#GinDesLebensNo.1 Woran denken Sie, wenn ich Ihnen einfach mal lose und spontan den Begriff „Toter Grund“ zuwerfe? Bauflächen, die nicht verwendbar sind? Argumente, die in Diskussionen zu nichts führen und deshalb auch Totschlag-Argumente genannt werden dürfen? Tiefseegebiete irgendwo im Pazifik oder sonstwo, die so tief sind, dass sich nicht einmal mehr Lebewesen dort befinden?

Alles gar nicht so falsch. Aber: An Wien, amtlicherseits eine der lebenswertesten Städte seit Jahren, denken Sie dabei sicher nicht. Und auch nicht an frohes, freches Rumliegen und Rumlümmeln, an gestählte Körper, nussbraun frittiert, ach, gegart, sich zwischen Gräsern, Büschen und Bäumen räkelnd! All‘ das ist aber der Tote Grund in Wien – oder besser gesagt: Wäre er gern.

Denn, nomen est omen: Totgesagte sind eben manchmal doch schon tot. Toter als der tote Grund kann ein Grund nämlich gar nicht sein, man möchte fast sagen, diese Fleckchen Erde ist Wiens totester Grund – verzeihen Sie die Überstrapazierung, ja, ich laufe Gefahr, den Toten Grund totzuschreiben…

Zurück zu den Fakten: Der Tote Grund gilt in Wien als Hot Spot für alle jene, die insbesondere dem Sonnenbad im gleichgeschlechtlichen Umfeld frönen. Wer auf die Szene nicht verzichten kann, sucht sie sich auch in der Natur. So jedenfalls wird es sich erzählt und Neuankömmlingen, wie ich mal einer war, empfohlen. Grün soll das Fleckchen sein, gemütlich, sonnig, lebensfroh und freundlich. Also pilgern sie hin – die Neu-Wiener wie die Alt- sowie Noch-Wiener. Welche Großstadt hat sie nicht, diese Wiesen und Felder für den modernen Großstadtmenschen.

Wer sich dem besagten Grund in Wien jedoch nähert, entdeckt aber nur ein paar zufällig trapierte Büsche, Rasenstufen, den Blick über die Donau auf den oft genug nicht sehenswerten FKK-Teil im Naherholungsgebiet und letztendlich Dickicht im Rücken, in dem sich diejenigen, die unverbesserlich auch in der Sonntagmittagsonne mal „schauen“ wollen, die frisch rasierten Waden wund kratzen – das wars dann auch.

Das aber scheint vielen zu reichen: Nach wie vor zieht es viele an den Toten Grund auf der Suche nach dem sonnigen und sonntäglichen Frieden. Das sei gegönnt, empfohlen sei aber der berühmte Blick über den Tellerrand. In diesem Fall: Über die Donau. Denn wie so oft im Leben, liegt das Gute eigentlich ganz nah. Und in diesem Fall ist alt sexier als tot – und zwar an der alten Donau.

Wer sich dazu entschließt, einmal die vier Räder gegen zwei zu tauschen, wird fürstlich belohnt, sobald sie oder er oder beide oder alle gemeinsam nicht in Richtung Toter Grund, sondern entgegengesetzt, gen Donau City fahren. Unter Wienern längst kein Geheimtipp mehr, hat sich die sogenannte Alte Donau und alles, was sich darauf, darin und drumherum befindet, zum eigentlich schönsten Naherholungsgebiet der kaiserlich-königlichen Hauptstadt mit hoffentlich niemals braunem Anstrich gemausert. Zwischen prachtvollen Schwimmbädern auf Inseln paddeln, düsen und schippern Boote mit und ohne Whirlpool, Liebespaare oder Sonnenanbeter. Wunderbar spießige Schrebergärtenanlagen neben Polizeisportverein und einfachem Griechen katapultieren einen sofort in Kurzurlaubsstimmung. Unmengen von frei zugänglichen Stegen laden zum Sonnenbaden, Dösen und Kennenlernen ein.

Keine zwei Minuten saß ich kürzlich auf einem solchen Steg, und schon kam ich ins Gespräch mit zwei jungen Frauen, Tramper aus Ulm. Der Wiener ein paar Meter weiter – Kategorie, ja, frittiert und Badehosentechnisch mutig bekleidet – schaltet sich für Wiener eigentlich untypisch frei und fröhlich ins Gespräch ein. Über die Alte Donau rudern derweil beneidenswerte Körperpakete, denen manch‘ Zuschauer glatt nachpfiff. Und im Hintergrund immer die moderne und urbane Skyline der Donau-City. Kosmopolitischer, weltoffener und aufgeschlossener dürfte es in Wien im Sommer kaum irgendwo sein.

Und: So wie in Wien dürfte es auch in New York, Rio, Tokyo Örtchen geben, an denen manche meinen, nach wie vor bestens bedient und up to date zu sein. Doch das Leben zeichnet sich nun mal durch ständige Veränderung aus. Das kann manchmal anstrengend sein – bei ständig neuen Kaffeesorten, ständig neuen Trendworten oder ständig neuen Kundenkarten. Grundsätzlich birgt diese ständige Veränderung aber auch die faszinierende Möglichkeit, ständig neues zu entdecken.

Vielleicht sogar Neues, das Altes wunderbar definiert und wiederbelebt hat: Etwa die traditionelle Spazierfahrt in die Natur. An der Alten Donau heißt das: Frisches in Natur und Farbe etwa, Menschen aller Gesinnung mit einem Ottakringer oder Spritzer in der Hand, Entspannung beim Gespräch oder beim Einfach-Mal-Mund-Halten-und-Wolken-Zuhören. Ich bin mir sicher: Auch in Eurer Stadt gibt es diese Orte, Wiesen, Felder – und das oft nur einen Steinwurf entfernt. Geht raus, und entdeckt sie!