#glaskugel Nein, als besonders fortschrittlich gilt der Schweizer gemeinhin nicht. Zumindest auf dem Genfer Automobilsalon aber lässt sich hervorragend ein Blick in die Zukunft werfen: BMW, Porsche, Volkswagen, Skoda und Aston Martin zeigen mit spannenden Konzepten, wohin die automobile Reise geht // Zukunft

Genf, Schweiz. „Neues für jedermann“ könnte die Überschrift des diesjährigen Genfer Autosalons lauten: Vom Audi A6 bis zum Toyota Auris, vom Mercedes-AMG GT Viertürer bis zum Skoda Fabia Facelift ist für jeden Geschmack, jedes Portemonnaie und jede Garage etwas dabei. Fast noch interessanter als die neuen Serienmodelle ist aber wieder einmal der Blick in die automobile Glaskugel. Mit aufregenden Studien lässt uns die Autoindustrie ein bisschen Zukunftsluft schnuppern und füttert geschickt den Hunger auf die kommenden Jahre an.

Besonders gelungen ist der Appetitanreger von BMW. Nicht nur, dass das grün schillernde M8 Gran Coupé Concept mit seinen gelbgoldenen Akzenten ansich schon von atemberaubender Schönheit ist; es steht auch, dezent-zurückhaltend in einer dunklen Ecke des BMW-Stands, nur wenige Meter neben dem ins Rampenlicht geschobenen GT Viertürer von Mercedes-AMG. Und während der beim Messepublikum durchaus auf geteilte Meinung stößt und von vielen ein „kann man schon so machen“ erntet, ist sich das Publikum beim M8 sicher: So macht man’s!

 

Konzeptionell sind sich die beiden ziemlich ähnlich: Viertürige Coupés schimpfen sie sich, auch wenn es seit Einführung des ersten CLS vor vielen Jahren einige Traditionalisten gibt, die nicht müde werden zu betonen, dass das gar nicht geht. Das Coupés nunmal zwei Türen haben. Und nicht vier. Der eleganten Form tun die hinteren Pforten, zumindest beim BMW, keinen Abbruch, die Fondtüren fügen sich nahtlos in die geschwungene Linie ein und wirken fast wie selbstverständlich. Mag sein, dass das auch den fehlenden Türgriffen geschuldet ist, die BMW kurzerhand weggelassen hat; auf klassische Außenspiegel wollte Chef-Designer Adrian van Hooydonk dagegen dann doch nicht verzichten.

Und natürlich auch nicht auf Insignien der Kraft: Schließlich reden wir hier vom M8. Mit ihren riesigen Lufteinlässen, dem bösen Blick der schmalen Scheinwerfer, ausgeprägten Seitenschweller und vier armdicken Endrohren deutet die Studie an, was noch nicht verraten wird: das unter Haube jede Menge Kraft steckt. Man muss kein großer Hellseher sein, um sich vorzustellen können, dass hier, voraussichtlich ab Ende 2019, der doppelt aufgeladene 4,4-Liter-V8 aus dem M5 einzieht und wahrscheinlich nicht weniger als 650 PS auf die Kurbelwelle wuchtet. Dem Triebwerk, und auch den optischen M-Feinheiten werden wir übrigens schon etwas früher nochmal begegnen. Schließlich nimmt die Genf-Studie nicht nur die dritte Ausbaustufe der noch nichtmal auf den Markt gebrachten 8er-Reihe vorweg, sondern deutet auch die Sportversionen von Coupé und Cabrio an. Der geschlossene Zweitürer wird wohl noch diese Jahr die Bühne betreten, die Oben-ohne-Version könnte im nächsten Frühjahr folgen.

