#ewigewahrheiten Man mag fragen, ob das jetzt auch noch sein muss, ein SUV aus dem Hause Rolls-Royce. Man mag fragen, ob der Cullinan überhaupt noch so etwas ist, ein SUV, welches irgendwann mal wie ein hochgebockter Kombi mit Dachträgern für die Skier daherkam. All diese Bedenken, der Hohn und die Kritik perlen vom Cullinan einfach ab. Wie sollte es auch anders sein bei einem Rolls-Royce. Da zeigt sich die ganze Wahrheit, die auch den Cullinan zu einem erfolgreichen und begehrten Mitglied in der kleinen, aber exquisiten Familienbande um die geflügelte Patriarchin auf der Motorhaube machen wird: Der Cullinan ist zuerst ein Rolls-Royce und dann, weil es sich einfach ergeben hat, auch ein SUV. // Im Rampenlicht

   München Kaum einer anderen Marke ist es vergönnt, so sehr in ihrem eigenen Universum zu leben und zu wirken, wie der Manufaktur aus Goodwood, Südengland. Kaum einer Marke gelingt es so gut, aus ihrer Beständigkeit und Tradition eine Erhabenheit über alle Infragestellungen moderner Fahrzeugkonzepte zu erwirken. Und so fällt man sich selbst dabei auf, mal wieder über den Mythos Rolls-Royce und nicht mehr nur über das aktuellste Produkt, den Cullinan, zu schreiben. Er ist ein weiterer Mosaikstein in diesem mystischen, verklärenden Bild im Zeichen der geflügelten Göttin, als Botschafterin einer anderen, vom ewigen Trend völlig losgelösten Welt

Rolls-Royce, das bedeutet fahrende Architektur. Das liegt nicht allein an den aufrecht steigenden Linien, den Fender Towers die sich in den Fahrtwind schieben, oder dem tempelgleichen, aus Edelstahl gegossenen Grill und den, am Cullinan angebrachten gigantischen 24-Zoll Rädern. Das liegt vor allem daran, dass die Rolls-Royce Designer über Jahrzehnte einen Stil aus diesen Elementen extrahiert haben, der sämtliche Trends und Moden aus der Außenwelt des Autodesigns einfach ignorieren kann.

Bis heute. Am Cullinan dürfen wir dann doch erste Zugeständnisse an die Tipps und Kniffe der Kollegen erkennen, einen massigen und für sich genommen etwas plumpen Auftritt eines SUV aufzulockern. Doch dazu später mehr. Zuvor werfen wir noch einen Blick auf seine Besonderheiten, vor allem die besonders kräftig aufgesattelte Motorhaube, den Dome, der sich wie natürlich in den sich auftürmenden, von der Emily geschmückten Grill aufgeht.

Da ist das abgestufte Heck, eine Reminiszenz an die fondseitig angebrachten Kofferträger der Fahrzeuge der Zwanziger Jahre. Eine Erinnerung, so wie sie gar nicht zu einem SUV, aber umso mehr zu Rolls Royce gehört. Mit diesem Heck will man sich an die goldenen Jahre mit dem Phantom erinnern und doch kommt man wie selbstverständlich in der Moderne an. Im Zentrum des Cockpits: ein Touchscreen Display. Dazu digitale Rundinstrumente und W-LAN Service an Bord, nur wenige, aber herausragende Features im Portfolio des Cullinan.

Diese digitale Evolution funktioniert im Innenraum eines Rolls-Royce, weil alles, bis zu den kleinsten Details, mit einer für ein Automobil überragender Materialqualität realisiert wird. Vom Duft des den Innenraum fast gänzlich beziehenden Leders erschlagen, taucht der Fuß nach dem Eintritt in einen ganze Zentimeter tiefen Teppich. Armaturen, Hebel, Knöpfe und Rahmen, alles, für einen Rolls Royce selbstverständlich, ausgeführt in hochwertigen, gebürstetem Edelstahl.

Diese Features sprechen von einer Geisteshaltung. Der eine mag sie in ihrer Anmutung altmodisch nennen, doch in diesem Nachhängen der Formen und der Ästhetik der Zwanziger und Dreißiger Jahre steckt eine Sehnsucht, geradezu ein Versprechen, das mit Rolls Royce und nicht zuletzt auch mit dem Cullinan ganz neu den exklusiven Kunden vermittelt wird. Es ist das Versprechen des klassischen und gleichzeitig mühelosen Fahrens. Ein Versprechen, das Fahren als bewusstes Reisen zu erleben. Die Exklusivität eines Rolls Royce zeigt sich in der Vollkommenheit, mit der man das Versprechen eines exquisiten Fahrerelebnisses in die Tat umsetzen will.

 

Bei all diesem Pathos bemüht sich Rolls-Royce mit dem Cullinan sichtlich um Selbstironie und einer guten Prise englischen Humors. Die Anhängerkupplung darf sich mit Veuve aus dem Heck des Cullinan herausdrehen, wie Sean Connery es in seinen besten James Bond Zeiten wohl nicht besser erwarten durfte. Dass die Mittelkonsole im Fond mit den adäquaten Storages für Whiskey und Champagner bereit steht, das dürfen wir erwarten. Eine optionale Sitzgarnitur, die sich aus dem Kofferraumfutter herausfaltet und dem geneigten Fahrer samt Begleitung zu einen komfortablen Panoramablick auf atemberaubende Küstenlandschaften einlädt, das ist, gelinde gesagt, witzig.

So fassungslos steht der normale Mensch vor diesem Auto und seinem Angebot fast grenzenlosen Individualisierbarkeit. Der Cullinan ist ein typischer Rolls-Royce; ist ein weiteres Stück fahrender Architektur und so wie wir Bauwerke über Generationen, über Trends hinweg feiern, in Städte pilgern, sie zu besichtigen, so sehr sich in ihnen ein vollendeter Stil zeigt, so zeigt er sich auch der Cullinan erneut in der Beschwörung der Kunst, das Fahren in höchster Vollkommenheit zu verwirklichen.

 

Da wollen wir, bei allen Eindrücken nicht ein paar kleine Wermutstropfen vergessen: Auch der Cullinan muss Zugeständnisse im Design seines Blechkleides machen. Eine kräftige Sicke muss die Seitenwand des Cullinan tief einschneiden, um ihm als SUV den notwendigen Eindruck von aufgebockter Leichtigkeit zu verleihen. Dazu kommt die tiefe Schachtleiste mit großen Glasflächen was sicherlich dem Ambiente des Innenraums gut tut, aber der Fotogenität des Cullinans nicht unbeschadet abgeht.

Das Fotoportrait ist ist sein Schwachpunkt. Wenn er dort seine massive Größe nicht zeigen kann, dann wirken seine Proportionen ein bisschen zu arg verspielt und kindlich. Das mag man jetzt als Schwachpunkt großmütig dastehen lassen, hebt es den Cullinan doch ein Stück zurück von der Sphäre extraterrestrischer Perfektion wieder hinein in die von Kompromissen geprägte Welt der Normalbürger. Andrerseits ist der Cullinan ein Fahrzeug, dass sein volles Potential erst entfaltet, wenn man es mit allen Sinnen erfasst. In diesem Sinne wir er, einem Rolls-Royce standesgemäß, dieser Kritik mit viel Understatement und souveräner Gelassenheit begegnen können.

 

Fotos: Hendrik Terwort, Rolls-Royce