#kannmannfahren Als Zweitwagen für die Liebelei waren Porsche Boxster und Cayman lange Zeit gut genug. Aber selber fahren? Nein danke! Inzwischen aber heißen die beiden 718 und sind eine ernstzunehmende Alternative zum 911er – auch für echte Kerle, wie unser Erstkontakt zeigt.

   Malmö/Schweden. Was war das für ein Geschrei, als Porsche 1996 den Boxster auf den Markt brachte: Hausfrauen-Porsche und Einsteigermodell hieß man den flotten Mittelmotor-Sportler aus Zuffenhausen. Und ganz ehrlich: Nicht selten sah man vor allem den Roadster als Zweitwagen mit wahlweise der schlichten Gattin oder der flotten Geliebten am Steuer durch München, Monaco und Santa Monica cruisen. Männer konnte Porsche erst neun Jahre später für die Baureihe begeistern, als mit dem Cayman eine Coupé-Version nachgelegt. Der „kleine Elfer“, wie er bald genannt wurde, war schon eher was für echte Kerle, und spätestens mit der zweiten Generation wurden Cayman und sogar Boxster salonfähig. Jetzt durfte auch Mann damit am helllichten Tag damit zur Arbeit oder zum Golfplatz fahren.

   Eine Alternative zum Elfer bleibt der Cayman auch nach dem Facelift, wenngleich Porsche den Respektabstand wieder etwas vergrößert hat: Bei wem die Kreditlinie für den Carrera nicht ausreicht, der muss sich zukünftig mit einem Vierzylinder im Rücken begnügen. Richtig gehört! Die Zeiten des lustvoll frotzelnd und stöhnenden Sechszylinder-Boxers sind vorbei, stattdessen kreischt und knurrt es hinter den Sitzen. Und es kommt noch schlimmer: Zum Vierzylinder-Klang mischt sich zukünftig auch noch das süße Säuseln des Turboladers, denn auch das freie Atmen hat man Boxster und Cayman verboten.

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   Stattdessen drückt nun also ein Schaufelrad Luft in die Brennkammern, was streng genommen natürlich nur Vorteile bringt. Der Verbrauch soll sinken, und auch der Kavalierstart vorm Club ist jetzt auch für Porsche-Anfänger problemlos auf dem Asphalt zu bringen. Schließlich fallen 380 Newtonmeter Drehmoment jetzt schon bei nur 1.900 Umdrehungen über die Hinterräder her, und bei den S-Modellen sind es dank eines Laders mit variabler Turbinengeometrie sogar nochmal 40 Newtonmeter mehr. Wo es bisher nötig war, die Gänge auszudrehen um mit Karacho los zu sprinten, reicht jetzt ein kleines Zucken mit dem rechten Zeh, schon steht die Kraft Gewähr bei Fuß. Auf die Straße gebracht wird sie von 18-Zöllern, auf Wunsch zieht Porsche den kleinen Sportlern aber auch 20er-Schlappen auf.

   Obwohl sie zwei Brennkammern weniger haben als bisher, steigt bei beiden Modellen die Leistung um jeweils 25 PS: Boxster und Cayman können jetzt auf 300 Pferdchen zurückgreifen, die jeweiligen S-Versionen auf 350. Das macht in Zahlen zehn Zähler bei der Vmax (285 statt 275 km/h) aus, und fünf Zehntel beim Standardsprint (4,2 statt 4,7 Sekunden), die die potenzgesteigerten Versionen schneller sind. So flott auf 100 geht es allerdings nur mit dem Siebengang-Doppelukupplungsgetriebe (PDK) und dem optionalen Sport-Chrono-Paket inklusive Launch Control. Wer lieber den griffigen Schalthebel in die Hand nimmt und die sechs Gänge selbst durchschaltet, kriegt auch das S-Modell nicht unter 4,6 Sekunden auf Landstraßentempo. Unser Tipp: Auch wenn die Gänge flüssig flutschen ist das superpräzise und schnelle PDK doch die bessere Wahl, vor allem wenn man auch mal entspannt Cruisen will und die rechte Hand vielleicht für etwas anderes braucht.

   Apropos entspannt: Das komplett neue Fahrwerk zeigt sich in Boxster und Cayman so vielseitig eine Trümmertranse. Einerseits schluckt der Unterbau Unebenheiten deutlich souveräner als bisher, andererseits zeigt er sich beim flotten Ritt noch präziser und verbindlicher. Wer will, kann das PASM-Fahrwerk mit adaptiven Dämpfer und zehn Millimetern Tieferlegung (für die S-Modelle sogar bis zu 20 Millimeter) ordern und dann per Tastendruck wählen, ob er es lieber so weich wie die Pfirsichhaut von Justin Bieber hat oder knallhart wie Ronaldos Waschbrettbauch. Dazu gibt’s eine unheimlich direkte Lenkung mit der sich spielend die präzisesten Pirouetten auf die Straße zaubern lassen.

