#kannmanstauen Mercedes gründet die neue Marke EQ, BMW schickt mit dem X2 noch ein SUV-Coupé ins Rennen und VW will mit dem I.D. endlich dahin, wo Opel mit dem Ampera-e schon angekommen ist. Ein Streifzug über den Pariser Auto Salon.

   Paris. In Paris hat der Herbst Einzug gehalten. Die Sonne schickt ihre letzten goldenen Strahlen durch das filigrane Stahlgerüst des Eifelturms, auf den Seine-Dampfern wickeln sich die Touristen große Louis-Vuitton-Schals um den Hals und im Bois de Boulogne schwebt das Laub langsam aber sicher gen Boden. So schön, so romantisch. Auf dem Messegelände Paris expo Port de Versaille ist von der Ach-wie-nett-Baguette-Stimmung allerdings nicht viel zu spüren: Alle zwei Jahre trifft sich hier Ende September die Automobilbranche zur weltgrößten Motorshow, die mit rund 1,2 Millionen Besuchern noch mehr Menschen anlockt als die Schauen in Tokyo oder Frankfurt.

   Dementsprechend wuselig geht es zu, auf dem in die Jahre gekommenen, tristen Messepark mit seinen weiten Wegen und unübersichtlichen Hallen. Statt zu flanieren wird hier gehetzt, statt lauem Herbstwind gibt es stickige Messeluft, und das kuschelweiche Plaid verschwindet in den überhitzten Hallen schnell in der Tasche. Oder auch nicht, den am nächsten Stand sorgt die Klimaanlage schon wieder auf für arktische gestellt. Doch nicht nur temperaturmäßig unternimmt man in den verschiedenen Hallen kleine Weltreisen. Jeder Hersteller versucht, den ihm gegen teures Geld überlassenen, begrenzten Platz bestmöglich zu nutzen und seine eigenen Mikrokosmos aufzubauen. Hier ein künstlicher Wasserfall, dort mausgraue Sitzkissen in Kieselsteinform und da eine kühle High-Tech-Szeniere.

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   Unmengen an Geld, Zeit und Hirnschmalz werden in die kleinen Marken-Welten gesteckt, doch wer mit offenen Augen durch die künstlichen Kontinente streift, merkt schnell: Auf der Messe ist es auch nicht viel anders, als in der richtigen Welt. Globetrotter wissen, was ich meine: Egal ob in Rio, New York, Tokyo, in Reykjavik, Hanoi oder Lima, überall entdeckt man doch das gleiche. H&M, McDonalds und Co. haben, so scheint es, die Großstädte dieser Erde fest im Griff. Und auf der Messe? Das sind es SUV und Elektroautos, die einem auf dem Streifzug über die Stände ständig begleiten. Aber wie beim schwedischen Klamotten-Shoppen, wo man immer wieder mal einen echten Hingucker zwischen der Stangenware entdeckt, hält natürlich auch der Auto Salon ein paar Glanzlichter bereit, die aus der Offroader-die-nie-ins-Gelände-kommen- und Stromer-die-keiner-kaufen-will-Masse herausstechen.

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   Da ist zum Beispiel Mercedes, die mit dem Generation EQ nicht nur eine futuristische, aber zweifelsfrei als Benz erkennbare Kompakt-SUV-Studie mit Lounge-artigem Interieur und leuchtendem Kühlerstern mitgebracht haben, sondern damit gleich noch den Startschuss für eine komplette, neue Marke gegeben haben: Als Mercedes-EQ sollen fortan alle Stromer und Serviceangebote, wie zum Beispiel eine Ladeapp, vertrieben werden. Bis das Concept Car, wahrscheinlich als EQC, in Serie geht, dauert es aber noch gut zwei Jahre. Deutlich eher steht der neue Audi Q5 beim Händler, nämlich noch in diesem Herbst. Er schlägt größenmäßig in die gleiche Kerbe wie der Zukunfts-Benz, fährt aber zunächst mit konventionellen Benzinern und Dieseln vor. Und mit bekannter Optik: Wie bei den meisten neuen Audis der letzten Zeit, muss man auch beim Ingolstädter Mitteklasse-SUV zwei Mal hinschauen, um es als Neuauflage zu erkennen.

