#kannnichtvielneues Ein guter Wein sollte bleiben, wie er ist. Doch was wir beim Wein durchaus schätzen, kann bei einem Auto Gefühle von Langweile, manchmal sogar quälender Langeweile provozieren. Nun handelt es sich beim Zuffenhausener Traditionsautobauer um einen Qualitätsgaranten, der sich recht erfolgreich in beständiger Formensprache ertüchtigt. Doch auch die neueste Generation des Porsche Cayenne ist eben kein 911er und damit auch nicht vom Format eines unverrückbar strahlenden Fixsterns am Autohimmel // Erster Blick

Stuttgart.  Solange wir eben nicht solch einen Fixstern, eine ewige Diva im Pantheon der automobilen Klassiker vor uns haben, hilft bloße Schminke nicht, um aus einem gewöhnlichen Konzept ein frisches, gar ein aufregendes Auto zu machen. Letzteres hat Porsche mit dem Cayenne 2017 versucht. Es war Ferry Porsche selbst, der die konzeptuelle Tür zu den Geländewagen aufgelassen hat und seine eigenen Ingenieurs- und Designabteilungen für die Entwicklung dieser Cashcows im Luxusfahrzeugmarkt vorbereitet hat. Unternehmerisch ein zukunftsweisender Zug, bleibt der Markt der SUV eine Herausforderung für die gut gepflegte, traditionsgeweihte Markensprache des Stuttgarter Sportwagenbauers.

Da liegt der springende Punkt. Die Seele, die DNA der Designsprache von Porsche schlägt im Sportwagen. In Fahrzeugen mit breitem Fußabdruck, flachem Profil und – vor allem anderen – einem Kraftwerk im Heck! Die Heck- und Mittelmotorkonstruktion der Baureihen 911, Boxster oder Cayman schaffen erst den funktionalen Sinn für den prägenden Charakterzug eines Porsche. Wo der Motor fehlt und dem lächerlich zynischem Zitat eines Kofferraumes Platz macht, entsteht das elegante Abtauchen der Fronthaube unter das Level der Frontscheinwerferzüge. Daraus resultiert das Fehlen des Frontgrills, zugunsten eines schmalen Stoßfängers, der sich, einer angespannten Lippe gleichend, auf den Vorwärtsdrang konzertiert.

Im Cayenne pumpt das Herz ja bekanntlich vor der Windschutzscheibe. Das führt zur Notwendigkeit eines Luftflusses, ergo eines Grills und bis zur aktuellen 2017er Variante zu einer ungezügelten Proportion des breit aufgerissenen Mauls. Selbst mit den neuen, im Detail verfeinerten Lamellen im Grill bleibt dieser, über die gesamte Fahrzeugbreite gezogen, optisch so überrepräsentiert, dass Frontleuchten und Diffusor zu Randthemen degradiert werden.

Mit aller Macht haben die Designer um Michael Maurer versucht, die organisch-sinnliche Eleganz einer abtauchenden Fronthaube auf das Package des Cayenne zu pressen. Namentlich sprechen sie dabei vom Dome, so nennen sie die Prägung im Zentrum der Motorhaube, die uns die Kraft des Drei-Liter-Sechszylinders oder der noch größeren Motoren anzeigen soll und betonen gerne, wie viele Millimeter sie noch rausholen konnten, um die Motorhaube noch ein Stück näher an die Plastikverkleidung eben jenes Motors heran zu drücken.

Man merkt, das bleiben homäopathische, vielleicht verzweifelte Maßnahmen, aus einem blockartigen Auto das Gegenteil zu machen. Aller guten Versuche zum Trotz, der Cayenne kommt nicht so recht wie ein muskulöser Athlet daher. Dabei war es das erklärte Ziel der Designer, den Cayenne sportlicher daher kommen zu lassen. Dazu haben Sie das Greenhouse ein paar Millimeter flacher gedrückt und der C-Säule mehr Winkel für eine dynamischere Grafik verpasst. Hier und da finden sich in der Seitenwandgrafik schärfer gezogene Linien und Kanten, vor allem im Schweller und den Radhäusern, die sich im gegenüber dem Vorgänger im 2017er Modell mit um einem Zoll größeren Rädern füllen können. Alles in allem ist diese Liftkur maßvoll geblieben und die von einem Porsche gewohnten organischen vollen Formübergänge leiden darunter keineswegs.

Schärfer gezogene Kanten zeichnen auch die Front. Da werfe man vor allem einen Blick auf den neuen Diffusor, jetzt auch nicht mehr im Lack, sondern schwarz abgesetzt, um Leichtigkeit und die für einen SUV durchaus günstige Anmutung von Erhabenheit zu unterstützen. Allesamt bleiben diese Maßnahmen aber zu schüchtern, um wirklich aufregend zu sein.

Am Heck prangt jetzt über die volle Breite das schon vom 911 wohlbekannte durchgehende LED-Band welches sämtliche vorgeschriebenen Funktionslichter in sich integriert. Die Designer nehmen damit endgültig ein neues Objekt in ihre Designsprache auf. Das durchgehendes Lichtband ist ein effektives Mittel, das typisch rundlich ausladende Heck eines Porsche zu gliedern und zu straffen. Wie ein Gürtel, der diese sportlichen Rundungen noch betont, teilt dieses Lichtband das Heck optisch zwischen Kopf und Körper. Bei allem Optimismus, wenigstens ein frisches Heck mit dem neuen Cayenne zu bekommen, stellt sich die Frage, ob Porsche damit nun in den allgemeinen Trend einsteigen will, die Autos durch allerlei LED-Lichterketten aufzuhübschen?

Hört man auf den Exterior Designchef Peter Varga muss man diese Frage bejahen. Dramatische, strahlenden Formengebirge tun sich hinter dem Acrylglas der Frontscheinwerfer auf. Bügel und Lamellen behausen und umarmen dort fein ziselierte Linsen. LED-Technologie macht diese feine Detailwelt möglich.

Dieser Zauber geht jedoch spätestens dann verloren, wenn wir auf Porsche hören und den Cayenne gemäß seiner ganz eigenen Natur benutzen: im Stuttgarter Museum findet sich der Cayenne-Umbau für die diesjährige Rally Paris-Dakar. Ein Cayenne mit Schalensitzen, ohne Holz, Leder oder Plastik im Interior, dafür mit Käfig, Ersatzrad und schnell wechselbaren Diffusorblechen. Vor allem aber über und über mit viel getrocknetem Schlamm und Dreck daran. Ein überzeugend sportlicher Anblick.

Wenn wir den Cayenne allerdings in diesem natürlichen Umfeld von Schlamm, Staub oder Schnee benutzen sollen, wird uns diese fein ziselierte Leuchte so schnell schmutzig, dass dieses schmucke dreidimensionale Detail ein wenig wirkt wie ein funktionaler Mountainbikedress in Kombination mit einem Paar goldener Air Jordan Nr 11: schon alles irgendwie sportlich, aber ziemlich exaltiert und selbst für die uns gut bekannten Münchner Sonntagswanderer deutlich overdressed.

Fotos: Porsche