#quovadisluxus Kann man Genussfreude und Wohlstands-Überfluss auf einen Nenner bringen mit Genügsamkeit und ausgeglichenem Verbrauch? An nicht weniger als der Versöhnung dieser scheinbar unüberwindbaren Differenzen hat sich Land Rover im Rahmen der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion „Luxus und Nachhaltigkeit: Kein Gegensatz, sondern bewusste Entscheidung“ versucht. In der Nähe von schweren, stark motorisierten Oberklasse-SUV nähert sich dieser ohnehin streitbare Gegensatz mit Turbolader-Durchzug dem maximalen Grad an Konfrontation. Und das schon bei der Ouverture eines vielversprechenden Gesellschaftsdiskurs, der uns noch häufig beschäftigen wird // Meinung

 

  München Etwas Neues gab es nicht zu hören, an jenem ruhigen Januartag in Jaguar Land Rovers hauseigener Markenboutique am Odeonsplatz. Dort, in Münchens Herz, wo man den zuweilen etwas behäbigen bayerisch-gemütlichen Puls der Landeshauptstadt spüren kann, dort kündigt sich mit der berüchtigten Mia-san-mia-Mentalität die Richtung der Diskussion schon an. Wem diese bayerische Universalformel verständlicherweise schwierig eingeht, dem sei mit der monaco-italienischen Übersetzungsvariante für alle Zugereisten geholfen: Wir machen was wir wollen. Basta! Im Fall von Land Rover wird das dann so ausgedrückt: Wir machen Klassiker. Unsere Karossen sind als Evergreens also schon so wertvoll und beständig, dass sich die Fragen nach Luxus und Nachhaltigkeit quasi von selbst mit dem 404-PS-Hybrid-Range-Rover beantwortet.

 

Diesen Standpunkt kann man haben und man wird darin diejenigen in treuer Selbstüberzeugung vereinen, die eh schon SUV fahren wollen und denen ganz gleich ist, wer das noch luxuriös, oder schon obszön findet. Das Problem an diesem Standpunkt ist, dass er den aufgeworfenen Konflikt von Nachhaltigkeit und Luxus vollkommen unbeantwortet lässt und damit etwas viel schlimmeres offenbart: Die aktuelle Sprachlosigkeit der einst durch Enthusiasten und Problemlöser groß gewordenen Autoindustrie, die, angesichts der bohrenden Fragen einer neuen Generation, schon lange erkannt hat, dass sie diese Fragen mit Kreativität und Optimismus beantworten muss, um nicht von einer wachsenden Klasse von Mobilitätspessimisten moralisch zermalmt zu werden.

Gründe gibt es also genug, eine Debatte über Luxus und Nachhaltigkeit zu führen. Jaguar Land Rover schickte zu diesem Zweck neben Brian Fousse, Marketingdirektor für Deutschland, Colour and Trim Designerin Melanie McWhirter aus dem Team um Chefdesigner Gerry McGovern ins Feld. Erweitert wurde der Kreis mit der Modedesignerin Gabriele Strehle, bis 2012 Kreativdirektorin der Marke Strenesse und seitdem unter eigenem Label „Gabriele Strehle“ aktiv. Dazu gesellt sich Oliver Holy, Geschäftsführer von ClassiCon, einem Anbieter von Designermöbeln. Moderiert wurde die Runde von Dr. Oliver Herwig, vom Lehrstuhl für Designtheorie der Kunstuniversität Linz.

Um was ging es? Das Thema des Abends wurde schon zu Beginn von Herwig in die dominierende Richtung gedrängt. Er ließ uns in seinem Eingangsstatement wissen, welche große Erleichterung es für ihn bedeutete, an diesem Abend nicht mit der U-Bahn, sondern mit dem erfahrungsgemäß lockerer besetzen Bus ankommen zu können. Nun ist jedem Münchner unter uns die notorisch überfüllt-überforderte U-Bahn dieser sonst so wunderbaren Stadt ein wirklich leidvoller Begriff; mit diesem erkauften Schmunzeln war das Thema dann gesetzt: Luxus beginnt, wo Platz, Intimität und Ruhe, wo privater Raum beginnt.