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   Noch mehr Insider-Wissen braucht man, um das von BMW mit an die Seine gebrachte i8-Sondermodell zu erkennen. Die Protonic-Dark-Silver-Edition des elektrifizierten Männertraums unterscheidet sich von ihren Brüdern vor allem durch die namensgebende Lackfarbe, die aber wohl alle Nicht-Kunsthochschul-Absolventen einfach als grau abtun werden. Immerhin: Das Sondermodell ist stark limitiert. Nach oben offen sind dagegen die Verkaufszahlen des neuen X2. Der ist zwar offiziell noch als Studie deklariert, doch dürfte das Serienmodell, das 2017 auf den Markt kommt nicht mehr viel anders aussehen. Und nach den Erfahrungen mit X4 und X6 dürften die Münchner große Hoffnungen in den dynamischen X1-Ableger stecken: Die kantig-maskulinen SUV-Coupés finden bei den Asphalt-Cowboys dieser Welt reißenden Absatz. Ein Erfolg, der auch dem neuen Land Rover Discovery gewiss ist. Die Neuauflage des kastigen Range-Rover-Bruders bleibt der klassischen Linie treu – inklusive der markanten Stufe im Dach – und wird so auch in Zukunft eine große Fangemeinde um sich scharen können.

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   Kein neues SUV hat Opel mitgebracht, dafür belegen die Rüsselsheimer das Elektrosegment – und wollen es mit dem Ampera-e ordentlich unter Spannung setzen. 500 Kilometer Reichweite sind dank 60-kW-Akku im Normzyklus drin, auf der Straße dürfte die Energie immerhin problemlos für 400 Kilometer reichen. So einen großen Strom-Speicher findet man weder beim BMW i3, dem frisch aufgerüsteten Renault Zoe, Nissan Leaf und auch nicht beim Elektro-Smart, der seine Premiere übrigens auch auf der Messe feierte. Und das aus gutem Grund. Das Akkupack ist teuer! Für den einst anvisierten Preis von unter 30.000 Euro werden Fahrer mit grünem Gewissen den Ampera-e deshalb auch wohl nicht bekommen.

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   Der Strom-Opel punktet mit Reichweite, beim Design allerdings haben sich die Kreativen nicht verausgabt. Anders die Franzosen: Zwar sind Renault Trezor und Citroën CXPerience nur Studien, dafür aber beide atemberaubend schön. Der Staatskonzern Renault präsentiert einen durchtrainierten Elektro-Sportwagen, der mit seinem nach oben aufschwingenden Dach zwar alles andere als praktisch ist, dafür aber sofort als Dienstwagen für einen Superhelden dienen könnte. Die PSA-Tochter Citroën vermittelt mit ihrem limousinenartigen Concept Car dagegen eine klare Botschaft: Wir wollen zurück in die Gentleman-Liga. Wann ein Nachfolger für den sowohl schmuck- wie auch erfolglosen C5 an den Start rollt, ist aber noch ungewiss.

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   Doch zurück zum Strom: VW versucht auch in Paris mit aller Gewalt von konventionellen Verbrennungsmotoren abzulenken und bringt eine einzige Neuheit mit, den I.D. Er soll die Elektro-Welle in Wolfsburg endgültig zum Rollen bringen und gibt einen Ausblick auf den nächsten E-Golf. Momenten ist der Stromer noch eine Umbaulösung, heißt: Benziner raus, E-Motor rein. Der Neue soll von Anfang an als E-Mobil konstruiert werden, aber nicht teurer sein als ein Diesel-Golf. So zukunftsorientiert sich die Mutter gibt, so klassisch präsentieren sich die Töchter. Skoda hat den Kodiaq mit nach Paris gebracht, ein großes SUV, wie es im Musterbuch für Hochbeiner stehen könnte: Bullige Optik, erhöhte Sitzposition und viel Platz. Und das alles für unter 26.000 Euro.

   Der spanische VW-Spross Seat hat sein erstes SUV Ateca schon auf dem Genfer Autosalon im Frühjahr präsentiert und reicht mit dem Ateca X-Perience nun eine etwas robustere Variante nach: Plasteplanken verleihen dem Spanier etwas mehr Abenteuer-Charme und locken zukünftig sicher mehr Männer in die Schauräume. Wobei die aber am liebsten noch ein Haus weiter fahren würden – zum Porsche-Händler. Dort wartet zukünftig unter anderem der Panamera 4 E-Hybrid, der bis zu 50 Kilometer weit elektrisch fahren kann, und den die Kombi aus V6-Turbo-plus-E-Motor immerhin 462 PS stark und 278 km/h schnell macht. Der neue Besitzer wird dafür aber rund 108.000 Euro ärmer. Geld, mit dem man auch viele schöne Wochenenden in Paris verbringen könnte – ganz entspannt und ohne Messe.

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