#vielzusehen Schon wieder eine Messe! Früher waren die großen Autoschauen Fixpunkte im Kalender: Detroit im Winter, Genf im Frühjahr und im Herbst Frankfurt oder Paris, im jährlichen Wechsel. Inzwischen aber stehen auch Los Angeles und New York, Shanghai, Peking und Tokyo, Moskau, Delhi und Brüssel auf der Agenda. Für jede einzelne Messe bleibt da oft nicht mehr viel Neues übrig, und nicht selten herrscht in den Ausstellungshallen mehr Ernüchterung als Begeisterung. Außer in Genf: Der Schweizer Autosalon schafft es Jahr um Jahr, ein Premierenaufgebot anzulocken, das seines gleichen sucht – auch 2018!  // Messe

 

   Genf, Schweiz. Früher, da waren die einschlägigen Messen  so eine Art Olymp des Autobaus. Jungs, die noch nicht einmal einen Führerschein hatten, haben ihr Taschengeld zusammengekratzt, für eine Zugfahrkarte und das Eintrittsticket in die heiligen Hallen, in denen die neuesten Träume auf vier Rädern bestaunt, befühlt, beschnuppert werden konnten. Diese Jungs sind inzwischen 40, 50 Jahre alt, und die großen Autoschauen oftmals nur noch eine Randnotiz in den Tagesthemen; in der öffentlichen Wichtigkeits-Wahrnehmung irgendwo zwischen der Verleihung des Aachener Friedenspreis und den Lottozahlen.

Ist sie also vorbei, die Zeit der großen Automessen? Ganz ehrlich, wenn es so weiter geht, wie zuletzt in Frankfurt, Los Angeles oder Detroit: Ja. Die paar wenigen Neuheiten, die sich zwischen unauffälligen Facelifts und neuen Motorvarianten auf die Messestände verirrten, hätte man auch getrost abseits der Motor Shows zeigen können. Mit dem Genfer Autosalon 2018 allerdings kommt wieder Schwung in die Branche und die Autoindustrie scheint aus ihrem Winterschlaf erwacht zu sein. Eine Neuheit reiht sich am Lac Lèman neben die andere und es gibt nur wenige Stände, an denen keine Premiere zu bestaunen ist.

 

Eine ganze Ecke hat wie üblich der Volkswagen-Konzern in Anspruch genommen: Der Mutterkonzern konzentriert sich auf seine Elektro-Offensive und stellt die vierte Stromer-Studie, den I.D. Vizzion, ins Rampenlicht; vergebens sucht man in Genf den neuen Touareg, der, obwohl schon fertig, noch ein paar Tage auf seine Enthüllung warten muss. Wahrscheinlich sollte das große SUV, den grünen Schein der E-Limousine nicht trüben. PS-protzend zeigen sich sowieso nur die Sportwagentöchter: Lamborghini mit dem Huracan Performante Spyder, Bugatti mit Sport-Version des Chiron – ein 1.500-PS-Bolide ist schließlich per se nicht sportlich genug.

Auch Porsche darf sich noch ein wenig im Dreck der Vergangenheit suhlen und mit dem überarbeiteten 911 GT3 RS einen der letzten verbliebenen Saugmotoren ausstellen. Aber nur, weil direkt daneben die saubere Zukunft aufwartet, in Form des Mission E Cross Turismo, mit Super-Reichweite und Ultra-Schnelllader. Apropos sauber: Auch Bentley arbeitet an einer reinen Weste und schiebt den Bentayga als Plug-in-Hybrid nach. Das ist zwar nur Augenwischererei, gibt aber zusammen mit der adrett drapierten Ladesäule Image-fördernde Bilder.

 

Ein bisschen Politur hat auch das Image der neugegründeten Marke Cupra noch nötig. Die Seat-Tochter, die aus den einstigen Top-Modellen hervorgegangen ist, soll jetzt eigenständig auftreten und hat ein neues Logo bekommen. Dass allerdings erinnert eher an ein Tribal-Tattoo aus den späten 90ern als an eine High-End-Marke. Und auch die aufgemotzte Elektro-Studie E-Racer auf Leon-Basis, mit Anbauteilen noch und nöcher und einem Fritten-Theken-Spoiler, wie man ihn schon lange nicht mehr sah, hinterlässt eher einen Diffusen Eindruck davon, was Cupra werden soll.

Frei von solchen Selbstfindungsproblemen ist Skoda. Die Tschechen konzentrieren sich auf das, was sie am besten können: Praktische Autos bauen. Dazu zählen gleichermaßen der nur leicht aufgefrischte Fabia und die Studio Vision X, die schon recht deutlich zeigt, wie das zukünftige Fabia-SUV aussehen wird. Und das wird, wie alle Skodas, recht geräumig. Letzteres gilt übrigens auch für den neuen Audi A6, der mit mehr Platz, dem High-Tech-Cockpit aus der Oberklasse und einem deutlich frischeren Blechkleid Audis Erneuerungs-Welle am rollen hält.