   Also, Motoren neu, Fahrwerk neu – und was ist mit der Optik? Schließlich heißt die Auffrischung ja Facelift, doch außer ein wenig die Fältchen wegspritzen und mit etwas Lidschatten die ersten Alterszeichen zu überdecken, haben die Designer nicht viel gemacht. Am auffälligsten sind die kosmetischen Arbeiten am Hintern, wo ein neuer, schwarzer Streifen zwischen den Rücklichtern die neueste Ausgabe als diese zu erkennen gibt. Ansonsten bleibt alles beim Alten: Wer nicht gerade Philipp-Lahm-Maße hat tut sich beim Einsteigen in den flachen Zweisitzer schwer, und beim Aussteigen noch schwerer. Auch die engen Sportsitze freuen sich mehr über Passagiere mit niedrigem BMI und außerdem sollte man seinen Beifahrer mögen, dem kommt man nämlich unweigerlich sehr nahe – was mitunter aber ja ganz vorteilhaft sein kann.

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   Fährt man ohne Sozius, kann man den rechten Sitz als Ablage nutzen, sonst tut man sich nämlich schwer, Mobiltelefon, Schlüsselbund, Ladekabel, Headset, Portemonnaie und was sich sonst noch so in den engen Hosentaschen versteckt unterzubringen. Für größeres Gepäck bleiben wie gehabt die beiden Kofferräume: Vorne, wo bei anderen Autos der Motor sitzt, gehen 250 Liter rein – zwei Bordtrolleys bringt man hier gut unter. Die Ablage hinter den Sitzen variiert: Beim Cayman ist sie mit 275 Litern ordentlich, Boxsterfahrer müssen einen Teil des Stauraums dem Stoffverdeck übrig lassen und können nur 153 Liter mitnehmen. Dafür aber sitzen sie nach nur neun Sekunden Knöpfchen drücken im Freien und können sich den Fahrtwind um die Nase blasen lassen. Und wenn es plötzlich regnet, keine Angst um die Frisur: Bei bis zu 50 km/h lässt sich das Dach noch schließen.

   Noch besser aber man verzichtet gleich auf die fragile Hochsteckfrisur und greift selbst zum Langhaarschneider, denn für den Friseur dürfte in nächster Zeit nicht mehr viel Budget übrig bleiben. 51.623 Euro ruft Porsche für den Basis-Cayman auf, der Boxster kostet 53.646 Euro – und für die S-Modelle müssen jeweils rund 13.0000 Euro mehr auf den Tisch gelegt werden. Doch bei diesen Preisen wird es selten bleiben. Ist der Kaufrausch erst einmal ausgebrochen, finden sich in der Roman-dicken Preisliste unzählige Möglichkeiten, den Preis in die Höhe und das Konto ins Minus zu treiben: LED-Scheinwerfer, Burmester-Soundanlage, Sitzheizung, Rückfahrkamera, Abstandstempomat, Keramikbremsen, exklusive Farben und feines Leder oder WLan-Zugang sind nur ein paar der Verlockungen. Nur auf das fest installierte Navigationssystem kann man getrost verzichten: Porsche bietet zumindest Apple-Jüngern die Möglichkeit, ihr iPhone an das serienmäßige Infotainment-System mit sieben Zoll großem Touchscreen anzubinden und so ganz elegant die Karten-App, das eigene Unterhaltungsprogramm und mehr zu nutzen.

Technische Daten

  • Maße (L/B/H): 4,38/1,80/ 1,30 Meter
  • Radstand: 2,48 Meter
  • Kofferraum: vorne 150 Liter, hinten 153 Liter (Boxster)/275 Liter (Cayman)
  • Leergewicht: 1335 kg

718 Boxster/Cayman (PDK), 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbo-Boxer

  • Leistung: 220 kW/300 PS
  • Drehmoment: 380 Nm bei 1.950-4.500 U/min
  • Getriebe: manuelles Sechsgang-Getriebe (Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe)
  • 0-100 km/h: 5,1 s (4,9 s/4,7 s mit Sport-Chrono-Paket)
  • Vmax: 275 km/h
  • Verbrauch: 7,4 (6,9) Liter
  • CO2-Ausstoß: 168 (158) g/km
  • Effizienzklasse: E (D)
  • Preis: ab 51.623 Euro

718 Cayman S (PDK), 2,5-Liter-Vierzylinder-Turbo-Boxer

  • Leistung: 257 kW/350 PS
  • Drehmoment: 420 Nm bei 1.900-4.500 U/min
  • Getriebe: manuelles Sechsgang-Getriebe (Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe)
  • 0-100 km/h: 4,6 s (4,4 s/4,2 s mit Sport-Chrono-Paket)
  • Vmax: 285 km/h
  • Verbrauch: 8,1 (7,3) Liter
  • CO2-Ausstoß: 184 (167) g/km
  • Effizienzklasse: F (E)
  • Preis: ab 64.118 Euro