#kannwaswerden Die Autoindustrie hat uns zuletzt nicht nur mit guten Nachrichten verwöhnt: Der Altlasten der Vergangenheit machen nicht nur Volkswagen immer noch zu schaffen. Umso mehr ein Grund für uns, einen Blick auf die Zukunft zu werfen – auf Visionen von purer Geschwindigkeit für Mercedes-Benz. Dabei kommen diesmal aber nicht die Profis zum Zug, die seit Jahren im Business sind, sondern junge Nachwuchstalente von der Hochschule München. Die durften sich im Projekt „Salzfieber“ an Konzepten für Rekordfahrzeuge für die kommenden Jahrzehnte austoben. Ein faszinierend enthusiastischer Blick auf die Zukunft des Autos // Studie

München. Dass die Ausstellung der studentischen Visionen spannend wird, war uns schon bei der Einladung klar. Schließlich hat Mercedes’ oberster Kreativ-Chef Gorden Wagener höchstselbst, zusammen mit einem Team aus seiner Designabteilung dem betreuenden Uni-Professor Wickenheiser, die Nachwuchs-Talente auf ihre Aufgabe vorbereitet und sie im Entwicklungsprozess bis zum fertigen Modell begleitet. Die Aufgabe für die Designstudenten war nicht mehr und nicht weniger als ein Fahrzeug für einen Hochgeschwindigkeitsrekord in der Salzwüste zu entwerfen.

Ein Dynamikversuch, der in sportlicher Tradition der großen Autobauer steht, und so konnten sich die jungen Designer von einem ganzen Pool historischer Vorbilder inspirieren lassen, allen voran Champions wie der Mercedes T80 oder der W125 – der legendäre Silberpfeil. Kein Wunder, dass sich Anleihen und Zitate dieser reinrassigen Sportwagen bei den studentischen Konzepten wieder finden. Allerdings fühlen wir uns bei den Fingerübungen der sieben beteiligten Nachwuchsdesigner in eine Zukunft versetzt, die noch einige Jahrzehnte von uns entfernt liegen mag.

Einig sind sich alle, dass die Zukunft auf jeden Fall elektrisch ist. Keineswegs aber mit schnöden E-Motoren und klotzigen Batterien, die den Rekordwagen nur unnötigen Ballast zumuten würden. Vielmehr träumen die Studenten von gigantischen magnet-fluiden Schwungrädern oder kabelloser Übertragung durch konzentrierte Energiestrahlen. Klingt nach magischer Kraftübertragung – und wie die so recht funktionieren soll, ist auch den Studenten auch noch nicht ganz klar. Doch es lohnt sich, hinsichtlich dieser noch nicht ganz ausgereiften physikalischen Triebkonzepte Nachsicht zu üben. Denn die studentischen Designarbeiten sollen vor ihrer technischen Plausibilität vor allem eines zeigen: einen freien und ungezwungen Blick, in welche Richtungen die Gestalt eines Fahrzeugs gehen kann. So betrachtet haben auch die Erfindungen der wildesten Antriebskonzepte einen Sinn, indem sie, ganz getreu dem Mercedes-Slogan „Das Beste oder Nichts“, die formalen Vorgaben und Beschränkungen, ein Lastenheft, für spannende ästhetische Lösungen bereitstellen.

Eines haben alle Konzepte gemeinsam: Flach, lang, silbern schieben sie sich mit messerscharfen Kanten gegen den Strom auf Rekordgeschwindigkeit. Der Silberpfeil schwebt als historische Marke über allen Konzepten. Aber entdecken wir in den teils scharf und straff gefalteten Karosserieentwürfen auch den unverwechselbaren Mercedes von morgen?

Dominic Baumann tritt mit dem Magnetic Capsule Concept auf. Sein Design ist dem minimalen Luftwiderstand verschrieben und orientiert sich damit am historischen Vorbild des T80. Doch Baumanns Konzept bleibt nicht bloß bei einer windschlüpfigen Hülle, er zeigt uns eine Fahrerkapsel, die durch Magnetwirkung frei schwebt. Dadurch kann sich der Pilot in der Kapsel jederzeit in eine aerodynamisch günstige Position bringen; die Motorradfahrer unter uns kennen das Prinzip. Auch die Gestaltung des Fahrzeugs erinnert ein wenig an das Prinzip von Rennsport-Bikes. Wir sehen die silberne Karosserie wie Verkleidungsteile, gleich einer straffen Haut sich über die dem Wind ausgesetzten Flächen des Fahrzeugs spannend, während uns darunter ein Blick auf die elektrische Unterwäsche des Fahrzeugs gegönnt wird. Bei diesem Kontrast spielt Baumann mit dynamischen Trapezformen, einer der fundamentalen Klaviaturen für dynamische Formen.