Während BMW weiterhin, wenn auch nicht ausgesprochen, auf klassische Benzin-Power setzt, steht die Porsche-Studie Mission E Cross Turismo ganz im Zeichen grüner Sportlichkeit. Basis für das Concept ist der bekannte Mission E, den die Zuffenhausener mit einem hochgebockten Panamera zum Crossover weiterentwickelt haben. Mit einem gemütlichen SUV-Verschnitt hat der Cross allerdings wenig zu tun: 600 elektrische PS schubsen den weißen Porsche in 3,5 Sekunden auf Tempo 100; 200 Sachen stehen nach zwölf Sekunden auf der Uhr. Auch beim Laden beweisen die Porsche-Ingenieure einmal mehr, dass Tempo ihre Leidenschaft ist: 15 Minuten soll es dank 800-Volt-Bordnetz nur dauern, bis der Akku zu großen Teilen gefüllt ist. Ist der Stromspeicher voll Stromlingen, kann der Mission E Cross Turismo angeblich rund 400 Kilometer weit surren.

 

Genauso spannend wie der Antrieb ist auch der Blick ins Cockpit der fahrbereiten Studie: Smart-Cabin heißt die neue Inneneinrichtung, die wohl schon mit dem normalen Mission E 2019 in Serie geht und auch dem Beifahrer ein eigenes Display im Armaturenbrett gönnt. Dazu gibt’s einen weiteren Bildschirm auf der Mittelkonsole, selbstverständlich ein digitales Kombiinstrument und sogar Fensterheber und Sitzverstellung sollen zukünftig über kleine Touch-Displays funktionieren.

Fast ganz ohne Cockpit kommt der vierte VW I.D. daher. Mit dem Beinamen Vizzion schicken die Wolfsburger ihre Vision eines zukünftigen Markenflaggschiffs ins Rennen, das zumindest schonmal völlig autonom über die Bühne rollen kann. Auf der Straße lauern allerdings so viele Gefahren, dass die Serienversion, die 2021 auf den Markt kommen könnte, zunächst noch mit Lenkrad, Pedalen und Armaturenbrett vorfährt. An der Form soll sich dagegen nicht mehr viel ändern, wir dürfen uns also schonmal auf einen etwas überzeichneten Arteon einstellen. Allerdings soll das Serienmodell ein wenig kürzer ausfallen: Mit 5,11 Metern ist der I.D. Vizzion zum Selberfahren doch ein wenig zu unhandlich.

 

Deutlich praktischer, und vor allem viel seriennäher, ist die Skoda Studie Vision X, die das kommende SUV auf Fabia-Basis ankündigt. Details wie der beleuchtete Kühlergrill oder die Kameradrohne im Kofferraum werden den Sprung in die Serie wahrscheinlich nicht schaffen, das Blechkleid mit den zahlreichen Bügelfalten und dem seit kurzem scheinbar fest zur Marken-identität gehörenden Knick im Heck lässt dagegen nicht mehr viel Interpretations-Spielraum. Nur über die Farbe müsste man nochmal mit den Skoda-Designern reden: Das Neongrün kam schon beim Kodiaq zum Einsatz, aber nur auf der Messe. Vielleicht schafft es der grelle Farbton ja zumindest im kleinen Bruder endlich in den Konfigurator.

 

Weit entfernt von jeder Farbe ist die Aston Martin Studie – oder besser gesagt, das Lagonda Vision Concept. Die Briten wollen ihre noch luxuriösere Sub-Marke wiederbeleben und machen den ersten Aufschlag mit einer tiefschwarzen Fingerübung, die mit einem Serienmodell so viel zu tun hat, wie Aston Martin mit mit Brot-und-Butter-Autos. Der keilförmige Monolith mit plüschigem Lounge-Ambiente und – natürlich – Elektroantrieb soll aber auch gar kein Vorbote für ein bestimmtes Modell sein, sondern viel mehr das Comeback der Marke ankündigen. Und die hat hehre Ziele: Nicht weniger als das Duopol von Rolls-Royce und Bentley im absoluten Luxus-Segment will Aston Martin mit Lagonda zukünftig durchbrechen. Wie man das macht? Natürlich mit einem SUV. Wie gut, dass der DBX quasi in den Startlöchern steht und ab 2021 auch als Basis für den Lagonda-Hochbeiner dienen kann.

Fotos: Michael Gebhardt, Hersteller