#kannsdeutlichbesser Bei seinem ersten Ausflug in die Mittelklasse hat sich Jaguar wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Der X-Type, eine kostengünstig mit Bauteilen aus dem Ford-Regal zusammengeschusterte 4,70-Meter-Limousine, brachte den Briten kaum Erfolg, dafür aber reichlich Spott – und das zu Recht! Aber Jaguar hat daraus gelernt, und mit dem XE im Schauraum dürfte den Mitbewerbern das Lachen vergehen // Ausfahrt

   München. 2009 verabschiedete sich der X-Type in die Geschichtsbücher und Jaguar begann erst einmal damit, die übrigen Kollateralschäden der Ford-Ära auszubessern. Zwischenzeitlich hatte Ratan Tata die Zügel in die Hand genommen, und anders als die Amerikaner lässt der Inder dem Jaguar-Management weitgehend freie Hand bei ihren Entscheidung. Mit Erfolg, wie sich heute rückblickend sagen lässt. Die Engländer haben erstmal ihr Flaggschiff XJ rundum erneuert und eine neue Design-Ära eingeleitet, schließlich mit dem XF eine neue Business-Limousine eingeführt und das Sportwagensegment mit dem F-Type zurückerobert. Ganz neu im Programm ist der F-Pace, mit dem Jaguar erstmals SUV-Luft schnuppert und mit dem I-Pace steht sogar ein Elektro-Hochbeiner in den Startlöchern.

Da wäre es doch gelacht, wenn die Briten nicht auch in der Mittelklasse punkten könnten. Und so wagte sich der Hersteller im Sommer 2015 wieder ins Rennen gegen Mercedes C-Klasse, 3er BMW und Audi A4. Mit deutlich größeren Erfolgschancen, denn anders als der missglückte X-Type ist der ab rund 37.000 Euro erhältliche XE ein echter Jaguar, und wie seine Brüder schafft er es, elegant und doch sportlich zugleich zu wirken – ein bisschen wie Manuel Neuer mit schwarzem Anzug und Adidas-Sneakern.

   Neuer selbst könnte sich im XE durchaus wohlfühlen, zumindest in der ersten Reihe, die genügend Platz für lange Kerle bietet. Tief sinkt man in die straffen Sessel ein, wie ein Kompressions-Shirt scheint sich das Hochglanz-Cockpit mit viel Aluminum, Holz und Leder um den Fahrer zu legen – ohne ihn dabei einzuengen – und die umlaufende, Schiffsbug-ähnliche Zierleiste lässt ein wenig Traumschiff-Feeling aufkommen. Der Blick von der Straße auf die Instrumente holt einen allerdings in die Realität zurück: Während das Infotainmentsystem in der Mittelkonsole vom feinsten ist, wirken die die Uhren und Anzeigen hinterm Lenkrad antiquiert und von gestern. Doch Abhilfe naht bereits: Mit dem jüngst vorgestellten Land Rover Velar führt der Konzern ein neues, digitales Kombiinstrument ein, von dem hoffentlich bald auch der XE profitiert.

   Doch zurück zu Manuel Neuer: Der Hüne passt also tadellos in den XE, und auch die Sporttasche lässt sich locker im Kofferraum verstauen. Nur die Rückbank sollte der Keeper höchstens noch Mario Götze anbieten, wobei selbst der kaum Raum für seine wertvollen Fußballerfüße finden würde. Hier zeigt sich der Jag kein bisschen großzügiger als seine deutschen Premium-Mitbewerber und den Ingenieuren will man ein ums andere Mal zurufen: Schaut mal nach Tschechien, der Skoda kann’s doch auch!

   Während der XE also mit Platz im Fond geizt, wuchert er andererseits mit Imagepunkten: Klar, Neuer und Co. könnten auch mit einem alten Ford Fiesta fahren und wären ein Hingucker. Doch mit dem Briten sorgt auch Otto-Normal-Autofahrer für neidvolle Blicke und verdrehte Hälse. Das liegt zum einen am bereits erwähnten, schnieken Outfit, dass sich deutlich von der grauen Premium-Masse abhebt. Zum anderen schlicht daran, dass es nunmal nichts so viele XE gibt. Ein paar Zahlen gefällig? C-Klassen wurden im vergangenen Jahr fast 67.000 verkauft, vom XE waren es nur 2700 Einheiten.

   Damit der Kicker rechtzeitig zum Anpfiff im Tor steht, macht ein 340 PS (und bald sogar 380 PS) starker V6-Benziner ordentlich Druck. Am Anfang schiebt der Kompressor den XE S kräftig von unten raus an, danach punktet er mit Drehfreude und zieht munter von dannen. Die leichte Alu-Karosse sorgt für Agilität, die harmonische Feder-Dämpfer-Abstimmung für Komfort. Nur die elektrische Servolenkung dürfte den Fahrer für unseren Geschmack etwas näher an die Straße bringen. Allerdings räumt der XE die Kritik schon am Kurvenscheitel mit seinem heißer-kernigen Klang beim Rausbeschleunigen schnell wieder aus dem Weg.

   Wirklich oft wird man die scharfe Mieze aber wohl leider nicht fauchen hören, das Gros der Kunden greift hierzulande statt zur 55.000-Euro-Topversion doch lieber zu einem der beiden Zwei-Liter-Diesel mit 163, 180 PS und bald auch 240 PS. Die reichen freilich vollkommen aus, bilden mit der Achtgang-Automatik eine patentes Duo für jeden Tag und zumindest die Stärkeren haben sogar Reserven, um den Hecktriebler auch mal mit dem Hintern wackeln zu lassen. Doch im Vergleich mit dem souveränen Sechsender, der unter anderem auch den F-Type befeuert, sind sie halt doch irgendwie Brot-und-Butter-Autos – wenn auch ziemlich hinreißende.


Galerie

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Fotos: Jaguar