#kannvielesnochnicht Acht Jahre hat die etwas angestaubte, aktuelle Audi-A8-Generation auf dem Buckel, die der High-Tech-Konkurrenz aus Mercedes S-Klasse und 7er BMW zuletzt nur noch hinterfahren konnte. Aus der Gerüchteküche verlautbarte es in den vergangenen Jahren öfter, die Neuauflage sei fertig. Doch ein propagierter Starttermin nach dem nächsten verstrich, ohne dass Generation vier der Oberklasse-Limousine serviert wurde. Im Juli 2017 haben die Ingolstädter den Audi A8 endlich enthüllt – und unser Design-Experte hat sich gleich intensiv mit der etwas übereifrig verfeinerten Optik beschäftigt. Nun kommt die Limousine auf die Straße: Reichlich spät, aber in manchen Dingen immer noch zu früh // Ausfahrt

   Valencia, Spanien. Zu früh deshalb, weil die Limousine zum Marktstart die neuesten Funktionen schlichtweg nicht beherrscht. Viel wurde im Vorfeld vom autonomen Fahren erzählt, als erstes Auto überhaupt sollte der Audi den Level-3-Standard beherrschen. Heißt der Fahrer muss die Hände nicht mehr am Lenkrad haben. Und eigentlich kann er das ja auch: Im Stau beziehungsweise Stop-and-Go-Verkehr meldet sich die Technik zu Wort und bietet dem Fahrer an, das Steuer zu übernehmen.

Der Audi gibt Gas, bremst, lenkt und denkt von ganz alleine und rollt sicher über die Autobahn oder jede andere Schnellstraße mit baulich getrennten Fahrstreifen. Der eigentliche Lenker darf zwar nicht schlafen (das überwacht eine eigens installierte Kamera) und auch der Griff zum Handy bleibt weiterhin tabu, doch er kann sich entspannt zurücklehnen und die Rückenmassage vollumfänglich genießen.

Wenn, ja wenn es die AI-Taste schon zu kaufen gäbe. Die Preisliste weist vorerst nur die Gebühr dafür aus, dass der Schalter nicht in schnödem Plastik-Schwarz, sondern silberfarben lackiert kommt. Die künstliche Intelligenz selbst lässt indes noch auf sich warten. Vielleicht Ende 2018, vielleicht aber auch erst 2019 wird der Staupilot erhältlich sein. Schuld ist mal wieder die EU, die den nötigen rechtlichen Rahmen noch nicht geschaffen hat.

Bereits erlaubt, aber noch nicht zu Ende entwickelt sind eine Reihe weiterer Assistenten: Zukünftig kann der A8 nicht nur selbstständig in fast jede Parklücke fahren, sondern der Einparkvorgang kann auch von außerhalb des Autos per Smartphone-App gestartet werden. Auch in die Garage rollte der Audi bald von allein rein und auch wieder raus – in Anbetracht der häufig schmalen Autohütten und des mindestens 5,13 Meter langen Schlachtschiff keine schlechte Funktion. Genauso wie der Manöver-Assistent, der beim Rangieren und langsamen Fahren die Umgebung im Auge behält und eingreift, wenn man mal wieder einen Poller auf dem Supermarktparkplatz übersieht oder die Kurve in der Tiefgarage etwas zu eng nimmt. Ehe es zum Zusammenstoß oder Kratzer kommt, tritt der Helfer auf die Bremse. Auch die Räder sind zukünftig besonders geschützt: Ein Bordsteinassistent soll Schrammen in den nicht gerade billigen Leichtmetall-Schlappen vermeiden, in dem er eingreift, ehe sich Felge und Randstein zu nahe kommen.

 

Und es geht noch weiter: Auch das hochgelobte Aktivfahrwerk, das alle vier Räder einzeln ansteuert und die Straße vor dem Auto abscannt, um sich perfekt auf alle Unebenheiten vorbereiten zu können, lässt noch gut und gern ein halbes Jahr auf sich warten. Und damit auch zwei neue Sicherheits- beziehungsweise Komfortfunktionen. Zum einen kann sich der A8 – so richtig in James-Bond-Manier – beim Türöffnen demnächst um bis zu acht Zentimeter anheben, damit vor allem das Aussteigen aus dem Fond leichter geht. Und auch bei einem drohenden Seitenaufprall pumpt sich die Limousine hoch. So trifft der Gegner weiter unten auf den Schweller, der mehr Energie aufnehmen kann als die Tür.

