#kannmanbeladen Was verbinden wir mit Schweden? Richtig: Kötbullar, Elche und große Kombis. Letzterer heißt jetzt Volvo V90 und setzt eine lange Ahnenreihe fort. Und kann sogar selber fahren, wie er uns beim Erstkontakt eindrucksvoll demonstriert hat.  

   Frankfurt. Es ist immer das gleiche: Jedes Mal wenn Volvo ein neues Auto auf den Markt wirft, stehen unzählige Motorjournalisten vor der schwierigen Aufgabe, das Design in warme Worte zu fassen. Und enden dann doch immer bei den gleichen Vokabeln: Klare Linien und kühle Optik, nordisch nüchtern und skandinavisch schlicht ist dann auf den Autoseiten der Tageszeitungen und in den einschlägigen Magazinen zu lesen. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie doch mal, was Sie so über den brandneuen Volvo V90 in der Journaille finden. Wir aber wollen die einfallslose Wortspielerei anderen überlassen. Und überhaupt braucht man über das Äußere des großen Kombis gar nicht viele Worte verlieren. Er ist schön. Punkt.

   Würden wir das böse k-Wort verwenden, schrieben wir vielleicht, dass er mit seinen klaren Linien bulliger und selbstbewusster Auftritt, als das E-Klasse T-Modell von Mercedes. Wagten wir uns, ihn als schlicht zu bezeichnen, würden wir vielleicht den Vergleich mit dem A6 Avant ziehen, und sagen, dass er dadurch nicht so technokratisch wirkt wie der Audi; wenngleich die Rücklichter deutlich verspielter sind als bisher. Tun wir aber nicht, wir beschränken uns einfach auf schön. Wer den V90 sieht, der weiß schon, was wir damit meinen. Und vielleicht hilft das ja auch, dem Wörtchen wieder etwas mehr Bedeutung zuzumessen. Ähnlich wie der Begriff gut, hat schön in der letzten Zeit einiges von seiner Aussagekraft eingebüßt. Heute reicht es nicht mehr, wenn etwas gut ist, oder schön. Heute muss es immer herausragend, außerordentlich, oder bestechend sein – und in der Autoindustrie, ganz wichtig, immer coupéhaft.

   Säßen in Göteborg die Marketingstrategen aus München, Stuttgart oder Ingolstadt, die herausragende Linienführung des V90 wäre auf jeden Fall coupéhaft. Ist sie aber nicht. Die Heckscheibe ist einfach nicht mehr ganz so geometrisch-senkrecht wie bei den weit zurück reichenden Vorgängern V70, 945 oder 245. Ja, das sieht etwas schnittiger aus, aber coupéhaft ist der fast fünf Meter lange Kombi deswegen noch lange nicht. Und das ist gut so. Denn mit einem Coupé verbinden wir in erster Linie etwas ziemlich unpraktisches, wo weder Passagiere in der zweiten Reihe gut sitzen können, noch im Kofferraum ordentlich Platz für Gepäck ist. Beides ist beim V90 zum Glück nicht der Fall.

  Immer noch lassen sich im Heck unzählige Hutschachteln verstauen, und dass die Scheibe nun etwas schräger steht als bisher, wird nur äußerst selten auffallen. Zum Beispiel, wenn man Waschmaschinen transportiert. Oder Kühlschränke. Macht der gemeine Volvo-Kunde aber eher selten; jeder andere Autofahrer übrigens auch nicht öfter. Statt sich also um Eventualitäten zu kümmern, die nur ein paar Mal im Autoleben vorkommen, haben die Ingenieure ihr Talent lieber darauf verwendet, sich clevere Lösungen zu überlegen. Zum Beispiel das Heckrollo. Das fährt beim Öffnen der Klappe automatisch hoch – das ist noch nicht ungewöhnlich. Drückt man aber auf das Schließ-Knöpfchen, geht nicht nur der Kofferaumdeckel wieder zu, sondern auch die Laderaumabdeckung fährt wieder in ihre Parkposition.

   Das ist kein Hexenwerk, aber längst nicht selbstverständlich. Jeder, der schonmal beim Blick in den Rückspiegel gemerkt hat, dass das Rollo die Sicht nach hinten verstellt und dann extra nochmal aussteigen musste, weiß wovon ich rede… Dass sich die Schweden um solche Details kümmern, zeigt aber auch, wo sie mit der neuen 90er Serie, die der Kombi nach SUV und Limousine komplettiert, hin wollen: Ins automobile Oberhaus. Mit den frischen Modellen konnte Volvo bereits einige Neukunden gewinnen, und die kommen weniger von Hyundai, Suzuki und Co. als von der der deutschen Premium-Mannschaft. Schließlich spielt Volvo auch preislich in deren Liga.

