#kannmanbeladen Vorne SUV, hinten Pritschenwagen, dazwischen eine Kabine mit zwei Sitzreihen und Platz für fünf Passagiere  – die Mercedes X-Klasse ist ‚was Ausgefallenes, wenn man öfter mal sperrige Gerätschaften, großvolumiges Sport-Equipment, Gartenabfälle, Kaminholz und dergleichen mehr transportieren muss.

   Stockholm. Jetzt also ein Pickup. Nicht unbedingt die Karosserieform, die man mit Mercedes in Verbindung bringt. Experimentiert haben die Schwaben damit aber schonmal, in den 70er Jahre. Und zwar auf Basis der Baureihen 114 und 115. Unter Oldtimer-Freunden nur als /8 („Strich-Acht“) bekannt, könnte man ganze Wandregale mit Geschichten über die herrlichen Limousinen und Coupés dieser Serie füllen. Doch vom /8 gab es auch ein, wenn auch sehr rares, Pickup-Derivat!

   Mit der neuen X-Klasse allerdings hatte die damalige Limousine mit Ladefläche wenig zu tun, zumal sie schon deutlich zierlicher daherkam. Genau das nämlich ist der gewaltige Nachteil des neuen Traumautos mit Prärie-Flair: es hat einen immensen Platzbedarf! Midsize bedeutet in der Pickup-Liga, dass zum Abstellen eine Fläche von gut 5,30 Meter Länge und 2,1 Meter Breite plus Spielraum fürs Türen-Öffnen gefunden werden muss – also weit über zehn Quadratmeter. Die meisten europäischen Großstädter werden den Traum vom Pickup mit Blick auf die eigene Duplex-Garage schnell wieder ad acta legen.

   Anders sieht es im Rest der Welt aus. Da gibt es noch Regionen, in denen Lkw ebenso wie leichtere Nutzfahrzeuge mächtige Motorhauben vor sich her schieben dürfen und nicht – der in Europa per Verordnung limitierten Fahrzeugabmessungen wegen – vorne platt daherkommen, damit hinten mehr Raum für die Ladung bleibt. Und außerhalb Westeuropas fahren neben Hinz-und-Kunz-Normalverdiener auch viele feine Leute im Pickup durch die Gegend.

   Exakt diese gut betuchte Gesellschaft – Großgrundbesitzer, Bauunternehmer, erfolgreiche Abenteurer mit großvolumigem Freizeitequipment – will Mercedes-Benz in die neue X-Klasse locken, aber auch Berghotel-Betreiber und Familien, bei denen das Umfeld zur Fahrzeuggröße passt, zählen zur Zielgruppe. Und davon gibt es in den anvisierten Märkten Australien und Argentinien reichlich. Bei den Gauchos und Down-Under liegt der Pickup-Anteil bei deutlich über zehn Prozent. In Deutschland dagegen landet man, wenn man auf den Kraftfahrt-Bundesamt-Seiten „Pickup“ als Suchbegriff eingibt, deutlich weniger Treffer: nämlich gar keinen. Mercedes geht konservativ von einem Anteil von 0,5 Prozent aus – die alternativen Antriebe, die ja auch nur unter ferner laufen, bringen es laut KBA immerhin auf 1,7 Prozent.

  Die Pickup-Geburtshelfer in Stuttgart sind jedoch zuversichtlich, dass ihr jüngstes Kind den Pkw-Markt ähnlich aufmischt wie einst die SUV. Schließlich praktiziert der Mann von Welt immer häufiger den fliegenden Wechsel zwischen Arbeit und Freizeitaktivität und findet es toll, wenn sein Fahrzeug bei beidem mit- und obendrein optisch ‚was hermacht. Die X-Klasse, derzeit noch im ConceptCar-Stadium, verspricht, diesen Spagat perfekt zu meistern. Vielseitig wie ein Schweizer Taschenmesser, behauptet Mercedes-Benz, werde das neue Produkt sein, emotionaler, komfortabler und natürlich sicherer als alles bisher Dagewesene. Und auch wenn der Name VW  Amarok nicht fällt, lässt sich aus diesen Ankündiigungen herauslesen: dass ihm, den Volkwagen hierzulande als Edel-Pickup vermarktet, in der X-Klasse ein hochkarätiger Konkurrent erwachsen wird. Zumal den Produkten mit Stern der Ruf, Premium-Qualität zu bieten, verkaufsfördernd vorauseilt.

