#GinDesLebensNo.4 Dem geneigten CarMen-Leser mag aufgefallen sein: Wo ist nur die Kolumne hin? Nach nur drei Ausgaben wieder auf der Resterampe journalistischer Experimente gelandet? Mitnichten. Ein paar Reisen über London, Oberhausen, Düsseldorf, München, Wien, Amsterdam und nun Peru haben mich aus der Heimat gerissen und abgehalten. Von so allerlei. Mittlerweile 20 Flüge in sechs Wochen haben mich lernen lassen, dass Reisen nicht nur bildet, sondern auch ermüdet, rasend macht, verwirrt und vor allem: alles andere als einfach ist. // Kolumne

   Manch‘ Höhepunkt meiner Reisen wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Etwa der so wohlorganisierte Reisende am Check-In-Schalter in Düsseldorf, der lautstark darauf aufmerksam machte, er warte schon länger und habe aus diesem Grunde nun das offensichtliche Recht, sich vorzudrängeln. Ich konnte nicht anders und schoss ein angeekeltes „Sie sind so deutsch!“ in seine Richtung – womit wir auch schon beim Thema sind.

   Ist das gut? Ist das schlecht? Deutsch zu sein?

   Eine Frage, der man sich in diesen Zeiten nur gutüberlegt und – Achtung: wohlorganisiert – widmen sollte – oder zumindest von einem Ort aus, an dem Deutschsein offensichtlich en vogue ist. Dresden? Blesewitz? Usedom? Nein, besser nicht. Sondern in Asia.

   Asia ist nicht nur dieser große Kontinent im Osten unseres Planeten, sondern auch eine kleine Urlaubssiedlung in Peru, knapp eine Stunde von Lima entfernt. Während das eine Asien durch schiere Größe, Vielfalt und Jahrtausende alte Kultur besticht, versucht das kleine Asia in Peru mit Ordnung, Vereinheitlichung und Regeln zu begeistern. Ganz ohne Stadtkern, dafür aber mit einer gigantischen Freiluft-Mall versehen, liegt die schicke, keine zwei Jahre alte Neubausiedlung direkt am Pazifik. Vor sich also der endlose Ozean, in den allabendlich – wie bei Capri – die rote Sonne im Meer versinkt. Hinter sich, wo sich in wenigen hundert Meter Entfernung die Panamericana durch die Dünen schlängelt, eine genauso endlose Ansammlung von Sand und Staub, in dem rund um die Uhr nicht die Sonne, sondern (unbemerkt von mir und anderen Urlaubssiedlungsbewohnern) der Müll versinkt.

   Doch das will und soll der Asia-Bewohner gar nicht sehen, deshalb richte ich den Blick schnell wieder nach vorn auf die heile Welt: Wenn ich meine Augen aus dem Obergeschoss über die Anlage schweifen lasse, kann ich den saubere Pool bewundern, der jeden Dienstag grundgereinigt wird. Gleich davor ist ein Parkplatz, auf dem für jede Parzelle eine Lücke reserviert  ist – natürlich mit Hausnummer und Kennzeichen. Kinder von 3 bis 8 Jahren dürfen glücklich, aber nur ohne Schuhe, in der liebevoll konstruierten Hüpfburg tollen, aber auch nur, wenn der Rasen gerade nicht gegossen wird. Pünktlich um 18 Uhr entfernen täglich Mitarbeiter der Hausverwaltungsarmee die ausnahmslos schwarzen und nur mittwochs zwischen 11 und 12 Uhr im Urlaubssiedlungsbüro abholbaren Müllsäcke von der Müllsackablagestation, die vor jedem Haus installiert ist. Fast schon unpünktlich kommt zwischen 19 und 20 Uhr der Supermarktservice, der täglich an die Terrassentür klopft und fragt, wieviele Brötchen es am nächsten Morgen sein dürfen.

   Mir unbekannte Vögel aus der Kategorie Jurassic World stolzieren über den saftigen Rasen der künstlich angelegten Anlage und geben Geräusche von sich, die Hitchcock hätten animiert haben können. Dazu erklingt hin und wieder der Klang aneinander gestossener Löwenbräu-Bierflaschen, der sich romantisch mit dem Meeresrauschen des Pazifik vereint; ab Punkt 17 Uhr gesellt auch noch das Schnattern der Rasenbewässerungsanlage dazu, die alle vier Meter für den grünen Rasen sorgt.

   Natürlich gibt es in Asia auch einen Tennisplatz. Doch bevor ich mir meine vom Tennisplatzvorstand geprüften Tennisschuhe anziehe und einfach ganz spontan aufschlage – der Platz ist schließlich leer –,  suche ich doch lieber das Tennisplatzbüro auf, um den Center Court ganz spontan für morgen von 13 bis 15 Uhr zu reservieren. Nicht dass mir das gleiche Malheur passiert wie gestern, als ich mich spontan an einem der Tische am breiten, langen Strand niederließ, ein wenig buddelte und mein nach Reinheitsgebot gebrautes Bier genoss, während die Sonne im Meer versank. Dass auch dieser Tisch mit Parzellennummer versehen war, musste mir entgangen sein. Doch hier achtet man (auf) sich, und so erinnerte mich der Herr vom Haus gegenüber, dass mein Tisch doch nur wenige Meter weiter stünde. Ich hinterließ den Tisch samt Liegestühlen, auf denen vorausschauendes Handtücher ablegen nicht erlaubt ist, natürlich besenrein und wie neu. Ein bisschen Ordnung muss schließlich auch im Urlaub sein. Auf dem Tennisplatz genauso wie am Strandtischchen.

   Beim Studieren der Gebrauchsanweisung noch vor Inbetriebnahme des Urlaubsdomizils überkommt einen schnell das Gefühl, nicht etwa 11.234 Kilometer weit verreist, sondern mit dem Familienvan nur wenige Kilometer weiter ins Strandbad mit benachbarten Campingplatz gefahren zu sein. Die Anordnung der Palmen auf dem eigenen Grundstück sind hier genauso geregelt wie das Verhalten auf dem Parkplatz oder das Zeitfenster, das eigens fürs Anbringen von Bildern und Regalen im Haus vorgesehen ist. Auch das Betreten fremder Grundstücke ist freilich per Dekret strengstens untersagt, doch sorgen hier zumindest keine Zäune und Gitter für die Einhaltung gemeingeltender Richtlinien. Hier hält sich schließlich jeder an die Regeln!

   Wer wie ich schon öfter in Peru weilte, lernt die gute alte Wohlorganisiertheit der Deutschen aus einer vollkommen neuen Perspektive kennen. Nämlich als Exportschlager Nummer 1. Nicht etwa der Zuffenhausener Sportwagen, die bunten Gummibärchen oder die Brillengläser aus dem Osten gelten hier als Nonplusultra deutscher Erfinderkunst, sondern die gute, alte, deutsche Ordnung. Und so entfliehen neureiche Peruaner dem Chaos der 24-Stunden-Staus in Lima, in dem sie deutsche Ordnung zwischen Pazifik und Wüstensand leben. Inklusive Löwenbräu. Und als ich einem Parzellen-Nachbarn, sie wissen schon, der mich auf mein Strandtisch-Vergehen aufmerksam machte, beim Feierabend-Bier davon erzähle, dass in Deutschland vieles gar nicht mehr so eng genommen wird wie hier, schaut er melancholisch in die im Meer versinkende Sonne und haucht ihr traurig hinterher: „Armes Deutschland“.