Mit zwei Konzepten, genannt Iconic Flow, arbeitet Sebastian Bekmann am klassischen Topos der Prestige-Silhouette: einer langen Motorhaube, negativen Frontüberhängen und einer im Heckbereich platzierten Kabine. Doch zeigt Bekmann dabei, wie dieses klassische ästhetische Thema in die Zukunft passt: mit straffen Flächen und scharfen Übergängen verbindet sein Konzept die Ästhetik von Star-Wars mit den klassischen Traditionen der Automobilgestaltung. Spannend an seinem Konzept ist die ausgeprägte, dreidimensionale Skulptur, die mit diesem Ansatz entsteht. Riesengroße Lufttrichter, Düsen- und Turbinengehäuse schaffen eine spannende Komposition von dramatisch gezeichneten Volumina. Dabei ist das Dreieck die prägende grafische Leitform.

Mit Record Beam präsentiert Michael Jaruschek ein Fahrzeug, das tatsächlich mit einem hochenergetischen Laserstrahl nach vorne getrieben werden soll. Größter Nutzen aus dieser, schlicht gesagt, revolutionären Antriebsvision ist der Verlust von Ballast, nämlich der massigen Batterie. Dadurch kann sein Fahrzeug so schlank in der Taille und flach im Profil werden, dass es nur noch entfernt einem irgendwie bekannten Fahrzeug ähnelt. Allein die mächtig aufragenden, voll verkapselten Radhäuser erinnern noch an eine wage Erdgebundenheit dieses Fahrzeugs: Jaruschek inszeniert sie mit scharfen Kanten und spricht von Klingen, die durch den Wind schneiden, und dabei dem Fahrzeug gleichzeitig Stabilität verleihen – ähnlich wie die Leitwerke eines Flugzeugs.

Ein Fahrzeug wie ein rasender Tropfen Ferrofluid, so kann man Ignacio Mallku Peñas T-800 Concept mit einem Bild beschreiben. Er integriert die gesamte Technik des Fahrzeugs unter eine schlüssige Außenhaut, die sich in einem Zug um das gesamte Fahrzeug legt und nur am Heck der Luft eine breite Öffnung zur Verfügung stellt, um den Vorwärtsschub der magnetischen Turbinen auch wirksam zu machen. In kupfernen Lamellen gegliedert, erhalten diese Öffnungen eine dramatische Inszenierung in dem sonst glänzend schwarz scheinenden Körper. Sein Konzept ist ein Lehrstück integraler Komposition von Volumen und steht damit im spannenden ästhetischen Kontrast zu allen anderen Konzepten.

Jonas Rall macht sich für den Speed Arrow ein symbolhaftes Bild zu Nutze: der Pfeil ist nicht nur ein Sinnbild für tatsächlich pfeilschnelle Geschwindigkeit, er bietet auch ganz wortwörtlich die Grundlage für eine dynamische Form. Rall durchbricht diese Form mit kräftigen hell-dunkel Kontrasten, schneidet lang gezogene Schneisen in die silberne Außenhaut um das Innenleben durchblicken zu lassen. Ein gestalterisches Mittel, um zu einer spannungsgeladenen Komposition zu kommen und damit die Metapher des Pfeils auch im Detail zu vollenden.

Konstantin Weyers Ferrofluid Concept kommt eindeutig mit der ausdrucksstärksten Silhouette daher: Ein gigantisches, ferromagnetisches Schwungrad im Heck prägt das ganze Fahrzeug und führt unweigerlich in die eine retro-futuristische Anmutung von Einradfahrrädern oder Kutschen mit riesengroßen Speichenrädern. Spannend ist der Kontrast, der mit dieser Anmutung aufgebaut wird. Denn aus dem Kreis des Schwungrades entsteht die Binnengliederung der einem Bootsrumpf ähnlichen, geschlossenen Karosserie: Weyers zieht aus dem Kreis kalligraphische Schnittmuster in die Außenhaut, deren dynamische Qualität der Linienführung wir eindrucksvoll seit dem Jugendstil bewiesen bekommen .

Dass ein technisches Konzept stets die Form eines Fahrzeugs prägt, damit setzt sich Benjamin Wiedling mit seinem Entropie Impuls Concept auseinander. In seinem Konzept sorgt eine extrem aufgeheizte Front und im Gegensatz ein extrem abgekühltes Heck für eine Plasmablase um das Fahrzeug. Diese Blase soll wie ein Schutzschild gegen Reibungswiderstand und Wirbelströme wirken. Entsprechend entsteht die Form des Fahrzeugs in zwei voneinander abgesetzten Volumen. Wie eine Spange integrieren sich der silberne Heckteil und die mattschwarze Front. Vorne und hinten finden dabei schließlich wieder ein gemeinsames Thema durch die Flügelebene. Das hilft, zusammen mit der spangenartigen Verschränkung beider Bauteile, ein in sich geschlossenes Fahrzeug wahrzunehmen und trotzdem zwei optisch klar trennbare Pole identifizieren zu können.

Fotos: Hochschule München, Mercedes-Benz