 

Über Hyundai (Elektro-Kona und Santa Fe), Mitsubishi (Plug-in-Outlander) und Subaru (die mit einer schicken Kombi-Studie glänzen) kommen wir zu Opel. Oder besser gesagt, da hin, wo Opel immer war. Statt gelber Fähnchen weht dort inzwischen der Union Jack, die Rüsselsheimer haben dem Auto Salon eine Absage erteilt und Aston Martin hat sich den prominenten Platz geschnappt, um mit der Studie Vision Concept in die Zukunft der Nobel-Sub-Marke Lagonda zu schauen.

Weit weniger futuristisch geht es ein paar Schritte weiter: Toyota bleibt mit dem aufgefrischten Aygo und dem neuen Auris in der Gegenwart und stellt mit der Rennwagen-Studie GR Supra Racing Concept quasi die fertige Version des neuen Sportlers Supra – der zusammen mit dem BMW Z4 gebaut wird – vor; Lexus legt mit dem UX noch ein SUV nach, Honda bringt endlich den CR-V und Mazda hat den 6er Kombi ein wenig rausgeputzt. Die Italiener beschränken sich eher auf das verwalten der Vergangenheit, legen neue Sondermodelle (Maserati Nerissimo) und Varianten (Ferrari 488 Pista) auf; nur Jeep bringt mit dem neuen Wrangler frischen Wind auf den Messestand. Der allerdings feierte seine Premiere schon vor Wochen in den USA, und sieht dazu auch noch aus wie der alte.

 

Ganz anders als bisher zeigt sich dagegen neue Citroen Berlingo, der zusammen mit dem baugleichen Peugeot Rifter – so heißt der Partner jetzt – debütiert. Die Franzosen haben sich deutlich aus Nutzfahrzeug-Nische heraus bewegt und wollen nicht nur durch schickes Design, sondern auch mit zahlreichen Assistenzsysteme und Technik-Schmankerl vermehrt Pkw-Kunden ansprechen. Ganz klare Vorstellungen von der Kundschaft hat Peugeot auch beim neuen 508. MIt der stylischen Limousine mit 3D-Rückleuchten und rahmenlosen Scheiben will der Autobauer in der Mittelklasse wieder punkten und keinen geringeren als Audi A5 und BMW 4er Gran Coupé in die Parade fahren.

Während man viele der Genf-Neuheiten schon bald beim Händler bewundern – und kaufen kann – blickt Renault in die Zukunft. Auf der IAA zeigte der Hersteller die Studie Symboz, zu der gleich ein ganzes Haus gehört und die beispielhaft für den Individual-Verkehr – vom Büro bis mitten ins Wohnzimmer – steht, jetzt folgt das Concept Car EZ-GO, das demonstriert wie zukünftig Robotaxis aussehen können. Vorbildlich: Renault hat in die Studie eine Rampe integriert, über die auch Rollstuhlfahrer problemlos an Bord gehen können. Derartig weit nach vorne blickende Visionen findet man nur wenige; die meisten davon bei Kleinserien-Hersteller, Karosserie-Schmieden und High-Tech-Start-ups, die sich zuhauf in der Mitte der Messehallen tummeln und mit unförmigen Elektro-Reisekapsel (Nucleus) oder Flug-Autos (Pal-V) auf sich aufmerksam machen wollen.

 

Aufällig präsentieren sich auch Jaguar und Land Rover. Während letztere eine limitierte, rund 300.000 Euro teure und von hand zusammengedengelte Coupé-Version des Range Rovers vorstellen – als Hommage an den früheren Dreitürer – zeigt Jaguar mit dem i-Pace sein erstes Elektro-SUV und schafft es damit tatsächlich, als erster nach Tesla mit einem Strom-SUV auf den Markt zu kommen. Ob vielleicht die ein oder andere Woche mehr Zeit, um am Design zu feilen, gut getan hätte, steht auf einem anderen Blatt. Vor allem von hinten ist der etwas zerknitterte I-Pace zumindest gewöhnungsbedürftig.

Wenig Anpassaungsfähigkeit verlangen einem Kia Ceed, Volvo XC60 und BMW X4 ab; die Koreaner werden etwas mutiger, aber ohne große Exzentrik, die Schweden bleiben ihrer neuen Design-Linie treu und die Bayern setzen mit dem SUV-Coupé den beim X3 eingeschlagenen Weg fort. Der Hingucker am BMW-Stand ist aber ohnehin nicht der Hochbeiner, sondern das M8 Gran Coupé Concept, das sich ohne Frage den Titel Best of Show verdient hat.

 

Wie gelungen der Münchner ist, fällt erst recht im direkten Vergleich mit dem neuen Mercedes-AMG GT Viertürer auf, der nur wenige Meter neben dem M8 debütiert. Nicht nur, dass der Namenszusatz “Viertürer” ein wenig spröde wirkt; insgesamt fehlt dem aufgemotzten CLS-Ableger ein bisschen das gewisse Extra. Das hat dagegen zweifeslohne die A-Klasse, die nochmal verjüngt neben G 63 und den überarbeiteten Versionen von Maybach-S-Klasse und C-Klasse ihren ersten Messeauftritt gibt.

Fotos: Michael Gebhardt