   Mercedes-Benz betont deshalb auch, dass es sich bei der X-Klasse um eine Eigenentwicklung handelt. Ausschließlich auf Stuttgarter Mist ist der Pickup dennoch nicht gewachsen, ein wenig Fremd-Knowhow ist eingeflossen: Schließlich basiert der X auf dem Leiterrahmen des Nissan Navara, und dass dieser zum Renault-Konzern gehörende Kooperationspartner auch die Einstiegsmotorisierung, einen Vierzylinder-Turbodiesel, beisteuern wird, ist schließlich schlecht zu leugnen. Am meisten Mercedes-Technik wird in der X-Klasse-Version mit V6-Turbodiesel stecken: Der Sechszylinder wird ebenso wie der Allradantrieb aus dem Stuttgarter Technik-Baukasten bezogen. Darüber, wie sich ein X-Klasse-Kauf aufs Bankkonto auswirkt, kann derzeit nur spekuliert werden. „Die neue Baureihe wird im Segment preislich attraktiv positioniert sein“, raunt Mercedes und hält sich ansonsten bedeckt.

   Wesentlich mitteilungsfreudiger sind die X-Klasse-Leute, wenn es um die Ausstattung geht. Exterieur und Interieur können in gewohnter Mercedes-Benz-Manier individualisiert und veredelt werden, verheißen sie, zahlreiche bekannte und bei Kunden geschätzte Komponenten aus der C-Klasse und V-Klasse würden eingesetzt – „von den hochwertigen Materialien in perfekter Verarbeitung über das Infotainmentsystem bis hin zum ergonomischen Sitzkomfort“. Und darüber hinaus werde man ein Zubehörprogramm  für die Pritsche entwickeln, zum Beispiel Ladeflächenabdeckungen und diverse Styling-Elemente.

   Die Heckklappe der beiden jüngst präsentierten X-Klasse Concept Cars schmückt beispielsweise eine umlaufende LED-Lichtleiste in schmalen Chromrahmen. Diese Lichterkette soll die „Einzigartigkeit des kommenden Pickups“ signalisieren. Die markante Frontpartie zeigt hingegen das markentypische SUV-Gesicht – mit massivem Powerdome auf der Motorhaube und weit in die Kotflügel gezogenen Scheinwerfern. Der in weißen Metallic-Lack gehüllte „stylish explorer“ tritt mit dem Anspruch an, die Mercedes-Benz-Design-Philosophie besonders eindrucksvoll auf Asphalt zu verkörpern. Ausgestellte Kotflügel vorn und hinten setzen nicht nur optische Akzente, sondern schaffen Platz für eine breite Spur und riesige Räder.

   Noch deutlich cooler aber ist die in Lemonax-Metallic, einem grünlichen Gelb, lackierte Variante mit Radhäusern aus mattem Carbon. Dieser als „powerful adventurer“ vorgestellte Kraftprotz setzte vor allem mit extrem grobstolligen Reifen seine Robustheit, Belastbarkeit und Geländegängigkeit in Szene – ein Eindruck, der von einer elektrischen Seilwinde an der Front und einem Metallhaken am Heck noch verstärkt wurde.

   Innen gibt sich der Pkw mit Pritsche als vollwertiges Mitglied der vernetzten Welt zu erkennen. Für die Kontaktaufnahme stehen ein hochauflösendes Zentraldisplay sowie eine zentrale Bedieneinheit mit Controller und multifunktionalem Touchpad bereit. Damit lassen sich alle Telematikfunktionen  so wie bei einem Smartphone mit Gesten oder der Eingabe von Buchstaben und Zeichen bedienen. Andererseits hält Mercedes-Benz an Pickup-typischen Charakteristika und Funktionalitäten fest: Auf der Mittelkonsole des futuristisch anmutenden Instrumententrägers findet sich ein profaner Handbremshebel.

Gerlinde Fröhlich-Merz