zügellosem Schub. Kraft ist sein Thema, im Maschinenherz genauso wie auf seiner blechernen Hülle. Ganz nebenbei, in 5,2 Sekunden könnte man den Diesel-X6 M bei gerader Strecke auf die 100 drücken. Wir sind uns aber schnell einig und ziehen das Kurvenprofil eindeutig vor.

Apropos Profil: Ein paar Gedanken zum durchaus bemerkenswerten Design dieses Hybriden aus SUV und Coupé seien erlaubt. Als Sports Active Coupé bezeichnet BMW seine eigensinnige Fahrzeugklasse, und bevor Mercedes mit dem GLE Coupé nachgerückt ist, war der X6 tatsächlich auch einzigartig in dieser Rolle des breitschulterigen Sonderlings im Fuhrpark der SUV-Familie. Auf dem Package eines X5 finden wir eine zu den Seiten hin deutlich eingeschränkte Kabine. Auch die Kopffreiheit der Fondpassagiere und der Kofferraum fallen, wenig überraschend, im X5 deutlich großzügiger aus. Dafür bekommt man mit dem X6 die für eine SUV-Statur unschlagbar dynamische Silhouette eines Coupés, auf 19-Zoll-Aluräder gesetzt und mit einer wirklich massiven Skulptur in der Seitenansicht. Die Schulterfläche des X6 darf zum Beispiel mal locker ein Drittel breiter ausfallen als die seiner vielleicht praktischeren Brüder mit dem ungeraden X, von den wuchtigen Radhäusern ganz zu schweigen. Als der erste X6 2008 auf dem Markt kam lag mir, angesichts der nicht wirklich vorteilhaften Proportionen des Hecks, das Urteil nicht weit, von einem geradezu obszönen Auto zu sprechen. All diese Kritik ist aber Schall und Rauch, schaut man sich die Marktzahlen zum X6 an.

Im Schnee spüren wir dann eine anderes Gesicht der Kraftmaschine: Oben auf dem Berg finden wir den Matsch unter dem Schnee noch nicht vollständig zugefroren vor. Kaum bemerkt, haben wir uns auch schon festgefahren. Das heißt: Bremse treten. Danach sensibel aufs Gas. Die Aktion schiebt die ganze Karosse zuerst ein paar gute Zentimeter zur Seite, bevor wir wieder Fuß, beziehungsweise Grip fassen. Für ein waschechtes SUV ist es das BMW-Allradsystem X-Drive Ehrensache und so machen wir auch im vielleicht etwas exaltierten Auftritt des BMW ganz und gar keine schlechte Figur und können uns dank Vierradantrieb souverän und präzise zurück auf die Schotterpiste bewegen.Bei einer Schlittenfahrt kommt es schließlich darauf an, die Kontrolle über Gefährt nicht zu verlieren. Zumindest nicht das Gefühl davon. Letzteres ist mit dem X6 nur schwer zu erschüttern und was meinen beiden Mitfahrern einige bange Gesichtszüge eingebracht hat, das bringt dem geneigten Fahrer tatsächlich eine ordentliche Portion Spaß.

Fotos: Hendrik Terwort