#kannschnellundlangsam Der neue Ferrari 488 Spider ist kraftvoll wie ein Araber-Hengst und gleichzeitig zahm wie ein Island-Pony. Beim Erstkontakt hat er uns beide Seiten gezeigt. 

   Bologna/Italien. Verführerisch blinzelt die Morgensonne hinter den Hügeln der Emilia Romagna hervor, bereit, die letzte Süße in die verbliebenen Weinreben zu schicken. Die Natur schläft noch, nur ein leises Knirschen durchbricht die Stille. Es kommt vom Kies unter den breit bereiften 20-Zöllern des Ferrari 488 Spider, der langsam vorfährt. Moment mal: Ferrari und leises Knirschen? Da stimmt doch was nicht. Doch – bei diesem Ferrari stimmt alles. Denn der Roadster mit dem sich aufbäumenden Pferdchen im Logo ist Leisetreter und Krawallmaschine zugleich. Mit beeindruckender Leichtigkeit und Zurückhaltung lassen sich die 670 PS des zwangsbeatmeten V8 im Heck des Roadsters führen. Doch das ist nur eine Seite des offenen Italieners, der schon mit seinem extrem scharf gezeichneten, straff sitzenden Aluminum-Kleid zeigt, dass deutlich mehr in im steckt.

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   Gibt man dem Achtender die Sporen, prescht der Anderthalb-Tonner los, als gäbe es kein Morgen mehr. Nach nicht einmal neun Sekunden – viele Autos nähern sich da gerade mal dem Tempo 100 – zeigt der Tacho 200 km/h an; wenn man ihn denn findet. Die Geschwindigkeitsanzeige scheint den Ingenieuren nicht so wichtig zu sein, sie versteckt sich im Bordcomputer, der links des alles dominierenden Drehzahlmessers angebracht ist. Rechts davon sitzt das Infotainmentsytem, alles ist auf den Fahrer ausgerichtet, der Sozius darf sich lediglich mit der Klimaanlage beschäftigen. Vorausgesetzt, er kann sich aus den Fängen des fest zu packenden Sportsitzes befreien, in den er bis zum Erreichen der Vmax – jenseits von 325 Sachen – mit Nachdruck gepresst wird.

   Jetzt ist es auch vorbei mit der Ruhe. Ohne das störende Hardtop, das binnen 14 Sekunden im Heck verschwindet, dringt der Motor-Klang ungefiltert an die Ohren. Als müsse sich ein ganzer Chor beweisen, reicht das Spektrum vom kräftigen Bariton, über die gefällige Tenor-Lage bis hin zum schreienden Sopran. Die Koloraturen allerdings hat Ferrari entschärft, anders als sein Sauger-Vorgänger im 458 kreischt der neue Turbo nicht mehr ganz so hoch; wahre Ferraristi werden es vermissen, sozialverträglicher ist es aber allemal. Und es ist ein weitere Schritt weg vom Radau-Image à la Lamborghini, hin zum supersportlichen Allrounder in der Porsche-Liga.

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   Der Fahrer hat es in der Hand: Über Schaltwippen kann er die sieben kurz übersetzten Gänge in Sekundenbruchteilen durch tauschen – reichen würden auf der Landstraße auch drei. Wer die Maximaldrehzahl von 8000 Touren ausreizt, kommt sogar schon im zweiten Gang locker auf 100 km/h. In Sekundenbruchteilen reagiert der Motor auf Gasbefehle und lässt das Wort Turboloch aus dem Sprachschatz verschwinden. Nicht minder akkurat arbeitet die Lenkung, mit der sich der 488 punktgenau in die Kurve hinein werfen lässt, die er anschließend mit einemvom ESP tolerierten Heckschwung wieder verlässt. Dass dabei deutlich mehr als die versprochenen 11,4 Liter durch die Benzinleitung rauschen, ist nicht erwähnenswert.

   Spritsparen kann man schließlich auf der Langstrecke. Augsburg–Hamburg, kein Problem. Während Lambo-Fahrer schon die Ohropax suchen, packt der 488 Fahrer schnell sein Täschchen, dass wegen des überschaubaren Gepäckabteils im Bug eh nicht groß sein darf, und tritt die entspannte Reise an. Schnell noch am Lenkrad den Komfortmodus eingestellt, der bei Ferrari ehrenhalber unter dem Namen Sport firmiert und die Dämpfer in den als Schlechtwege-Einstellung getarnten Softie-Betrieb gebracht, schon rollt der viereinhalb Meter lange Roadster geschmeidig über durchschnittlich gute Straßen und die Automatik schaltet unverzüglich in den höchsten Gang. Selbst dann steht noch ausreichend Kraft für knackige Zwischensprints zur Verfügung. Und schließlich weiß der Fahrer ja: Soll aus dem lauen Lüftchen, dass ihm sanft im Haar spielt, wieder ein brausender Orkan werden, reicht es, den Gasfuß ein bisschen mehr zu senken, schon erwacht das Kraftpaket im Heck wieder zum Leben.

 

Ferrari 488 GTS

  • Hubraum: 3902 ccm
  • Leistung: 670 PS bei 8000/min
  • Drehmoment: 760 Nm bei 3000/min (im 7. Gang)
  • Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungs-Getriebe
  • Länge/Breite/Höhe: 4,57/1,95/1,21
  • Leergewicht/Zuladung: 1525/k. A.
  • Kofferraum: 230 l
  • Anhängelast gebremst: k. A.
  • 0–100 km/h: 3,0 Sek.
  • 0–200 km/h: 8,7 Sek.
  • Top-Tempo: >325 km/h
  • Normverbrauch: 11,4 l Super
  • CO2-Ausstoß: 260 g/km
  • Energieeffizienzklasse: G
  • Preis ab: 228.368,14 Euro