   In einer Disziplin haben die Schweden das Mercedes-Audi-BMW-Trio sogar schon überholt. Beim Downsizing. Davon reden zwar die anderen auch beständig, und schieben am unteren Ende der Modellpalette eifrig Dreizylinder nach. Wer will, kriegt aber die teureren Baureihen nachwievor mit sechs, acht oder sogar zwölf Zylindern. Nicht so bei Volvo. Vier Zylinder sind das höchste der Gefühle, mehr ist weder gegen Geld noch gute Worte zu haben. Das ist konsequent und verdient Respekt.

   Wenn man dann allerdings mit Turbolader und Kompressor ein Zwei-Liter-Motörchen ausquetscht wie eine Zitrone und 320 PS herauspresst, wird der so hehre Umwelt-Gedanke ad absurdum geführt. Auf der Straße braucht das laut Datenblatt ach so sparsame Vierzylinder-Modell dann auch nicht weniger als ein Sechsender, kann aber mit dessen Souveränität und Laufruhe nicht mithalten. Keine Frage, der V90 T6 macht Spaß, kommt flott vom Fleck und lässt auf der Autobahn die meisten links liegen. Entspannt aber wirkt und klingt das hochgezüchtete Triebwerk dabei nicht.

   Anders der Fahrer: Der kann sich dank serienmäßigem Allradantrieb stets bester Traktion gewiss sein und auch die Gangwechsel brauchen ihn nicht zu kümmern; die übernimmt die geschmeidige Achtgang-Automatik. Ganz der Tradition der alten Schweden verpflichtet, steht auch beim V90 die Sicherheit an erster Stelle. Driftet der Lenker gedankenverloren gen Straßenrand, greift der Volvo ein. Wie auch an der Kreuzung, wenn man beim Linksabbiegen mal den Gegenverkehr übersieht. Oder auf der Landstraße, wenn plötzlich ein Elch auf der Straße steht. Gerade die höhergelegten Vierbeiner werden schließlich bei einer Kollision schnell zur Gefahr: Fährt man ihnen gegen die Haxen, liegen die Schwergewicht mittig auf der Windschutzscheibe.

   Wie gut, dass die Technik auf all diese Gefahren ein Auge hat. Noch besser aber: Der Fahrer kann sich sogar ganz gemütlich in den großen Sessel zurücklehnen und selbst das Lenken, zumindest in bestimmten Situationen, an den Computer abgeben. Der Pilot Assist hält den Wagen auf der Spur und meistert die meisten Kurven mit Bravour. Vorausgesetzt, man will nicht schneller als 130 fahren. Und man hat eine Hand am Lenkrad. Dass will der Gesetzgeber so, und meint man, den Volvo austricksen zu können, ermahnt er einen schnell, das griffige Volant wieder zu greifen.

   Aber auch wenn man noch nicht beide Hände frei hat: Der Autopilot nimmt zumindest dem Fahrer, der einfach nur gemütlich von A nach B kommen will, viel Arbeit ab. Und so kann der auch mal einen Blick auf das Tablet-große Infotainmentsystem in der Mittelkonsole riskieren. Das kennen wir schon aus dem XC90 – und von Tesla. Und spätestens wenn man in den vielen Untermenüs und Systemebenen einen Einstellung sucht, ist man froh, das Steuer kurzzeitig der Technik überlassen zu können. Intuitiv ist das Radio-Navigations-Klimaanlagen-Einstellungs-und-was-sonst-noch-alles-System nämlich nicht.

   Kann es bei so vielen Möglichkeiten aber ja auch gar nicht sein. Allerdings ist jeder gut beraten, sich schnell mit der Bedienung vertraut zu machen. Jeder überflüssige Tatscher auf dem Touchscreen hinterlässt nämlich einen Fingerabdruck mehr, und das sieht in dem sonst so ordentlichen, andere würden sagen skandinavisch-kühlen, Cockpit einfach nicht schön aus. Unser Tipp: Abhilfe schafft ein mit einem Mikrofaser-Tuch bewaffneter Beifahrer.

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