 

Luxus, das ist die Qualität des eigenen, ja privaten Raumes, wie zum Beispiel der Innenraum eines Range Rovers. Klar, dass Oliver Holy als Möbelunternehmer hier den wohl vielversprechendsten Satz des Abends hervorbringen kann: “das Auto ist ein persönlicher Ich-Raum”. Für Holy bedeutet das, dass ein Auto wie ein gut ausgestattetes Wohnzimmer funktioniert. In Samt, Holz und Leder eingepackt, mit guten Boxen ausgestattet, bietet es die ideale Umgebung, um bei Beethovens feinen Höhen und Tiefen durch den Feierabendstau tiefenentspannt und regeneriert dem Arbeitsalltag zu entfliehen. Nahtlos soll dann der Übergang von Garage zu persönlichem Wohnzimmer vollzogen werden können. Individuelle Lichtstimmungen wären, so Holy, da eine Idee. Die Visionen Le Corbusiers werden Wirklichkeit in Form von smarter Vernetzung von Wohnung, Auto und Arbeitsplatz? Da funkelt kurzzeitig die Hoffnung auf eine saftige Diskussion zum Thema Luxus für gestresste Millenials auf, vom Nutzen und Lasten der smarten Digitalisierung unserer (mobilen) Welt.

Dieses Aufflackern wird aber jäh unterbrochen von den nahezu hypnotisch vorgetragenen Wohlfühl-Mantren von Gabriele Strehle. Das Wohlgefühl, das Wohlgefühl,…das Wohlgefühl der schönen Dinge, so spürt man es in ihrem Sprachduktus, bewegt überzeugend und ehrlich ihren ganzen Schaffensprozess. Mit dem Wohlgefühl soll es dann auch zum Luxus kommen. Ich kreuze im Kopf schon ihre Aussagen mit denen Oliver Holys. Regionales Leder soll uns also zu tief entspanntem Wohlgefühl führen. Manchen von uns mag solch ein Rohstoff den Puls eher beschleunigen als beruhigen, ich schweife ich ab.

 

Strehle bekräftigt sich dagegen in Wiederholungen. Offen lässt sie allerdings, wie sie ihre, für Kleidungsstücke ja noch nachvollziehbaren, Beschwörungen auf das Automobil übertragen will. Dr. Herwig hilft ihr mit einer wegweisenden Spitzfindigkeit: Solche Klassiker, wie ihre Kleidungsentwürfe, das sind Land Rover Modell ja durchweg auch.

Aus Strehles rituellen Wiederholungen des Wohlgefühls heraus ergibt sich dann noch tatsächlich ein interessanter Gedanke. Statt mehrerer dutzend Kleidungsstücke können uns ja weniger Stücke, dafür hochwertiger verarbeitet und in ewig aktuellen klassischen Schnitten tatsächlich das Leben erleichtern. Wie gut, das sie dafür auch ihre passende Kollektion gleich mit ankündigt. Luxus vom einfachen Leben, indem wir nicht mehr so viel wählen, wegschmeißen und besorgen müssen? Das ist, was Kleidung betrifft, tatsächlich so etwas wie ein überzeugender nachhaltiger Umgang. Aber gilt das auch für Autos? Können klassische Autodesigns dafür sorgen, dass Autos länger leben, also weniger Müll produzieren? Brian Fousse versucht davon zu überzeugen, verweist, vom Velar ausgehend, auf eine lange Kette zurecht illustrer Namen. Was er aber dabei außer acht lässt ist die naheliegende Vermutung, dass er mit seiner Firma ja auch in Zukunft noch neue Fahrzeuge verkaufen will.