Das alles aber ist, wie gesagt, noch Zukunftsmusik, die, wer jetzt zuschlägt und mindestens 90.600 Euro zum Audi-Händler trägt, noch nicht zu hören bekommt. Stattdessen spielt das Audi-Orchester aktuell vor allem bekannte Oberklasse-Klänge. Was nicht heißen soll, dass der A8 kein feines Auto wäre. Ganz im Gegenteil, die neue Generation kann auch ohne all die schönen neuen Assistenten endlich wieder mit S-Klasse und 7er in einer Liga spielen. Das gilt für die vor teuren Extras überbordende Preisliste gleichermaßen genauso wie für das butterweiche Luftfahrwerk, die perfekte Geräuschdämmung, den mit viel Feinsinn gestalteten und mit sorgfältig ausgewählten Materialien ausgeschlagenen Innenraum oder die zahlreichen kleinen Details. Zum Beispiel die elektrischen Türschlösser. Statt wie bisher die Pforten mechanisch zu entriegeln, reicht von innen wie außen ein leichter Zug am Türgriff, schon entsperrt die Technik und die Tür geht auf. Das ermöglicht zudem Spielereien wie den Passantenschutz: Wer aus dem geparkten A8 aussteht und nicht sieht, dass sich von hinten ein Fußgänger oder gar Radfahrer nähert, wird zukünftig nicht mehr nur gewarnt, sondern das System wartet auch einen kleinen Moment mit der Freigabe der Tür.

Ein echtes Schmankerl ist außerdem das High-End-Cockpit: Zwei höchstauflösende Black-Panel-Displays in der Mittelkonsole schicken die alte Dreiteilung aus Infotainment-System, Klimabedieneinheit und sonstigen Schaltern in Rente und verbannen fast alle konventionellen Tasten. Auch die Rändelräder an den Luftduschen sowie den MMI-Dreh-Drück-Knubbel hat Audi gleich mit entsorgt, fortan wird alles per Touch- oder Spracheingabe gesteuert. Mehr noch: Auch das etwas alberne Touchpad, auf dem Buchstaben malerisch eingegeben werden konnten, ist rausgeflogen. Wer zum Beispiel sein Navi-Ziel nicht auf der virtuellen Qwertz-Tastatur eingeben will, kann zukünftig das gesamte Display zum Schreiben hernehmen – die Klimasteuerung macht automatisch Platz für das virtuelle Papier.

Nicht nur die Erste-Reihe-Passagiere haben genug Displays zum betatschen, auch im Fond gibt’s reichlich berührungsempfindliche Flächen: Einmal den Smartphone-großen Controller in der – beim Viersitzer – fest eingebauten oder am Mittelplatz ausklappbaren Armlehne, der Klima, Sitzeinstellung und vieles mehr steuert – zum Beispiel auch das neue Matrix-LED-Leselicht mit Helligkeitseinstellung. Und zum andere die an den Kopfstützen der Vordersitze, gegen reichlich Aufpreis natürlich, angebrachten, entnehmbaren Tablet, die für die Belustigung der Fondgäste sorgen und natürlich mit dem Internet verbunden ist. Wer’s beim Daddeln ganz bequem mag, fährt von hinten rechts den Beifahrersitz ganz nach vorne, klappt die kleine Beinablage aus und lässt sich vom Audi die Füße massieren. Platz hat die 5,30 Meter Langversion schließlich genug.

Erstaunlich, dass Audi bei all der Neuheitenflut nur relativ wenig an den Motoren gemacht hat: Neu ist zum einen die Bezeichnung, die wohl nur die wenigsten Kunden wirklich verstehen werden: die Modelle heißen jetzt je nach Leistung A8 50, 55 oder 60. Zum anderen verfügen fast alle Varianten jetzt über ein 48-Volt-Bordnetz. Die stärkere Stromversorgung nebst eigener Batterie hilft beim Spritsparen, weil sie beim Bremsen und Ausrollen deutlich mehr Energie zurückgewinnen kann und der A8 in bestimmten Situationen sogar Segeln, als mit abgestellten Motor dahingleiten, kann. Auf dem Papier funktioniert das beim 340 PS starken Dreiliter-Sechszylinder-Benziner und dem gleichgroßen 286-PS-Diesel ganz gut; letzterer nimmt sich 5,8 Liter, der Otto zwei Liter mehr. Zumindest die Dieselabgase werden mit AdBlue-Hilfe gereinigt, die Fremdzünder dagegen dürfen ihre Partikel noch ungefiltert in die Luft blasen. Wie so oft, zögert die Industrie die Abgasreinigung also bis zum geht nicht mehr hinaus, schließlich, so Audi erfülle man derzeit ja auch so alle Vorgaben. Wohin das führen kann, wurde in den letzten zwei Jahren mehr als deutlich!

Und: Wie es in der Praxis mit den Verbräuchen ausschaut, muss sich auch erst noch zeigen. Zumindest das aktuellen Top-Modell, der achtzylindrigen A8 60 mit 460 PS, knausert in der Realität nicht: Knapp 15 Liter zeigte der Bordcomputer bei meiner ersten, nicht gerade flott gefahrenen Runde mit Audis neuem Flaggschiff und nur mit 100 Sachen auf der Autobahn ließ sich der Wert im Bordcomputer in den einstelligen Bereich drücken. Nötig ist der Griff zum Achtender aber ohnehin nicht wirklich: Außer einer kleiner Anfahrschwäche wirkt der V6 fast genauso souverän – und der ist sogar ab sofort erhältlich.

Fotos: Audi, Michael Gebhardt