#kannmannichtfahren Beim Concourse D’Elégance in Pebble Beach geben sich alljährlich die edelsten Vertreter der Automobilgeschichte ein Stelldichein. Daimler schaut dagegen in die Zukunft, und zeigt mit der extravaganten Coupé-Studie Vision Mercedes-Maybach 6, wie sich die Schwaben den Klassiker von Morgen vorstellen. 

   München, Pebble Beach, USA. Die kleine Bucht rund um Pebble Beach, gut zweieinhalb Stunden auf dem Highway No. 1 südlich von San Francisco gelegen, ist ein Eldorado für Golfer. Einige der besten, schönsten und vor allem teuersten Anlagen des Landes, ja vielleicht sogar der Welt, drängen sich hier auf engstem Raum. Saftig grüne Fairways stoßen an schroffe Felsenklippen, statt künstlich angelegten Wasserhindernissen bewacht der Pazifik die gesamte Küste. Abgesehen von rauschenden Champagnerpartys in den Privatvillen der Schönen und/oder Reichen geht es hier recht ruhig zu. So ruhig, dass sich immer wieder Rehe und Hirsche auf die Grüns verirren, und sich weder von Golfern noch von den Touristen auf dem legendären 17-Mile-Drive zwischen Monterey und Carmel-by-the-Sea, wo Clint Eastwood in den 80ern als Bürgermeister für Recht und Ordnung sorgt, stören lassen.

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   Doch einmal im Jahr erwacht die verschlafene Bucht zum Leben und verwandelt sich in ein Mekka gut betuchter Gentlemen und ihrer auf jung gemalten Gattinnen – oder wahlweise tatsächlich jungen Liebschaften – die hier ihre automobilen Schätzchen zur Schau stellen oder im Kaufrausch auf die Jagd nach meist sündhaft teuren Preziosen gehen. Statt idyllischer Ruhe bollern, blubbern und röhren überall Motoren und Ölgeruch verdrängt den Blumenduft. Die ganze Region scheint für eine Woche im Jahr Benzin im Blut zu haben, zahlreiche Clubtreffen, Auktionen und sonstige Veranstaltungen rund um des Mannes liebstes Stück (auf vier Rädern) locken unzählige Besucher an die Küste. Glanzlicht und Schlusspunkt des automobilen Almauftriebs ist der Concours D’Elégance auf dem heiligen Rasen des Pebble Beach Golf Course, Rund um das 18. Loch entsteht ein Automuseum der Extra-Klasse und lädt Herren in edlem Zwirn zum Flanieren und Fachsimpeln ein – besser könnte die Kulisse nicht gewählt sein. Fehlt nur noch Elton John, der seinen Flügel auf das Grün schiebt und mit Cher im Duett „The winner takes it all“ singt… Spätestens dann aber würden wohl die Greenkeeper des Golfclubs zur Familienportion Bourbon greifen.

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   Inzwischen ist die Monterey Car Week, wie das Spektakel offiziell heißt, nicht mehr nur ein Stelldichein rarer und edler Oldtimer, sondern wurde von den Herstellern als wohl luxuriösester Schauraum der Welt entdeckt, wo sie die Speerspitzen ihrer Modellpalette in wahrlich bestem, kalifornischen Licht und umringt von Unmengen an Barvermögen und Schwarzgeld präsentieren können. Neben der Stangenware aus der Serie versucht die Industrie aber auch Jahr für Jahr das Interesse von Geldadel und versammelter Journaille zugleich mit außergewöhnlichen Studien auf sich zu ziehen. Und dieses Jahr hatten ausgerechnet die sparsamen Schwaben von Mercedes den heißesten Auftritt beim Pebble Beach Concours!

Vision Mercedes-Maybach 6, 2016

   „Studie eines extravaganten Coupés der Luxusklasse“ steht nüchtern über der Pressemitteilung, und meint doch nicht weniger als eines der atemberaubendsten Autos der vergangenen Jahre, das selbst James Bond vor Neid erblassen lassen würde. Vision Mercedes-Maybach 6 heißt der ultimative Luxus-Zweitürer, den die Schwaben mit an die Westküste gebracht haben und bei dessen Anblick sicher der ein oder andere gleich das gut gefüllte Scheckbuch zücken wollte. Aber keine Chance: Der 5,70 Meter lange Über-Benz ist ein Einzelstück!

Vision Mercedes-Maybach 6, 2016

   Ergötzen aber durfte man sich nach Belieben, wenn man denn wusste, wo man mit dem Bestaunen anfangen soll. Bei der ewig langen Motorhaube vielleicht, oder den 24 Zoll großen Rädern? Bei den superschmalen Scheinwerferschlitzen oder doch lieber bei dem massigen, senkrecht stehenden Kühlergrill mit feinen Streben, der in so manchem Kleingarten locker als Rankgitter dienen könnte. Vielleicht bleibt man aber auch gleich am Heck hängen, einer Mischung aus Jaguar E-Type und Raumschiff Enterprise, spitz nach hinten zulaufend und aerodynamisch der letzte Schrei. „Boat tail“ nennt Mercedes diesen Bürzel und will damit die Brücke zu Luxusyachten schlagen.

   Die Türen des Concept Cars schwingen nach oben auf und erinnern natürlich an den legendären Flügeltüren, das Interieur, das sie beim öffnen freigeben, stammt dagegen aus der Zukunft – Captain Kirk würde sich hier auf der Stelle wohl fühlen. Das hinter dem Lenkrad überhaupt noch Rundinstrumente sind, ist schon fast ein Wunder, wurde doch die gesamte Windschutzscheibe kurzerhand zum Infotainment-Display gemacht. Zusätzlich gibt es ein umlaufendes Glaszierteil auf dem Dashboard, das weitere Informationen bereit hält – Augmented und Virtual Reality lassen grüßen. Dass man den Mercedes-Maybach 6 nicht mehr über schnöde Knöpfchen bedient, versteht sich von selbst, gesteuert werden die Funktionen über Sensoren im Leder oder Handgesten.

   Ganz bürgerlich wirkt dagegen der Holzfußboden aus Ulme. Und auch der Antrieb ist heutzutage keine Sensation mehr: Vier Elektromotoren, an jedem Rad einer, entwickeln zusammen 550 kW/750 PS und sollen den 6er in unter vier Sekunden auf Tempo 100 schubsen – das klingt verdächtig nach der Antriebseinheit des Elektro-SLS. Mit einer Batteriekapazität von 80 kWh soll eine Reichweite von über 500 Kilometern möglich sein, man könnte also problemlos mit dem Mercedes-Maybach in den Urlaub fahren. Und auch wenn das mangels frei handelbarer Exemplare nie jemand machen wird: Daimler hat schon mal ein passendes Kofferset für den vorderen der beiden Gepäckräume entworfen.