 

Windet man seine Gedanken dann schließlich wieder heraus aus dieser mantrahaften Beschwörung, so nagen zwei Bedenken das wieder wach gerüttelte Gehirn. Erstens: was wir an jenem Abend als Konzept von automobilem Luxus gehört haben, ist bei weitem kein Alleinstellungsmerkmal für Land Rover. Die gleiche Beschreibung könnten wir auf die Kabinen der zukünftigen X7, Q8 oder einer G-Klasse anwenden. Zweitens: genau dieses Konzept von Luxus kann man zum Beispiel im Schloss von Compiegne in Frankreich begutachten. Dort findet sich eine Dauerausstellung frühneuzeitlicher Pferdekutschen aus den absolutistischen Prachthöfen Europas. Führen wir die Luxus-Debatte wie Land Rover sie vorschlägt, so bringen wir uns in die Vermutung, Luxus sei ein ewig unveränderbares Konzept. Und während sich die Gesellschaft außerhalb dieses Kokons der Luxuswelt ständig wandelt, so bewahren sich in diesem Kokon der Privatheit die alten feudalen Strukturen. Sei es vom Adel des Mittelalters, hin zur perfektionierten Gated Community der Gegenwart, die schon längst das gesamte zivile Dasein, vom Wohnen bis zur Mobilität umfasst. Die Frage sei also gestattet, was die Beschreibung eines SUV als konservative Trutzburg des notorisch gestressten, überempfindlich-beanspruchten Mitbürgers tatsächlich über die Konstitution des von offener Gesellschaft fabulierenden Digitalrevolutionären aussagt.

Und was hat das nun mit Nachhaltigkeit zu tun? Melanie McWirthers ernsthaft ambitionierter Versuch, die regionale und kontrollierte Herstellung der Ressourcen für diese Wohlfühlmaterialien zu betonen, bleibt, leider, eine im Nebensatz angedeutete Randbemerkung. Dass der neueste Range Rover mit elektrischem Plug-in-Hybrid ausgestattet werden kann, wird zwar im Rahmen der Podiumsdiskussion gerne erwähnt, aber nicht als entscheidendes Kaufargument, eher als brave Pflichtübung für denselben. Man darf sich auch durchaus fragen, ob etwa 51 Kilometer rein elektrische Reichweite einen überzeugenden Stromer darstellen. Viel lieber listet man dort Argumente für Kraft. Die 640 Newtonmeter aus beiden Aggregaten und die 6,7 Sekunden Beschleunigung finden einen hervorgehobenen Platz in großen Buchstaben.

 

Am Ende des Abends drängt sich mir ein Bild auf. Nachhaltigkeit ist wie die Portion Schlag auf der Sachertorte. Klar, die Sahne macht schon alles besser. Aber ehrlich gesagt, die Torte muss gut sein. Die Aussage des Abends bleibt: zuerst machen wir ein Luxusauto. Das Nachhaltige kommt dann irgendwie dazu. Dass dieses wirklich massive SUV also lautlos und schadstoffarm durch die Innenstädte gleiten kann und damit das dem Fahrer eigene Wohlgefühl quasi frei von Belästigung für den Fußgänger verwirklicht, mag angesichts dessen eine eher satirische Randbemerkung bleiben.

Eines möchte ich am Schluss klarstellen: Ich mag den Range Rover und würde sogar mitgehen, ihn als ein Klassiker unter den Autos zu beschreiben. Allein das wird ihn nicht zu einem nachhaltigen Auto machen. Und wer das Konzept vom smarten Wohlfühlraum als allzu seichten Versuch abtun will, Luxus zu erden, oder demütiger zu zeichnen, dem sei gesagt, wer die Bayern kennt und weiß, wie man mia-san-mia ernsthaft lebt, der wird die Verbohrtheit einer sturen Überzeugung einzuschätzen wissen. Denn so wie wir aus dem Wohlgefühl und Komfort der Privatzone Auto einen Fetisch für eine sensible Auffassung von Sicherheit vor den Mitmenschen entwickeln, so sehr bewegen wir uns in eine Richtung weit weg von einem geerdeten und offenen Luxus hin in die Richtung eiskalter Abschottung.

 

 

Fotos: Jaguar Land Rover, Hendrik Terwort